Filmplakat The Zone of Interest

8/10

"Rudi nennt mich die Königin von Auschwitz." — The Zone of Interest, 2023

The Zone of Interest

Besprechung

Eine glückliche Familie in einer idyllischen Landschaft irgendwo in Polen. Doch Polen ist das nicht mehr, sondern das von Nazideutschland besetzte Ostgebiet. Bei der Familie handelt es sich um die von Rudolf Höß (Christian Friedel), Lagerkommandant des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Höß‘ leben direkt vor dem Tor des Lagers. Der fünffache Vater geht morgens zur Arbeit. Die letzten Meter werden auf dem Pferd zurückgelegt.

Tagein, tagaus hört man Schüsse, Schreie und das Stampfen der Verbrennungsöfen hinter den Mauern. Doch außerhalb ist eine heile Welt. Hedwig Höß (Sandra Hüller) hat sich ihren Lebenstraum erfüllt. Sie trägt Pelzmäntel von fremden, fernen, unsichtbaren Menschen, hat polnische Mägde und fühlt sich in ihrer neuen Heimat einfach nur wohl. Selbst die Kinder nehmen das Grauen, das hinter den Mauern von Auschwitz passiert, nicht mehr wahr.

Die heile Welt der Familie Höß wird empfindlich gestört, als Rudolf Höß seine Versetzung erhält. Er versucht diese und auch seine damit verbundene Beförderung abzuwenden, scheitert jedoch. Hedwig ist außer sich. Sie will nicht wegziehen.

Meinung von

The Zone of Interest ist ein unangenehmer Film. Er ist enorm ruhig, es gibt wenig Dialoge. Die Bilder sind die einer heilen Welt voller Familienglück. Obwohl der Film leise ist, ist er gleichzeitig laut. Wir sehen das Grauen nicht, das im Konzentrationslager passiert. Es gibt keinen Schlag ins Gesicht, wie bei Streifen wie zum Beispiel Schindlers Liste oder Der letzte Zug. Keine visuellen Stimuli, nur die akustischen. Und selbst die sind selten klar. Es ist ein ständiger Klangteppich, der den Zuschauer zunehmend enerviert. Das Gehörte wird untermauert durch die dicken, qualmenden Schlote der Verbrennungsöfen, in denen "die Ladung" entsorgt wird. Es herrscht eine größtmögliche Entfernung zwischen den Betreibern des KZ und den Opfern des Nationalsozialismus.

Es ist schwierig den Film zu fassen, zu begreifen. Normalerweise möchte man einen Helden oder Antihelden in einer Geschichte haben. Eine Person, auf die man sich fixiert und mit der man sympathisiert. Aber das geht aus moralischen Gründen nicht in diesem Fall. Man kann nicht für Rudolf Höß sein. Der Mann hat das Morden von Unschuldigen perfektioniert. Den darf und will man nicht mögen. Aber er ist die einzige Person, die irgendwie in Richtung Sympathieträger geht. Sandra Hüller spielt die Hedwig absolut eklig. Sie ist vollkommen blind für das Leiden und die Ungerechtigkeit. Hedwig ist nur auf sich und ihr Wohl konzentriert. Als ihr Rudolf von der Versetzung erzählt, rastet sie aus und wird gleich zur bockigen Göre. Wegziehen? Das aufgeben, was sie sich aufgebaut hat? Niemals. Die Oscar-nominierte Hüller stampft breitbeinig und trotzig durch den Film. Hedwig ist keine Person, die man mögen kann.

Der mit dem Oscar als bester ausländischer Film prämierte Streifen lässt den Zuschauer in einem Meer aus Banalität schwimmen. Das Leben der Familie Höß ist im Grunde langweilig. Es geschehen einfache Dinge, die nicht der Rede wert sind. Das ist das, was wir sehen. Aber die Familie ist eben nicht gewöhnlich. Regisseur Jonathan Glazer hat die Schauspieler oft alleine gelassen. Es wurden Kameras in den Räumen versteckt, so dass die Schauspieler voll in ihre Rollen eintauchen konnten. Da war keine dicke Mannschaft mit fettem Equipment, keine Schnitt-Rufe und Kamerawechsel. Friedel und Hüller konnten sich auf ihre schwierigen Rollen konzentrieren.

Der Film, der außerdem einen Oscar für den besten Ton erhalten hat, sensibilisiert den Zuschauer. Wir hören Geräusche und assoziieren sie mit den Gräueltaten, von denen wir in Geschichtsbüchern gelesen, über die wir Dokumentationen gesehen haben. Jeder, der Bücher liest weiß, dass die eigene Fantasie große Bilder schafft. In diesem Fall schreckliche Bilder. Was mir zudem auffiel: Einfache Ausdrucksweisen, banale Redewendungen erzeugten bei mir jedesmal einen Knoten in den Gedärmen. Wenn Rudolf am Telefon Schieß los! sagt oder wenn Hedwig zu ihren Kindern Gebt Gas! sagt, sind diese Sprüche auf einmal schmerzhaft.

The Zone of Interest ist ein ekliger Film. Die angesprochene "Ladung" ist die absolute Entpersonifizierung von Menschen. Wenn ein Vertreter, der den neuen, ringförmigen Verbrennungsofen vorstellt, noch ein bedeutungsschwangere Und: Dauerbetrieb möglich! an die Verkaufsverhandlung hängt, möchte man sich übergeben. Oder diesen Menschen Böses antun. Denn eines zeigt die Romanverfilmung: Der Mensch ist zu absolut grausamen Dingen fähig.