Filmplakat Die Insel der besonderen Kinder
7/10

„Vornehme Leute nehmen ihr Abendessen nicht nackt ein.“ (Die Insel der besonderen Kinder, 2016)


Die Insel der besonderen Kinder

Besprechung

Jake (Asa Butterfield) ist ein unscheinbarer Teenager aus Florida. Als Jake seinen geliebter Großvater Abe (Terence Stamp) im Garten ohne Augen findet und dieser mit seinen letzten Worten seinem Enkel unverständliche Instruktionen gibt, ist der Junge verständlicherweise getroffen und verwirrt. Seine Therapeutin Dr. Golan (Allison Janney) rät ihm, zu der Insel zu fahren, die sein Opa kurz vor seinem Tod in einem Brief erwähnte. Vielleicht hilft das beim Heilungsprozess.

Als Jake mit seinem Vater Frank (Chris O’Dowd) auf der kleinen walisischen Insel ankommt, macht sich der Junge schnell auf den Weg, das Waisenhaus zu suchen, in dem sein Großvater einst untergebracht war und von dem der alte Mann seinem Nachkommen immer so fantastische Geschichten erzählt hat. Tatsächlich findet er das Waisenhaus – von einer Fliegerbombe im Zweiten Weltkrieg zerstört. Beim Untersuchen des Gebäudes stößt er auf einige Kinder. Das sind die Kinder, die sein Großvater immer in seinen Geschichten erwähnte! Da ist die Feuer produzierende Olive (Lauren McCrostie), die noch sehr junge, aber extrem starke Bronwyn (Pixie Davies), der unsichtbare Millard (Cameron King) und auch die bezaubernde Emma (Ella Purnell).

Die Kinder bringen den jungen Amerikaner ins Waisenhaus – das nun aber noch voll intakt ist. Jake erfährt, dass er sich im Jahre 1943 befindet, um genau zu sein am 3. September. Die Aufpasserin Miss Peregrine (Eva Green) hat eine Zeitschleife kreiert, so dass sich die 24 Stunden dieses September-Tages immer und immer wiederholen. Miss Peregrine ist eine Ymbryne, eine Aufpasserin von besonderen Kindern, die eben solche Zeitschleifen erstellen können.

Jake lernt die anderen besonderen Kinder des Hauses kennen. Außerdem erfährt er von dem unheimlichen Barron (Samuel L. Jackson), der einst auch ein besonderes Kind war, sich aber mit einer Gruppe abgespalten hat, weil sie nicht immer den selben Tag erleben wollten, sondern raus aus der Schleife und rein ins echte Leben. Um hier überleben zu können, benötigen er und seine Schergen die besonderen Kinder. Und damit auch Jake.

Meinung von

Der amerikanische Autor Ransom Riggs hat alte Fotografien von Flohmärkten sowie aus Antiquitätsgeschäften genommen und um diese seltsamen, rätselhaften Fotos herum eine fantastische Geschichte gesponnen. Regisseur Tim Burton nahm sich des ersten Bandes an. Es giebt wohl zwei Veränderungen zum Buch. Einmal die Tatsache, dass Olive und Emma ihre "Kräfte" aus dem Buch im Film getauscht haben und das Ende des Filmes ist auch anders.

Burton wirft den Niemand Jake nicht sofort in die Welt der besonderen Kinder, sondern baut ihn langsam auf. Es vergeht einige Zeit, bis man als Zuschauer eine Ahnung hat, was hier gerade passiert. Wir wissen nicht, was es mit den Geschichten des Großvaters auf sich hat. Er will Monster gesehen haben – der Zuschauer tut das als Metapher für Kriegserlebnisse ab. Dass er tatsächlich Monster gesehen hat, erfahren wir erst später. Wieso ausgerechnet Jake Teil der "besonderen Kinder"-Familie werden soll, braucht auch einige Zeit, bis das Geheimnis gelüftet wird. Das klingt alles langwierig und -weilig, ist es aber nicht. Wir bekommen einfach nicht gleich alles vor den Latz geknallt. Bis sich die Puzzleteile zu einem Ganzen fügen, passiert jedoch viel.

Wir lernen die einzelnen Kinder und ihre Fähigkeiten kennen. Das mutet ein wenig wie die X-Men an. Kinder mit besonderen Gaben müssen sich vor der Gesellschaft verstecken und die Ymbryne, in diesem Fall Miss Peregrine, ist die Aufpasserin. Also wie Charles Xavier im besagten Superhelden-Franchise. Die Insel der besonderen Kinder ist aber anders – irgendwie "romantisch". Das hängt mit der Zeitschleife zusammen, in der der Film hauptsächlich spielt. Die Figuren sind zeitgemäß gekleidet, das Haus ist alt und schön.

Tatsächlich steht das Haus nicht in Wales, sondern in der Nähe von Antwerpen. Burton wollte möglichst an echten Orten drehen. Das Haus stand leer, konnte also im Inneren filmgerecht aufpoliert werden, gleichzeitig bot es noch so viel Altes, das die Atmosphäre des Films bestens unterstützt. Der Garten wurde allerdings für den Film auf Vordermann gebracht. Den Zirkus in Blackpool, wo der große Showdown stattfindet, gibt es auch. Weil der unter Denkmalschutz steht, musste man sich einiges einfallen lassen, um z.B. die vielen Flug-Einlagen der einzelnen Protagonisten zu bewerkstelligen.

Ich mag Eva Green ja eigentlich nicht. Sie ist stets kalt. Auch als Miss Peregrine. Da sie sich in einen Vogel verwandeln kann – wie alle Ymbryne – ist sie jedoch bestens besetzt. Green hat ein wunderbares Kostüm, das entfernt an einen Vogel erinnert, aber nicht zu offensichtlich. Dazu bewegt sich Green ruckartig und spricht (im Original) sehr schnell – um die Art eines Vogels zu imitieren. Also ist sie unterm Strich bestens besetzt. Zwischendurch weiß man immer nicht, woran man bei ihr ist, weil es Momente gibt, in denen sie sehr "seltsam dreinblickt". Ist sie wirklich die Gute, oder was plant sie noch?

Der Böse ist Samuel L. Jackson. Wie oft hat der eigentlich schon den fiesen Gegner gespielt? Mir fällt Kingsman: The Secret Service ein, aber auch Jackie Brown oder Unbreakable. Jackson selber wollte seine Figur Barron nicht extrem böse erscheinen lassen, sondern durch sein Äußeres wirken lassen. In Die Insel der besonderen Kinder hat er weiße, wilde Haare, weiße Augen und fiese Hai-Zähne. Da muss man nicht noch fies sein. Er hat eine Agenda – ewiges Leben außerhalb der Zeitschleifen – und die verfolgt er konsequent. Dennoch wirkt sein Schurke an manchen Stellen sehr "Kinderbuch freundlich". Soll heißen in gewisser Weise albern.

Interessanterweise kann man über Jake, also Asa Butterfield, nicht viel sagen. Der bleibt recht unscheinbar. Zwar soll er einen Niemand spielen, doch als Held der Geschichte sollte er schon irgendeinen Eindruck hinterlassen. Das schafft er leider nicht.

Sehr schön ist übrigens die Stop-Motion-Einlage. Tim Burton mag Stop-Motion bekanntlich gerne (Corps Bride, Nightmare before Christmas, Frankenweenie). Wenn Enoch (Finlay MacMillan) seine Begabung zur Schau stellt, kommt Stop-Motion zum Einsatz. Das wirkt seltsam in der heutigen Zeit, ist aber eine schöne Hommage an "die guten, alten Zeiten". Lustig ist dabei, dass die Skelette, die Burton dann am Pier von Blackpool in die Schlacht gegen die Hollows sendet, ganz klar an Ray Harryhausen und die Skelette in Jason und die Argonauten ist. In Die Insel der besonderen Kinder sind die Skelette aber computeranimiert. Verrückte Welt.

Bei der Darstellung der Hollows kommt auch Tim Burtons Hand klar zum Vorschein. Diese augenlosen Monster sind typisch für ihn und schaurig anzuschauen.

Vermutlich hat Burton das Ende von Die Insel der besonderen Kinder deswegen verändert, weil er nicht davon ausging, dass die anderen beiden Bücher auch noch verfilmt würden. Somit hat er einen logischen Schluss für die doch nette, fantasiereiche Geschichte gefunden.

Schaut man sich das Bonus-Material zum Film an, dann wird immer wieder das Motiv herausgestellt, wonach es nicht schlimm ist, wenn man "anders" ist – oder eben "besonders". Dieser doch wichtige Gedanke geht aber leider beim Schauen des Films nicht so recht auf. Dennoch ist der Streifen ein schöner, fantasiereicher und schön aufbereiteter Kinderfilm.

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