Filmplakat Wir
5,5/10

„Es gibt zu viele Zwillinge.“ (Wir, 2019)


Wir

Besprechung

Die Familie Wilson verbringt ihren Sommerurlaub in Santa Cruz. Vater Gabe (Winston Duke) ist ein bisschen peinlich, finden zumindest Tochter Zora (Shahadi Wright Joseph) und ihr jüngerer Bruder Jason (Evan Alex). Gabe will unbedingt an den Strand, doch seine Frau Adelaide (Lupita Nyong’o) will nicht. Sie hat als kleines Mädchen an dem Strand ein traumatisches Erlebnis gehabt und hat nun Angst, wieder dorthin zu gehen. Gabe drängt, Adelaide gibt nach.

Nach einem Tag am Strand mit den Freunden Josh (Tim Heidecker) und Kitty (Elisabeth Moss) geht es zurück in die eigene Hütte. Am Abend stehen plötzlich vier dunkle Gestalten im Vorgarten. Gabe versucht noch, die Fremden zu verscheuchen, doch als die näher kommen und ins Haus eindringen, wird klar: das sind Doppelgänger.

Diese rotgewandeten Gestalten werden angeführt von Adelaides Doppelgängerin Red. Die Wilson verstehen nicht, was hier vor sich geht und kämpfen um ihr Leben.

Später stellt die Familie fest, dass es noch viel mehr Doppelgänger gibt und alle sind extrem gewaltbereit.

Meinung von

Ich mochte Get Out von Regisseur Jordan Peele ja ganz gerne. Der hatte einen frischen Ansatz für das Horror-Genre an Bord. Dabei ging es nicht um Gedärme, Blut und Jump-Scares. Der Film greift das Thema des Rassismus auf und hat etwas von Gesellschaftskritik. Die Erwartungen an Wir waren – vor allem nach dem guten Trailer – entsprechend hoch. Vielleicht zu hoch. Zudem ... auch wenn ich vor einem Film keine Kritiken lese, habe ich doch den Wirbel um den Film mitbekommen und dass er in Amiland hoch gelobt wurde.

Zunächst einmal sei vorgewarnt, dass Wir echt lange braucht, bis er mal in die Puschen kommt. Er fängt mit der kleinen Adelaide (Madison Curry) an, wie sie an ihrem Geburtstag von ihren sich streitenden Eltern auf den Jahrmarkt geschleppt wird. Wir sehen, wie sie wegläuft und sich in ein Spiegelkabinett verirrt. Wir sehen auch den Hauch dessen, was sie traumatisierte hat. Kein Titel, kein nichts, kein gar nichts. Nur der Hinweis, dass der Film 1986 spielt. Irgendwann habe ich Moviejunkie Thorsten gefragt, ob wir überhaupt im richtigen Film wären?

Die Alternativ-Wilsons sind schon gruselig. Red spricht mit gebrochener Stimme, man weiß nie, ob sie gerade Luft holt oder ausatmet. Dazu wilde Augen. Gabes Doppelgänger Abraham macht nur Tierlaute. Zoras böses Spiegelbild Umbrea grinst immerzu diabolisch. Und Jasons Konterpart Pluto hat eine unheimliche Maske auf, dabei bewegt er sich immer auf allen Vieren wie ein Tier. Das ist effektvoll ausgedacht, aber verliert schnell an "Horror". — Der Film läuft wieder unter dem Deckmantel von Horror, ist wie sein Vorgänger aber absolut untypisch.

Die Story mag mau sein, die Schauspieler sind alle super. Allen voran Lupita Nyong'o. Die Dame hat ziemlich früh in ihrer Karriere einen Oscar (12 Years a Slave) gewonnen und zeigt auch in Wir Verwandlungsfähigkeit. Dabei ist es vor allem Red, die beeindruckend ist.

Von da an zieht sich der Film hin. Die Wilsons fliehen zu ihren Freunden, nur um festzustellen, dass die von ihren eigenen Doppelgängern umgebracht wurden. Wir wissen lange nicht, worum es überhaupt in dem Film geht. Wo kommen die Leute her? Was wollen sie?

Fragen wir Autor und Regisseur Peele: Der sieht in seinem Film eine Parabel auf unsere heutige Zeit – ich würde sagen, vor allem auf sein Amerika. Jeder hat vor jedem Angst. Jeder ist böse, jeder ist gut. Die Grenzen verschwimmen und doch ist die Angst vor dem Anderen immer da. Sei es der Typ neben einem in der Bahn, oder der Typ tausende Kilometer entfernt in einem anderen Land. Der will mir doch bestimmt den Job wegnehmen.

Ja. Okay. Kann man so interpretieren. Wäre ich aber alleine nicht drauf gekommen. Die Leute hinter uns waren jedenfalls mit jeder Filmminute überfordert. Als Red das erste mal den Mund aufmacht, konnten die sich hinter uns vor nervösem Gekicher nicht mehr einbekommen. Als das Licht anging, schimpfte der eine Proll laut herum, dass der Film scheiße sei, das Geld nicht wert, unverständlich und überhaupt kein Horror. Der war aber auch eher aus der Rubrik Mundatmer und somit nicht ganz ernst zu nehmen.

Dennoch: Im ersten Moment ist Wir ein wirrer, unverständlicher Film. Er hat zwar die eine oder andere nette Szene, mit Gabe auch den Comic relief – aber unterm Strich geht man unbefriedigt und etwas genervt heraus. Unlogische Handlungen fallen einem ein. MJ Thorsten hat sich schon während des Films darüber aufgeregt, dass Adelaide aus dem Wagen aussteigt, um nachzusehen, ob Umbrea auch wirklich tot ist. Ich habe es unter "unfinished Business" abgelegt gehabt.

Von daher würde ich den Film nicht empfehlen. Vor allem im Vergleich zu Get Out.


Es wird ja noch etwas geboten. So ist es ja nicht. Adelaide geht auf der Suche nach Josh Red hinterher. Schnell findet sie einen geheimen Weg. Öhhhh ...? Folgt dem tief, tief herunter in eine seltsame Welt. Hier erklärt Red, was gerade passiert ist. "Die" haben vor Jahren ein Experiment gemacht, in dem die Menschen exakt kopiert wurden. Aber bei den Kopien fehlte die Seele. Die Klone sollten leicht zu kontrollieren sein und dann die Menschen auf der Oberfläche ersetzen. — Alle? Ist das nicht umständlich?

Als "Die" erkannt hatten, dass ihr Experiment in die Hose ging, haben sie die Leute unter der Erde alleine gelassen. Red erklärt nun, dass die Untergründler aber auch Menschen sind. Menschen, die ein Anrecht auf Existenz haben. Doch ihnen wurde alles vorenthalten. Red sollte speziell sein und die Untergründler anführen. Sie will nach oben und "ein Zeichen setzen". — Hieraus hätte man was machen können. Aber leider versandet die Idee mit der Konspiration dann auch schon wieder.

Ich fragte mich neben vielen anderen Dingen, wie diese Schattenwelt existieren konnte? Wie konnten sie die selben Paarkonstellationen erzeugen? Wie die Massen von der Oberfläche unter der Erde 1:1 abbilden? Das ist alles unlogisch. Nun darf man keine Logik zwingend erwarten, aber wenn mir schon beim Anschauen des Films solche Fragen in den Kopf kommen, ist das kein gutes Zeichen.

Der Twist am Ende des Streifens ist nett. Wieder etwas holperig und nicht wirklich stimmig, aber nett. Peele wollte damit den Aspekt des Dualismus des Wesens – boah, klingt toll, keine Ahnung, ob das Sinn macht – noch einmal aufzeigen. Wer ist das Böse und wer das Gute? Diese Frage lässt sich nicht beantworten, weil wir alle beide Teile in uns tragen. Hört sich nett an, ich benötigte dafür aber wirklich erst einmal die Hilfe des Autors. Wenn der Film nur an einem vorbeiplätschert, ist er langatmig und -weilig.

Ich würde den Film jedenfalls niemals (!) mit Shining oder Black Swan vergleichen. Ich las so einen Vergleich, kann dem aber auf keinen Fall zustimmen. The Shilling ist ein großartiger, gruseliger Streifen. Black Swan ist ein verstörender Psycho-Film. Wir kommt da keineswegs heran. Sorry.

In Amerika ist der Film wohl ein größerer Erfolg als bei uns.

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