Filmplakat Der Zug
7,5/10

„Wir hatten noch nie Verwundete. Nur Tote.“ (Der Zug, 1964)


Der Zug

Besprechung

Nur wenige Tage vor der Befreiung von Paris, 1944, lässt Oberst von Waldheim (Paul Scofield) alle Gemälde aus dem Museum Jeu de Paume einpacken, um sie nach Deutschland zu schicken. Museumsverwalterin Mademoiselle Villard (Suzanne Flog) ist schockiert. Sie wendet sich an eine kleine Gruppe der Résistance.

Der Stellwerkvorsteher und Résistance-Kämpfer Paul Labiche (Burt Lancaster) hat schon viele Männer verloren. Er sieht nicht ein, in den letzten Tagen der Besatzung seine Leute für Kunst zu riskieren, oder gar zu opfern. Doch die Briten wollen die Gemälde gesichert wissen. Labiche soll auf gar keinen Fall den Zug in die Luft sprengen.

Von Waldheim setzt alles daran, einen Zug zu organisieren, um seine geliebte Kunst aus Frankreich zu schaffen. Als ein Freund von Labiche hingerichtet wird, nachdem er dem Zug sabotiert hat, zwingt von Waldheim Labiche dazu, erst den Zug zu reparieren und dann gen Deutschland zu fahren. Labiche und die Résistance planen, diese Fahrt zu verhindern.

Meinung von

Kunst von bedeutendem Wert, Bilder von Cézanne, Picasso, Miró und anderen bedeutenden Künstlern. Von Waldheim ist Kunstliebhaber. Er hat nie etwas von "entarteter Kunst" gehalten, in dem Sinne, dass er die Leute nicht versteht, die Kunst nicht als schön und schützenswerte ansehen.

Sein Gegenspieler Labiche hingegen ist die Kunst egal. Er arbeitet als Mitglied der Bahngesellschaft für die Deutschen, aber hinter ihren Rücken arbeitet er gegen sie. Züge transportieren kurz vor der Rückgewinnung Paris' hauptsächlich Kriegsmaterial wie Panzer und Co. Die kann Labiche leicht in die Luft sprengen.

Sein Freund Didont (Albert Rémy) überredet ihn dazu, "die Schätze Frankreichs" zu beschützen und den Zug nicht in die Luft zu sprengen. Dass der Lokomotivführer Papa Boule (Michel Simon), standrechtlich erschossen wurde, bestärkt Labiche darin, den Zug nicht nach Deutschland kommen zu lassen.

Labiche steht unter ständiger Beobachtung. Um dennoch der Résistance Hinweise und Befehle mitteilen zu können, riskiert er sein Leben.

Die Frage, die in dem Film eigentlich gestellt wird, ist, ob Kunst mehr wert sein kann, als ein Menschenleben. Für von Waldheim ist das klar der Fall. Warum Labiche jedoch am Ende tatsächlich handelt, bleibt mir ein wenig zu sehr auf der Strecke. Hat er wirklich die Liebe zur Kunst entdeckt und smokt stehen zwei Pro-Kunst-Gegner sich gegenüber? Das wird in John Frankenheimers Film nicht deutlich. Auf alle Fälle ist Labiche ein Mann mit starken Prinzipien. Er hat das Ziel den Zug aufzuhalten und das macht er – ungeachtet der vielen Opfer, die erbracht werden.

Dabei spricht Labiche noch beim Aufeinandertreffen mit Mademoiselle Villard davon, dass sein Zelle einst 100 Leute umfasste und nun nur noch drei. Das ist wirklich etwas, das mich an dem Film stört: Woher kommt dieser Gesinnungswandel?

Davon abgesehen ist Der Zug ein beachtlicher Film. Eigentlich saß Arthur Penn im Regiestuhl, doch Burt Lancaster ließ ihn nach einem Tag feuern. Penn wollte einen andere Sicht auf die Dinge. Lancaster, der zuvor mit Der Leopard einen eher mäßig erfolgreichen Film abgeliefert hatte, wollte, dass Der Zug ein Erfolg wird. Dazu musste eine actiongeladene Story her. Man schrieb um und holte Frankenheimer ins Boot. Lancaster und Frankenheimer hatten schon mehrfach zusammengearbeitet, u.a. in Der Gefangene von Alcatraz.

Was Lancaster wollte, das lieferte Frankenheimer. Der Regisseur wollte so viel Authentizismus wie möglich. Die Zugunfälle, wenn eine Lok in eine andere rast, das sind alles echte, schwere Lokomotiven. Wenn die Alliierten das Zuggelände bei Paris angreifen und in einer minutenlangen Orgie die Gleise und Züge in die Luft gesprengt werden, dann ist das echt. – Das Gelände befand sich nicht bei Paris, aber es wurde tatsächlich in die Luft gejagt. Die französische Bahn wollte den Rangierbahnhof sanieren, es fehlte aber an Geld. Also ließ man die Amis ran ...

Der Film ist über zwei Stunden lang. Dabei passiert gar nicht so viel. Das bedeutet, dass die Geschichte sehr langsam und ausführlich gezeigt wird. Damit das nicht langweilig wird – was Lancaster ja vermeiden wollte – gibt es eben die Action. Diese ist wahrlich anschaulich.

Von Waldheim und Labiche erkennen sich gegenseitig schnell als Gegner. Wobei der Deutsche in seiner Kunstliebe schon beinahe fanatisch und irre ist. Labiche bleibt eher der ruhige Typ.

Die Geschichte basiert auf einer wahren Geschichte. Der Abtransport von Kunst aus dem oben genannten Museum fand wirklich statt. Eine Museumsverwalterin gäbe es ebenso und an die Résistance hat die sich auch gewandt. Der Zug allerdings fuhr mehr oder weniger im Kreis um Paris, bevor die Alliierten die Stadt an der Seine befreien konnten. Das Thema des "Kreisverkehrs" wird in Der Zug im Grunde auch aufgegriffen. Anstatt nach Osten zu fahren, schaffen es die Widerständler, den Zug in einem weiten Kreis zu seinem Ausgangsort zu schleusen. Die Deutschen werden geschickt getäuscht.

Ist also Kunst – und mag sie noch so einzigartig und exquisite sein – mehr wert als Menschenleben? Der Zug sagt Ja. Um die Kunst zu retten, werden viele, viele Opfer erbracht. Viele Menschen werden hingerichtet. Die Frage nach dem "Was ist mehr wert?" wurde übrigens beinahe 50 Jahre noch einmal in Monuments Men gestellt. Der Film ist jedoch "softer" als Der Zug.

Man muss ruhige Filme mögen, die eine Geschichte langsam aufbauen, dann aber durchaus mit Actionszenen zu überraschen wissen. Dann ist anmit Der Zug gut bedient. Wenn da die Sache mit dem Motiv für Laibchen Handlungen nicht wäre ...

Der Zug ist Wegbereiter für kommenden Action-Filme durch seinen Realismus. Dabei fällt auf, dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde, obwohl der Farbfilm schon längs normal war.

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