Filmplakat Atomic Blonde
5/10

„David Hasselhoff ist in der Stadt. Wir Glücklichen ... Mit Berlin geht's abwärts.“ (Atomic Blonde, 2017)


Atomic Blonde

Besprechung

Berlin, kurz vor dem Mauerfall. Der Agent James Gasciogne (Sam Hargrave) wird für eine Liste mit allen aktiven Agenten umgebracht. Die Russen wollten an die Liste herankommen. Doch nun ist sie verschwunden. Ein Stasi-Agent mit dem Decknamen Spyglass (Eddie Marsan) hatte sie Gasciogne übergeben und möchte als Gegenleistung in den Westen gebracht werden.

Um die Liste zu besorgen, wird MI6-Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) nach Berlin geschickt. Hier soll sie sich mit dem Chefermittler David Parcival (James McAvoy) treffen, der gute Verbindungen nach Ostberlin hat. Lorraine ist vom ersten Moment da sie einen Fuß auf Berliner Boden setzt, unter Beobachtung von den Russen. Die wollen die Liste haben und Lorraine tot sehen. Dass Parcival seine eigenen Aktionen am Laufen zu haben scheint, macht das Leben der britischen Agentin nicht leichter. Wem kann sie trauen, wer hat die Liste, wie kann sie Spyglass in den Westen schaffen und wer ist der Doppelspion Satchel, den Lorraine nebenbei auch noch liquidieren soll? Heiße Tage im kalten Berlin, kurz vorm Mauerfall.

Meinung von

Hohe Hoffnungen hatte ich für Atomic Blonde nachdem ich den Trailer sah. Dann kursierte immer wieder eine Aussage wie "John Wick könne sich von Atomic Blonde noch eine Scheibe abschneiden" durchs Internet – da war ich an der Angel. Es war eine billige, dünne Angel, die schnell durchbrach, sobald ein wenig Zug drauf kam. Schade.

Die einzige Gemeinsamkeit, die die beiden genannten Filme haben, sind die Kampfkünste, die sehr körperbetont sind und Regisseur David Leitch, der bei John Wick als Co-Regisseur mitgewirkt hat. Nun wollte er sich wohl mit seinem ersten Solo-Regie-Film seine Streifen verdienen. Er muss noch etwas ohne herumlaufen.

Atomic Blonde basiert auf der Graphic Novel "The Coldest City" von Antony Johnston und Sam Hart. Charlize Theron ist die kühle Blonde, die bestens ausgebildet ist, um im Umfeld der Spionage zu überleben. Sie ist eiskalt, eine Expertin im Nahkampf, kann Russisch, ist klug. Das ist alles toll, aber es macht die Figur der Lorraine Broughton kein Stück sympathisch. John Wick war auch kalt und hart, aber zu ihm konnte man eine Verbindung aufbauen. Er hatte auch noch einen weichen Kern (Frau und Hund), aber Lorraine ist einfach nur eine kalte Hülle, der man nicht gerne zuschaut.

Die Geschichte ist eine klassische Spionage-Erzählung. Das hatten wir so schon lange nicht mehr. Vielleicht ist das Genre mit der Mauer mit ins Grab gegangen. Deswegen passt es auch so gut, dass Atomic Blonde im noch geteilten Berlin spielt, zu einer Zeit, wo der Westen und der Osten sich zähnefletschend gegenüberstanden. Atomic Blonde greift den Geist der Zeit gut auf, was die Ausstattung und die Musik anbelangt. Ah, die Musik – da kamen Erinnerungen auf. Aber leider reichen auch Neonfarben und Falco nicht, um den Film in höhere Sphären zu erheben. Er zieht sich fast zwei Stunden dahin, ohne wirklich von der Stelle zu kommen.

Viele werden Charlize Therons Figur loben, weil sie eine so starke Frau ist. Ja. Aber auch nicht mehr. Wie schon gesagt: Man muss sich auch irgendwie zu der Hauptperson hingezogen fühlen, oder wenigstens das genaue Gegenteil empfinden. Aber Lorraine ist einem völlig egal. Das sollte eine Hauptfigur nie sein.

Vielleicht haben sie deswegen noch die kleine Sex-Szene zwischen Theron und Sofia Boutella, die eine französische Spionin spielt, reingewoben – einfach um dem Film noch etwas Würze zu geben. Das wäre aber eine arg billige Masche.

Atomic Blonde kann nicht überzeugen. Auch der – zugegeben – nette Twist am Ende rettet hier nichts. Den fünften Punkt gibt es eher für die Musik. Die Filmindustrie hat es langsam durchschaut: Wenn sie Queen spielen, punkten sie bei mir.

Zum Glück war die Rolle von Til Schwieger sehr, sehr klein. Als der Name auf der Leinwand erschien, ging auch ein Raunen durchs Kino. Okay, ich glaube ich habe am lautesten geschimpft ... Und gewundert habe ich mich darüber, dass in dem Wagen der Volkspolizei, das Lorraine stiehlt, um Spyglass in den Westen zu bringen, laut amerikanische Rockmusik spielte. Die lief nicht im Hintergrund, sondern beim VoPo. Seeeehr unwahrscheinlich.

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