Besprechung
Der Nobelpreisträger Thomas Mann (Hanns Zischler) ist 1933 zwangsweise erst in die Schweiz, später in die USA ausgewandert. Vier Jahre nach Kriegsende kommt der ehemalige Lübecker wieder in sein Vaterland, ein gespaltenes, ein graues Land. Er soll den Goethe-Preis erhalten und das gleich zweimal. Zuerst in Frankfurt, der Geburtsstadt Goethes, später auch in Weimar, das nun im neu gegründeten sozialistischen Deutschland liegt. Mann wird überall der Hof gemacht. In Frankfurt schwänzeln die Menschen um ihn herum, darunter auch die Wagner-Enkel Wolfgang (Theo Trebs) und Wieland (Enno Trebs).
Wismar hingegen will den Schriftsteller, der nach seinem Weggang aus Nazi-Deutschland von vielen als Verräter beschimpft wird, gleich für sich vereinnahmen. Er soll das Aushängeschild der DDR-Kultur werden. Doch Thomas Mann will nicht. Er fährt zusammen mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) eh nur in den Osten Deutschlands, damit man ihm nicht nachsagen kann, er wäre eine US-Marionette.
Erika, die gerne auch ihren Bruder Klaus (August Diehl) auf der Reise gesehen hätte, ist für ihren Vater Sekretärin, Chauffeurin und Übersetzerin in diverse Sprachen. Als sie vom Freitod ihres Bruders erfährt, baut sich schnell Spannung zwischen Vater und Tochter auf. Vater und Sohn haben sich nicht gut verstanden. Für den Schriftsteller ist die Reise, die dem geschriebenen Wort huldigt, wichtiger als der Tod des Sohnes.
Meinung von Nils
Kurz und knapp: Ich hatte mehr erwartet. Bei dem Filmtitel und der Hintergrundgeschichte Manns hätte ich mir mehr Auseinandersetzung mit der Frage "Was ist Heimat?" gewünscht. Kann ein Land, das Millionen von Menschen ermordet hat, das unsagbares Gräuel über die Menschheit gebracht hat, eine Heimat sein? Ist der Begriff "Vaterland" negativ behaftet? Was heißt es, in ein gespaltenes Deutschland zurückzukommen, einem Land, das zum einen unter amerikanischem und zum anderen unter kommunistischem Einfluss steht. Wie sehr beeinflussen die den Begriff der Heimat?
All das kommt in Paweł Pawlikowskis Film Vaterland leider nicht richtig zur Sprache. Die einzige "Spitze" gegen Nazi-Deutschland findet statt, wenn Thomas Mann den Wagner-Enkeln eine deftige Abfuhr erteilt, die Wagner-Spiele wieder aufleben zu lassen. Hitler mochte Wagner ...
Hüller, die wir in letzter Zeit in diversen Filmen (The Zone of Interest, Der Astronaut - Project Hail Mary) gesehen haben, spielt ihre Erika ruhig, immerhin hat sie eine wichtige Aufgabe, den "großen Thomas Mann" zu begleiten. Sie wird zwischendurch aber auch emotional und gewaltig. Zischler hingegen spielt den Literaten sehr zurückhaltend, sehr unnahbar und fast unmenschlich. Für Mann zählt nur das Wort und wie es in einem Land, egal in welchem, angesehen ist.
Der Film ist im Format 4:3 und in Schwarz-Weiß gehalten. Ich weiß nicht, ob es wirklich dieses alte Bildformat gebraucht hat, aber dass der Film in Schwarz-Weiß gezeigt wurde, passte für mich. Die Abwesenheit von Farbe verstärkte die Tristesse eines vom Krieg geschundenen Landes.
Thomas Mann kommt als verkopfter, gefühlsarmer Mensch daher. Es wird klar, dass er und Klaus nicht miteinander auskommen — vielleicht, weil Klaus homosexuelle Tendenzen hatte und Mann in jungen Jahren ebenfalls damit "strauchelte"? Jedenfalls lässt ihn der Freitod seines Kindes anscheinend völlig kalt. Erst in der letzten Szene sehen wir, wie er die gleichen Gefühle wie seine Tochter hat. Bis dahin war Erika die klare Sympathieträgerin.
Regisseur und Mitautor Pawlikowski zeigt in diesem mit knapp 80 Minuten Länge kurzen Film einige Einstellungen, die mich ratlos ließen. Entweder hat er sich etwas dabei gedacht gehabt und ich bin zu stumpf das zu verstehen oder er wollte einfach gewisse Szenen filmisch ablichten. Zur Handlung haben sie nicht beigetragen. – Der Film wäre, hätte er diese Szenen weggelassen, noch kürzer ...
Wie oben erwähnt, fehlt mir die echte Auseinandersetzung mit der "Wo gehöre ich hin?"-Frage, die ich eigentlich erwartet hatte. Mir fehlte auch sowas wie ein roter Faden. Ein Ziel vielleicht? Das Schauspiel ist gut, aber doch auch sehr, sehr ruhig. Die Damen, mit denen ich im Passage war, mussten teils extrem mit Müdigkeit und Langeweile kämpfen. Der Rest des Publikums war aber auch eher 60+. Vielleicht kommt der Streifen dort besser an?