Filmplakat Metropolis
9/10

„Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz sein.“ (Metropolis, 1927)


Metropolis

Besprechung

In der Megastadt Metropolis herrscht eine Zwei-Klassengesellschaft. Oben leben die Schönen und vor allem Reichen. Unten leben die Arbeiter, die in der ebenfalls unterirdischen Maschinenstadt dafür sorgen, dass auf der Oberfläche alles im Licht des Wohlstands leuchtet.

Eines Tages sieht Freder Fredersen (Gustav Fröhlich), Sohn des Energie-Moguls Joh Fredersen (Alfred Abel), die schöne Maria (Brigitte Helm) in einem Garten. Freder verliebt sich sofort in Maria, die eine “aus der Tiefe” ist. Der junge Mann sucht sie in der Unterstadt, nur um zu erfahren, wie grausam die Menschen unter Erde ausgebeutet werden.

Seine Bedenken und Sorgen treffen bei seinem kaltherzigen Vater auf taube Ohren.

Freder tauscht mit einem Arbeiter (Erwin Biswanger) die Rollen, weil er näher bei seinen “Brüdern” sein will. Dabei entdeckt er, dass es eine Bewegung bei den Unterweltlern gibt. Sie hören auf Maria, die von einem Erlöser oder Mittler spricht.

Joh Fredersen bekommt von Maria und ihren Predigten mit. Er beauftragt seinen alten Widersacher Rotwang (Rudolf Klein-Rogge), der ein Erfinder ist und einst mit ihm um die Gunst der selben Frau buhlte, der von Rotwang erfundenen Maschinen-Frau das Gesicht von Maria zu geben. Diese Doppelgängerin soll in der Unterwelt für Verwirrung sorgen. Die Bewegung der unzufriedenen Arbeiter soll zerstört werden. Joh verfolgt einen sinistren Plan, Rotwang einen anderen und Freder versucht oben und unten miteinander zu versöhnen. Dabei verfällt er einem Fieberwahn.

Meinung von

Ich lehne mich selten so weit aus dem Fenster, aber im Fall von Metropolis muss ich sagen, dass man diesen Film mindestens einmal in seinem Leben gesehen haben muss. Metropolis ist ein ganz wichtiger Teil der Filmgeschichte, genauer noch: der deutschen Filmgeschichte. Bekanntlich bin ich kein großer Freund des (zeitgenössischen) deutschen Films, aber Fritz Langs Metropolis ist wichtig (aber nicht zeitgenössisch)! Eine tolle Geschichte, komplex, kritisch und unterm Strich SciFi. Dabei wurde der Film 1925-1926 gedreht. Das muss man sich vor Augen führen. Lang hat hier ein sozialkritisches, visionäres Meisterwerk geschaffen, das auch noch über 80 Jahre nach der Erstausstrahlung fasziniert und "wirkt".

Metropolis hat von allem etwas. Wie bereits erwähnt, ist es ein SciFi-Film. Als Joh Fredersen zum Bildtelefon griff, um mit seinem Vorarbeiter Grot (Heinrich George) zu sprechen, wäre ich beinahe aus meinem Sitz gerutscht. So eine Idee zu der Zeit? Wahnsinn. Metropolis ist aber mehr. Er ist auch eine Anklage gegen soziale Ungerechtigkeiten und Ausbeutung von Arbeitskräften. Er hat etwas von Liebesfilm, von Messias-Geschichte, Intrigen sowie eine Kritik an der Mechanisierung der Welt. Metropolis ist ein Stummfilm, etwas, das wir heute gar nicht mehr gewohnt sind. Dennoch kommt keine Langweile auf. Die "Dialoge" sind in ihrer geschriebenen Form spärlich, dafür müssen die Schauspieler alles mit ihrer Mimik geben. Unterstützt werden sie von der immer präsenten Musik, die die Spannung aufrecht erhält und nicht langweilig wird. Beim Minenspiel sticht Brigitte Helm hervor. Als Maria ist sie zurückhaltend, unscheinbar. Doch wenn sie die Maschinen-Frau darstellt, gehen ihre Augenbrauen hoch, die Augen sind stechend und wahnsinnig. Sehr beeindruckend.

Im Grunde könnte ich ein Buch über den Film schreiben, so viel steckt in dem Streifen drin und so sehr hat begeistert. Mache ich aber nicht. Allerdings möchte ich einen Punkt noch erwähnen. Beim Ansehen des Films fielen mir einige Gestalten oder Szenen auf, die mich an jüngere Filme erinnerten. Als ich Rotwang mit seiner Handprothese sah, musste ich im ersten Augenblick an Supermans Gegenspieler Lex Luthor denken (der ebenfalls später eine mechanische Hand haben sollte). Dann dachte ich an Star Wars und Darth Vader. Bei Alfred Abels Figur und seinem eiskalten Blick musste ich geradezu unweigerlich an Peter Cushing als Grand Moff Tarkin denken. Star Wars' C-3PO erinnert an den Maschinenmenschen Rotwangs. Bei der Stadt Metropolis, vor allem bei dem "neuen Turm zu Babel", fiel mir nicht nur der Stadt-Planet Coruscant ein, sondern auch Ridley Scotts Blade Runner. Könnten sich die beiden Regisseure (und auch andere) von Metropolis inspiriert lassen haben? Das würde nur noch einmal unterstreichen, was für einen Einfluss dieser Stummfilm hat.

Der Leitspruch des Films Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz sein fällt ganz am Anfang des Films. So ein starker Spruch bleibt haften. Die "Oben" sind das Hirn, die "Unten" die Hände, die arbeiten und schuften. Dazwischen liegt das Herz, hier verkörpert von Freder. Die Metapher wird schnell klar. Als dann aber der Aufstand in der Maschinenstadt ist und die Arbeiter die "Herzmaschine" zerstören wollen, machte es noch einmal "Klick". Zerstöre das Herz und Hirn sowie Hand gehen ein. Das Leitmotiv zieht sich somit konsequent durch den gesamten Film.

Wir sahen den Film im Passage auf der großen Leinwand. Das ist ein ganz anderes, ein tolles Gefühl, den Film im Kino zu sehen, anstatt auf einem Fernseher. Fritz Lang hatte seinen Film in einer für das damalige Publikum zu langen Fassung veröffentlicht (153 Minuten). Kurz darauf wurde eine kürzer Fassung in die Kinos gebracht. In den 1980ern wurde der Film in einer restaurierten, gekürzten Form wiederaufgeführt. In 2008 wurde in Buenos Aires eine verloren geglaubte Fassung des Films gefunden. Die Murnau-Stiftung hat die Teile, die in der letzten Fassung fehlten, aufbearbeitet und in den Film an den entsprechenden Stellen hineinkopiert. Dadurch ist die Fassung von 2010 nun 145 Minuten lang. Das kommt der Urfassung von Lang schon sehr nahe. Eigentlich gibt es nur eine größere Passage, die durch Text "überbrückt" wird, das ist der Kampf zwischen Joh Fredersen und Rotwang. Dazwischen sieht man immer wieder sehr schlechtes Material hineingeschnitten, das dürfte das aus Buenos Aires sein. Es hieß im Vorspann, dass das südamerikanische Material auf 16mm-Film kopiert war und nun in den gut erhaltenen Film hineingeschnitten wurde. Eine interessante Erfahrung, den Film ungefähr so zu sehen, wie es sich Fritz Lang vorgestellt hatte.

Metropolis muss man als Filmfreund gesehen haben! Der Film ist ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen worden.

Ein paar Statistiken zum Film?

  • 620.000 Meter Negativfilm
  • 1,3 Mio Meter Positivfilm
  • 8 Hauptrollen
  • 25.000 Komparsen
  • 11.000 Komparsinnen
  • 1.100 Kahlköpfe
  • 200.000 Kostüme
  • 1,6 Mio Mark Arbeitslöhne

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