Filmplakat The Artist
8/10

„Die Leute wollen neue Gesichter. Gesichter mit Stimmen.“ (The Artist, 2011)


The Artist

Besprechung

Der gefeierte Stummfilm-Star George Valentine (Jean Dujardin) liebt seinen Ruhm und kostet ihn voll aus. Das Publikum verehrt den Leinwandhelden und er badet in dessen Anerkennung.

Durch Zufall lernt er Peppy Miller (Bérénice Bejo) kennen. Die junge Frau ist auch ein Fan von Valentine und hat Ambitionen ins Filmgeschäft einzusteigen. Valentine gibt ihr Tipps, dann verliert man sich wieder aus den Augen.

Als 1929 Valentines Chef, Kinograph Studio-Boss Al Zimmer (John Goodman), mit Tonfilm herumspielt und darin die Zukunft des Films sieht, kann Valentine darüber nur lachen. Die Menschen wollen ihn, nicht seine Stimme. Das Publikum verlangt es nach Geschichten und nicht nach so einem Hokuspokus.

Valentine soll sich irren. Und so fällt er tief. Peppy wird derweil zum Star. Neue Technik braucht neue Gesichter. Der Tonfilm ist nicht mehr aufzuhalten. Hier ist kein Platz mehr für den einstigen Stummfilm-Helden. Peppy versucht ihrem Star heimlich zu helfen, doch dessen Verfall ist kaum zu vermeiden.

Meinung von

Gewagtes Unterfangen von Regisseur Michel Hazanavicius uns heutzutage einen Stummfilm vorzusetzen. Ein schwarz-weißer Film ist noch nicht mal das Ungewöhnlichste. Aber Stummfilm? Keine gesprochenen Dialoge? Dann noch im klassischen 4:3-Format (Okay, 1.37:1 um genau zu sein.). Da hat einer was in der Hose.

In meinem Umfeld war die Begeisterung eher eisig, als ich auf The Artist zu sprechen kam. Das ist einfach zu fremd für die Menschen heute. Etwa 80 Jahre ist es her, dass der Film das Sprechen gelernt hat. Sprache ist ein natürlicher Bestandteil unseres Lebens und unserer Kino-Sehgewohnheiten. Nimmt man dem Zuschauer das, kommt er sich verloren vor. Überall stürzen heutzutage Sinnesreize auf uns ein. Wenn ich lese, dass Kinder mit dem Computer spielen, dabei Musik hören, den Fernsehen laufen haben und gleichzeitig auf dem Mobiltelefon in ihren sozialen Netzwerken unterwegs sind, dann ist eine solche Reduzierung von Reizen, wie sie Hazanavicius uns präsentiert, ein tiefes, schwarzes Loch für diese Generation. Man muss sich schon auf so eine minimale Stimulierung einlassen.

Hazanavicius, der auch die Geschichte geschrieben hat, schafft es, den Zuschauer 100 Minuten zu unterhalten — mit ein oder zwei Längen. Die Geschichte ist recht simpel und irgendwie war mir, als hätte ich so eine auch schon mal gesehen, weiß nur nicht wo. Jean Dujardin hat das, was man als Stummfilmstar braucht: Minenspiel und große Zähne. Die kennen wir bereits aus den James Bond-Parodien um den französischen Agenten OSS 117. Dort haben Hazanavicius und Dujardin auch schon zusammengearbeitet.

In der Stummfilmzeit mussten die Schauspieler viel über ihre Gesten und Gesichtsausdrücke transportieren. Das kann Dujardin. Herrlich anzusehen die Szene, wo er bei Dreharbeiten zu seinem neuen Film in seine Rolle reinschlüpft. Dieser Blick ist wunderbar übertrieben. Mit Ton würde das kaum wirken.

Dujardins Figur George Valentine ist zunächst ablehnend gegenüber der neuen Technik. Dann wird er fallen gelassen von seinem Studio-Boss, bis seine Fans ihn auch vergessen haben. Erst als Valentines alter Chauffeur Clifton (James Cromwell) ihn davor warnt, zu stolz zu sein, wird klar, dass Stolz tatsächlich auch eine Option für die Ablehnung sein kann. Tatsächlich ist es aber die Angst, die Valentine hindert, in einem Tonfilm mitzuwirken. Was, wenn er nicht mehr "wirkt"? Kann er sich der neuen Technik anpassen? Er kann doch nur Stummfilm. Diese Angst wird klar, als Valentine träumt. Um ihn herum überall Geräusche und Gelächter, nur er bekommt keinen Ton heraus. Hier bricht Hazanavicius mit dem Stummfilm.

Auch wenn Regisseur Hazanavicius ein altes Genre aufgreift, so hat er es doch den modernen Sehgewohnheiten angepasst. Schaut man sich z.B. Fritz Langs Metropolis an, der 1927 entstand, also genau zu dem Zeitpunkt, wenn The Artist anfängt, dann waren damals die Schauspieler noch stark geschminkt und die Bewegungen waren arg übertrieben. Das ist in The Artist alles nicht der Fall. Wäre Hazanavicius diesen Weg nicht gegangen, hätte der Film wohl nicht so einen Erfolg gehabt.

Auch wenn nicht gesprochen wird, hat The Artist einen schönen Humor und amüsiert. Wie es sich für einen Stummfilm gehört, sind zwischendurch Dialoge auf Texttafeln zu lesen.

Schön war auch der Schluss, wenn Hazanavicius den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm schafft. Unaufdringlich und versöhnlich. Beim Anschauen fiel mir ein Stimmt, das Genre der Varieté-Filme gab es ja auch.

The Artist ist ein Experiment oder auch ein Kunstobjekt, er ist gewiss kein Trendsetter. Wir werden in den nächsten Jahren nicht vermehrt Stummfilme zu sehen bekommen. Der Film gefällt deswegen, weil er in unserer hektischen Welt und in unserer perfekten Kinowelt einen ruhigen Gegenpol setzt. Hier kann man sich ausruhen. Man bekommt nicht wilde Verfolgungsjagden, fantastische Welten, freche oder dumme Sprüche und schon gar nicht fucking 3D geboten. Man schaut sich eine Geschichte an. Im Hintergrund läuft Musik, die — oh Wunder! — bei einem Stummfilm eine wichtige Rolle spielt. Ohne Musik wäre der Film dann doch sehr anstrengend.

Dujardin ist gut besetzt, strahlt er doch den Charme eines Stummfilm-Stars aus. Bérénice Bejo, die ebenfalls mit Dujardin im ersten OSS 117-Streifen mitgespielt hat, ist nett, passt auch in die späten 20-er Jahre hinein, wirkt aber ein wenig blass. John Goodman gefiel mir gut. Der Mann konnte viel Minenspiel einbringen und man konnte seine Verzweiflung oder seine Verwunderung wunderbar in seinem Gesicht ablesen.

Ich habe mich gut amüsiert und wurde gut unterhalten. Irgendwie bin ich dankbar für diesen Film.

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