Filmplakat Der Gefangene von Alcatraz
8/10

„Die oberste Pflicht im Leben heißt leben.“ (Der Gefangene von Alcatraz, 1962)


Der Gefangene von Alcatraz

Besprechung

In Alaska hat Robert Franklin Stroud (Burt Lancaster) einen Mann umgebracht. Das brachte ihm 1909 Zuchthaus ein. Drei Jahre später kommt er in das moderne Gefängnis Leavenworth. Hier trifft er auf den Gefängnisdirektor Harvey Shoemaker (Karl Malden), der ein strenges Regiment führt. Nachdem ein Wärter Stroud provoziert hat, bringt er den Wärter um. Das beschert ihm Einzelhaft.

Die Jahre vergehen. Eines Abends findet Stroud bei einem Sturm ein in den Hof gewehtes Vogelnest. Er nimmt sich des kleinen Spatzen an und peppelt ihn hoch. Im Laufe der Jahre entwickelt sich Stroud zu einem Vogelspezialisten. Er findet ein Heilmittel für eine Vogelkrankheit und schreibt sogar ein Buch, das in Ornithologie-Kreisen hoch angesehen ist.

Seine Mutter (Thelma Ritter) hält immer zu ihm, bewahrt ihren Kleinen sogar vor dem Strick. Doch als Stroud bekannter wird, lernt er Stella Johnson (Betty Field) kennen. Zunächst gehen die beiden nur eine geschäftliche Verbindung ein, als Stroud jedoch Aufmerksamkeit benötigte, heiratet er Stella auch. Sehr zum Missfallen von Mutter Elizabeth.

Stroud wird nach 30 Jahren Leavenworth nach Alcatraz verlegt, wo er erneut auf Shoemaker trifft.

Meinung von

Die Geschichte, die wir in Der Gefangene von Alcatraz sehen, entspricht ziemlich genau der Geschichte vom echten Stroud. Auch wenn der den Streifen nie hat sehen können. Stroud starb nach 54 Jahren ununterbrochenem Gefängnisaufenthalt.

Lancaster spielt einen schwierigen Charakter. Wenn wir ihn kennenlernen, ist er kalt und gemein. Stroud ist kein Mensch, den man mögen muss oder kann. Außer natürlich seine Mutter. Zu der hat er ein sehr inniges Verhältnis. Niemand darf ihr Foto anfassen oder schlecht über sie reden. Dennoch bleibt die Figur Stroud nicht zugänglich. Im Gefängnis bringt er dann noch einen Menschen um, was ihm die Todesstrafe einbringt. Allerdings schafft es seine Mutter durch Hartnäckigkeit, bei Präsident Wilson eine Begnadigung zu erwirken.

Es folgt Einzelhaft. Ein ohnehin eher asozialer Charakter wird dadurch nicht gerade sozial und zugänglich. Wir mögen Stroud immer noch nicht. Erst als er den kleinen Spatz findet und sich um ihn kümmert, zeigt Stroud Menschlichkeit. Interessanterweise richtet diese sich gegen den Vogel. Menschen sind ihm immer noch egal. Es ist der Wächter Bull Ransom (Neville Brand), der irgendwann die Schnauze voll hat von Strouds ewigem Befehlston. Er beschwert sich, dass Stroud nie Danke oder Bitte gesagt hat. Stroud brauchte das. Er realisiert, dass er ein schlechter Mensch war, dass er in 20 Jahren nie Entschuldigung gesagt hat.

Nun ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen – aber es ist ein Wandel in der Figur Strouds zu sehen. Lancaster wird ruhiger und "weicher". Er findet in den gefiederten Freunden eine Familie, die er nie hatte. Er kümmert sich um sie, hegt und pflegt sie. Als sie krank werden, setzt er all seine Energie darauf an, seinen Schützlingen zu helfen. Stroud, ein Mann niederer Bildung, fängt an alles rund um Vogelkrankheiten zu studieren, experimentiert so lange, bis er ein Heilmittel gefunden hat. Wenn man weiß, dass das alles wirklich so geschehen ist, ist das schon sehr beachtlich.

Es ist ein harter Schlag für Stroud, als er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Alcatraz gebracht wird. Hier ist alles sauber, alles steril. Vögel sind auf Alcatraz nicht erlaubt. Stroud schreibt ein zweites Buch. Diesmal beschäftigt er sich mit juristischen Themen. Das gefällt Shoemaker überhaupt nicht. Shoemaker hat sein Leben darauf ausgelegt, den Strafvollzug zu modernisieren. Jetzt kommt Stroud daher und pöbelt nur herum. Beeindruckend, wenn Lancaster hier Malden gegenüber steht und ihm die Unterschiede zwischen den beiden Figuren aufzeigt. Stroud ist es wichtig, als Gefangener immer noch wie ein Mensch betrachtet zu werden. Auch er hat ein Recht auf Würde und Individualität. Das ist eine starke Kritik am Strafvollzug.

Ich rege mich gerne über zu lange Filme auf. Heutzutage scheinen die Filmstudios inflationär mit der Filmzeit umzugehen. Oder die Schreiberlinge/Regisseure kommen nicht mehr auf den Punkt. Oder es ist einfach so, dass Filme länger sein müssen, damit man mehr an den Kinokassen abkassieren kann. Der Gefangene von Alcatraz ist beinahe zweieinhalb Stunden lang. Es ist ein ruhiger Film. Keine wilde Action (außer dem Aufstand in Alcatraz). Es ist eine Art Dokumentation über einen Mann, der gewalttätig und skrupellos war, sich dann aber hin zu einem besseren Menschen gewandelt hat. Das kann man nicht zack-zack zeigen. Stroud saß 54 Jahre im Gefängnis. Das muss richtig gezeigt werden. Trotz seiner Länge hat Der Gefangene von Alcatraz keine Längen und ist jede Minute wert angeschaut zu werden.

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