Filmplakat Dunkirk
7,5/10

„Die Leichen kommen zurück ...“ (Dunkirk, 2017)


Dunkirk

Besprechung

Der zweite Weltkrieg läuft noch gar nicht so lange, da haben die Deutschen die Franzosen, Briten und Belgier in Frankreich an die Nordseeküste getrieben. In dem Küstenort Dünkirchen sind geschätzte 400.000 Briten, die angesichts der ausweglosen Situation so schnell wie möglich weg wollen. Der Auftrag zur Evakuierung kommt von Churchill. Ein schwieriges Unterfangen. Die Zeit drängt, da die Deutschen unaufhaltsam näherrücken.

Der Brite Tommy (Fiona Whitehead) will ebenfalls schleunigst von diesem verdammten Strand fort. Er trifft den schweigsamen Gibson (Aneurin Barnard), mit dem er sich an Bord eines Schlachtkreuzers schmuggeln will. Die beiden jungen Männer kämpfen mit allen Mitteln darum, aus Dünkirchen in die Heimat zu kommen. Commander Bolton (Kenneth Branagh) von der Marine überwacht die geplante Evakuierung. Er erklärt seinem Colonel Winnant (James D’Arcy), dass mindestens 30 bis 45 Tausend Männer zurückgebracht werden sollen.

In Großbritannien hat man von den Schwierigkeiten in Dünkirchen erfahren. Die Kreuzer stehen unter Beschuss durch deutsche Flieger und können so nicht dicht und auch nur vereinzelt in die Nähe der Küste gelangen. Ein Aufruf erfolgt und viele Briten aus diversen Küstenstädten folgen ihm: Mit kleinen Booten setzen sie über den Ärmelkanal, um britische Soldaten zu retten. Mr. Dawson (Mark Rylance) und sein Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) gehören zu diesen wackeren Briten. An Bord ist auch Peters Freund George (Barry Keoghan).

Die Beschüsse durch deutsche Kampfflugzeuge und Bomber wollen die britischen Piloten Farrier (Tom Hardy) und Collins (Jack Lowden) verhindern.

Meinung von

Keine leichte Kost, die uns Christopher Nolan da auftischt. Dunkirk ist eine "etwas andere Art" einen Kriegsfilm zu erzählen. Keine wilden Feuergefechte, es fallen nicht ständig Bomben, keine zerfetzten Körper. Dunkirk bezieht seinen Horror aus anderen Quellen. Zum einen ist es die Erzählweise. Nolan unterteilt seinen Film in drei Handlungsstränge, die zeitlich auseinander liegen, am Ende aber wieder ineinander laufen. Die Szenerie mit den fliehenden Soldaten ist Schauplatz Nummer 1, The Mole genannt. Diese Handlung soll sich über eine quälend lange Woche erstrecken. Die britischen Bürger eilen den Soldaten im zweiten Segment mit dem Namen The Sea zur Hilfe. Dauer: ein Tag. Schließlich ist die gesamte Luftschlacht von Hardy (The Air) eine Stunde.

Nolan führt diese Zeitlinien ein und springt dann immer wieder hin und her, wobei es irgendwann zur Überlagerung der Linien kommt. Wer das nicht weiß, mag am Anfang des Films recht verwirrt sein.

Der nächste Horror kommt durch die Tatsache, dass keine "Action" stattfindet. Die Menschen wollen fliehen, bangen um ihr Leben, unternehmen alles, um zu überleben. Das ist ein nervenaufreibender Kampf, dem der Zuschauer ausgeliefert ist. Wenn dann durch Kriegshandlungen Menschen ertrinken, ist das grausamer als eine Bombe und ein in die Luft gegangener, anonymer Körper. Schließlich legt Hans Zimmer mit seiner sich ewig hinziehenden Musik endgültig den letzten Nerv beim Zuschauer frei. Obwohl wenig auf der Leinwand passiert, steht man als Zuschauer ständig unter Stress durch die musikalische Untermalung. Die hat Zimmer das erste Mal beim Joker-Theme in The Dark Knight eingesetzt.

Es wird kaum geredet in Dunkirk. Wir sehen die Menschen um ihr Leben kämpfen. Da braucht es keine Worte. Wir sehen Menschlichkeit, wenn Mr. Dawson auf dem Weg nach Dünkirchen einen schiffbrüchigen Soldaten (Cillian Murphy) aufnimmt, der dem Schrecken des Krieges erst gerade entkommen ist. Er will nicht zurück und ist völlig verstört. George fragt noch, ob das ein Feigling sei, doch Mr. Dawson erklärt ihm, dass der Mann ein Trauma habe. Als der Soldat am Ende fragt, ob George, den er verletzt hat, wieder gesund werden würde, lügt ihn Peter an – um ihn zu schonen.

Nolan hat – dafür wurde er kritisiert – das One Direction-Mitglied Harry Styles gecastet. Kritik deshalb, weil es ein wenig danach riecht, als wolle er einen Mädchenschwarm einbauen, um noch ein paar Zuschauer ins Kino zu locken. Immerhin ist Dunkirk keine leichte Kost! Styles spielt einen Soldaten, der Tommy und Gibson über den Weg läuft und später das hässliche Gesicht des Krieges wird. Wenn es darum geht, seine eigene Haut zu retten, ist er derjenige, der Gibson den Deutschen zum Frass vorwerfen will. Er ist es auch, der bei der Ankunft in Großbritannien die Evakuierung als Flucht und damit als feigen Akt ansieht. Er fürchtet sich vor der Schande, die er über die Briten und vor allem über sich gebracht hat. Da hört er auch nicht, dass ein alter Mann sagt, dass das Heil-nach-Hause-kommen schon eine großartige Tat sei.

Dunkirk ist nicht Jedermanns Geschmack. Nolan zeigt Schrecken, erzeugt Unbehagen und das volle 105 Minuten lang. Ein guter Film, aber kein Streifen, den man sich unbedingt ein zweites Mal anschauen wird. Ich musste zwischendurch an Hacksaw Ridge denken, den man sich auch kein zweites Mal anschaut und war froh, dass in Dunkirk das Motiv der Religion keine Rolle spielt.

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