Filmplakat Spiel mir das Lied vom Tod

9/10

"In den Mänteln waren drei Männer und in den Männern drei Kugeln." — Spiel mir das Lied vom Tod, 1968

Spiel mir das Lied vom Tod

Besprechung

Eigentlich sollte sie abgeholt werden am Bahnhof von Flagstone, doch niemand kommt. Also reist Jill McBain (Claudia Cardinale) zusammen mit einem gemieteten Kutscher zur Farm ihres frisch angetrauten Mannes. Der hat ein großes Haus in Sweetwater gebaut, wo er mit seinen drei Kindern lebt und die Ankunft seiner jungen, hübschen Frau erwartet. Jill muss allerdings feststellen, dass ihre neue Familie komplett ausgelöscht wurde.

Der Gauner Cheyenne (Jason Roberts), der gerade frisch ausgebrochen ist, wird natürlich für das Verbrechen verantwortlich gemacht. Doch der war es nicht. Auch nicht der mysteriöse Harmonica (Charles Bronson), der kurz vor Jill ankam und die Schergen eines gewissen Franks umgenietet hat. Die Wege von Jill und Cheyenne kreuzten sich in einer einsamen Wüstenbar, wo auch Harmonica zugegen war.

Frank (Henry Fonda) ist der Handlanger des Räuberbarons Morton (Gabriele Ferzetti), der schwer krank ist und unbedingt seine Bahnstrecke nach Westen fertig bauen will, um vor seinem Tod noch einmal den Pazifik zu sehen. Der hatte auch Frank den Auftrag gegeben, Brett McBain (Frank Wolff) einzuschüchtern – aber nicht umzubringen. Für Frank ist Mord jedoch eine gute Einschüchterungstaktik.

Jill will den Landsitz verkaufen, Cheyenne will Jill beschützen, Frank will Mortons Geschäfte übernehmen und Mundharmonika … dessen Beweggründe an diesem Flecken zu sein, bleiben lange im Dunkeln.

Meinung von

Nach seiner "Dollar-Trilogie" hatte Regisseur Sergio Leone die Nase voll von Western. Er wollte nach Amerika und andere Filme drehen. Allerdings waren die Filme mit Clint Eastwood so erfolgreich und haben den so genannten "Spaghetti-Western" so weit nach vorne gebracht, dass man Leone nicht ließ. Nur noch ein Western, dann dürfe er andere Filme drehen, hieß es.

Sergio Leone brütete daraufhin eine neue Trilogie aus, die allerdings etwas länger dauern sollte umgesetzt zu werden. Die Dollar-Trilogie wurde innerhalb von drei Jahren abgefilmt. Die "Es war einmal …"-Trilogie sollte 16 Jahre in ihrer Umsetzung dauern. Spiel mir das Lied vom Tod (oder im englischen Original Once Upon a Time in the West) nimmt die Thematik der Erschließung Amerikas auf. Mit Es war einmal in Amerika schließt die Trilogie 1984 ab. Hier wird die Zeit der Alkoholprohibition aufgegriffen. Alle Filme der Reihe haben Kapitalismuskritik als Thema.

In Spiel mir das Lied vom Tod nimmt Leone die Erschließung des Westens durch die Bahn auf. Eigentlich ein positiv besetztes Thema, weil so neue Arbeitsplätze geschaffen wurden, neuer Wohnraum erschlossen wurde und Amerika an sich wachsen konnte. Blöde, dass bei dem schnellen Wachstum vergessen wurde ein vernünftiges Regelwerk aufzustellen. Damit stand den Raubbaronen (oder "Railroad Barons") Tür und Tor offen. Diese rissen schnell Land an sich, Land, das an der Bahn lag. So konnte man hohe Mieten verlangen, wollte dort jemand leben oder arbeiten.

Morton macht da keine Ausnahme. Mit einer kleinen Ergänzung: Klar ist das Geld wichtig. Er erwähnt Frank gegenüber auch, dass man mit Geld jedes Problem beseitigen kann! Aber durch seine Krankheit ist er auch gezwungen, schnell ein Vermächtnis zu hinterlassen. Zudem möchte er einfach den Pazifik sehen – in seinem eigenen Zug auf seinen eigenen Schienen erreicht.

Zunächst wissen wir nicht, was in dem Film überhaupt abgeht. Nach der beinahe zwölf-minütigen Eingangsszene am Bahnhof, in der kaum geredet wird und drei Schurken auf einen Zug warten – nur um auf den Mundharmonika-Mann zu stoßen – wechselt Leone zu einem anderen namenlosen Mann. Der jagt mit seinem Sohn, seine Tochter macht das Essen fertig, sein ältester Sohn soll eine Frau vom Bahnhof abholen. Da kommt Frank mit seinen Leuten daher und legt die gesamte Familie um. WTF?

Die Geschichte ist so dicht, dass wir lange warten müssen, bis die einzelnen Schichten freigelegt sind und sich die Handlung in ihrer vollen Pracht entfaltet. Leone lässt sich wahnsinnig viel Zeit. Der Film ist ursprünglich beinahe drei Stunden lang. Als er rauskam, kam das gar nicht gut an. Der Film floppte bei einer Testvorführung und wurde um 20 Minuten verstümmelt. Nur um den Sehgewohnheiten gerecht zu werden.

Ich gestehe, den Film habe ich irgendwann mal angefangen und bin bei der Anfangsszene ausgestiegen. Da passiert nichts. Drei Männer betreten einen Bahnhof im Nirgendwo und warten. Dazu das nervige Geräusch einer quietschenden Windmühle. Man muss sich darauf einlassen, um zu erkennen, dass Leone so Spannung aufbaut, die sich dann explosionsartig in der Ermordung der drei Ganoven entlädt.

Spiel mir das Lied vom Tod ist nicht nur wegen seiner Erzählweise besonders. Eine Frau steht im Mittelpunkt des Films. Ja, da sind die drei Männer (Cheyenne, Harmonica und Frank), aber im Grunde dreht sich alles um die einstige Prostituierte Jill. Sie muss mit der neuen, unerwarteten Situation zurecht kommen. Sie muss herausfinden, wieso ihr Mann und die Kinder umgebracht wurden. Sie findet Anhaltspunkte, kann diese aber zunächst nicht als solche deuten – wie der Zuschauer auch.

Dann hat Leone noch einige Kunstgriffe parat. Neben der "Umkehr" des positiven Bahn-Themas hin zu einem reinen Korruptionsfall, ist wohl die Besetzung des Bösewichts der größte Knaller. Der blauäugige Henry Ford war bis dahin eher als der Gute (Die zwölf Geschworenen) besetzt. Ihn als eiskalten Mörder von Kindern zu sehen war ein Schock ohne Gleichen.

Die Geschichte ist super, die Figuren bestens besetzt. Bleibt die Musik. Die ikonische Musik, die eigentlich jeder kennen muss, stammt aus der Feder von Ennio Morricone. Die Musik stand bereits vor dem Film. Leone hatte beim Drehen die Musik im Kopf und wusste, wie er sie in Szene setzen wollte. Da man teils in Amerika, teils in Spanien, teils aber auch in Italien drehte, dabei oftmals nicht ideale akustische Umstände herrschten (in Italien flogen regelmäßig Flugzeuge übers Studio), wurde ohne Ton gedreht und nachvertont. Das bot Leone einige Freiheiten bei dem, was er zeigen wollte. Großartig ist hier z.B. die Ankunftsszene von Jill: Zug, Passagiere, Stationshäuschen, kurzes Gespräch mit dem Stationsvorsitzenden – dann geht die Kamera hoch über das Stationshäuschen und wir sehen erstmals die Stadt. Cool.

Leone war ein Perfektionist. Er wollte die beeindruckende Landschaft von Monument Valley haben, wie vor ihm schon John Ford (Der schwarze Falke). Leone drehte dann aber wie gesagt auch in Spanien und Italien. Die Wüstenbar stand im Studio Cinecittà in Rom. Leone ließ roten Sand aus dem Monument Valley einfliegen und beim Eintreten der Gangster durchs die Tür wehen. Verrückt.

Spiel mir das Lied vom Tod ist zwar noch in der Kategorie "Spaghetti-Western" einzustufen – die Schauspieler sind braun wie ein Hähnchen, das sich zwei Tage am Spieß dreht, außerdem sind die Darsteller stets verschwitzt –, dennoch hat der Film so viel Klasse, dass man diese doch eher abwertende Bezeichnung auch gerne vergessen kann. Es ist ein künstlerisch brillant umgesetzter Film, der zugegeben lang ist, aber auch das ist alles gewollt. Man muss sich nur darauf einlassen und hat am Ende ein wunderbares Filmerlebnis hinter sich.