Filmplakat Die zwölf Geschworenen
10/10

„Wo immer man auf sie stößt, verdunkeln Vorurteile die Wahrheit.“ (Die zwölf Geschworenen, 1957)


Die zwölf Geschworenen

Besprechung

Ein junger Mann soll seinen Vater ermordet haben, mit einem Messer ins Herz gestochen. Es gibt zwei Zeugen. Die Verhandlung hat sechs Tage gedauert, nun gehen die zwölf Geschworenen in ein abgelegenes Zimmer um abzustimmen, ob der Beschuldigte auf dem elektrischen Stuhl landet oder nicht. Der Fall scheint klar zu sein. Die Abstimmung kann schnell über die Bühne gehen.

Die zwölf unterschiedlichen Männer setzen sich an einen Tisch und stimmen ab. Alle stimmen für schuldig – bis auf der Geschworene Nummer 8 (Henry Fonda). Er weiß nicht, ob der Beschuldigte seinen Vater wirklich umgebracht hat, aber er möchte auch nicht einfach das Todesurteil unterschreiben. Er möchte reden. Die elf anderen Männer sind empört. Der Fall ist doch so klar! Aber Nummer 8 hat das Gesetz auf seiner Seite. So bringt er Zweifel an, die den einen oder anderen Anwesenden doch umstimmen. Zuerst ist es Nummer 9 (Joseph Sweeney), ein alter Mann, der seinem Sitznachbar den Rücken stärken will. Sich alleine gegen elf übel gelaunte Männer zu stellen, ist nicht einfach. Das verdient Respekt.

Es werden die Zeugenberichte hervorgeholt, das Tatmesser wird gebracht, doch im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass der Fall hier und dort nicht ganz schlüssig ist. Es treten berechtigte Zweifel auf. Da es aber ein eindeutiges Urteil geben muss, müssen die Männer weiter über den Mordfall reden. Dabei kommen Vorurteile zum Vorschein, mangelnde Bildung, Borniertheit, Langweile und noch viele andere Dinge, die die Geschworenen im Laufe der Unterhaltung an den Tag legen. Vor allem der Geschworene Nummer 3 (Lee. J. Cobb) scheint nicht von seiner Meinung abzubringen zu sein.

Meinung von

Einer der besten Filme des 20. Jahrhunderts, wenn man mich fragt. Sehr ruhig wird hier von Regisseur Sidney Lumet ein Querschnitt der Gesellschaft gezeigt, während dieser über das Leben eines Mannes entscheiden soll. Das Rechtssystem, das zeigt der Film, kann Fehler haben und Zeugen sind auch nur Menschen. Menschen können jedoch Fehler machen. Oder sie wollen einfach mal im Mittelpunkt stehen – alles menschlich. Ebenso menschlich sind die Gefühlsausbrüche und die Haltungen der Anwesenden.

Der Angeklagte stammt aus den Slums. Natürlich muss er schuldig sein. Die aus den Slums sind doch alle schuldig und Tiere. Das lässt Geschworener Nummer 5 (Jack Klugman) aber nicht auf sich sitzen. Er selber stammt aus den Slums und was die anderen Geschworenen da ablassen sind nur Vorurteile. Vorurteile können aus Mangel an Informationen, aus Desinteresse oder aus persönlichen Gründen entstehen. Das ist auch alles menschlich – aber man muss immer im Hinterkopf behalten, dass diese einem Mann das Leben kosten können. Einem jungen Mann, der von klein auf an geschlagen und misshandelt wurde. Macht ihn das automatisch zum Täter?

Henry Fonda ist die eine Stimme der Vernunft. Er sagt gleich von Anfang an, dass er nicht wüsste, ob der Angeklagte schuldig oder unschuldig sei. Er weiß nur, dass er kein vorschnelles Urteil fällen möchte. Der Staatsanwalt soll alles getan haben? Hat er nicht. Deswegen sollen sich die zwölf Anwesenden auch noch einmal über die vorgebrachten Beweise unterhalten. Tatsächlich kommen im Laufe der Zeit immer mehr Ungereimtheiten auf, die die Männer "umkippen" lassen.

Besonders beeindruckend sind die Nummer 3, der bis zum Schluss für schuldig plädiert. Erst am Ende bricht er zusammen und der Zuschauer erfährt, was wirklich hinter seiner eingefleischten Meinung stand. Dann ist noch Nummer 4 (E. G. Marshall) zu nennen, ein Makler, der niemals schwitzt, so er sagt. Bis Nummer 9 etwas anbringt und auch Nummer 4 ins Schwitzen kommt. Lumet lässt eine kleine Schweißperle auf der Stirn von Nummer 4 erscheinen. Da weiß man, dass auch er "umgekippt" ist.

Ein ebenfalls harter Fall ist Nummer 10 (Ed Begley), der wie Nummer 3 laut wird und auch Leute mit einer anderen Meinung angreift. Bei ihm – und das eine extrem beeindruckende Szene – geht seine "Meinung" so weit, dass er nur noch ein Vorurteil nach dem anderen ausspuckt und sich alle Anwesenden von ihm abwenden. Da läuft es einem kalt den Rücken runter. Überhaupt schafft es Lumet in seinem ersten Kinofilm, zuvor hatte er nur fürs Fernsehen gearbeitet, immer wieder, beim Zuschauer starke Emotionen auszulösen.

Der Film spielt hauptsächlich in einem einzigen Raum, mit einem Tisch in der Mitte und zwölf Stühlen darum herum. Es ist der heißeste Tag des Jahres, hat das Radio verkündet, die Männer sind gereizt, wollen nur raus. Sie wollen nur raus und mal schnell nebenbei ein Todesurteil aussprechen. Sie sind zunächst alle egoistisch und voreingenommen. Wie leicht hätte es sein können, dass ein Unschuldiger hingerichtet wird? Allerdings ist Die zwölf Geschworenen kein Krimi, es geht nicht darum, den Fall aufzuklären. Es geht darum, die Schwächen und die Stärken eines Rechtssystems aufzuzeigen. Es geht darum, die menschlichen Schwächen und Stärken zu zeigen. Das schafft Lumet mit seiner Truppe blendend.

Der Einsatz von Musik ist sparsam, es geht wirklich nur um das gesprochene Wort. Es gibt keine "Action", nur Fragen und Antworten. Die Kamera ist ruhig, zwischendurch bewegte sie sich hin und wieder auf ein Gesicht zu. Ganz langsam. Es gibt riesige Porträtaufnahmen, die die Menschen ganz nah zeigen. Der Zuschauer wird mit in die Runde genommen, er darf sich nicht an die Zimmerwand stellen und von dort nur beobachten. Er darf nicht wie Nummer 12 (Robert Webber) einfach "Ich weiß es doch nicht" sagen. Er darf auch nicht wie Nummer 7 (Jack Warden) einfach seine Meinung ändern, nur weil er endlich raus will. Das bringt vor allem den höflichen Geschworenen Nummer 11 (George Voskovec) auf die Palme. Hier werden Emotionen offengelegt, vor denen sich auch der Zuschauer nicht verstecken kann. Das macht den Film zu beeindruckend.

hoch