Filmplakat Bad Times at the El Royale
7/10

„Die Gewalt kam erst mit dir.“ (Bad Times at the El Royale, 2018)


Bad Times at the El Royale

Besprechung

Noch scheint die Sonne, aber am Horizont zieht schon ein Gewitter auf. Ende der 1960er trudeln vier Fremde im El Royale ein. Das Hotel steht zur einen Hälfte in Nevada und zur anderen in Kalifornien. Der Staubsaugervertreter Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm) besteht auf die Honeymoon-Suite. Father Daniel Flynn (Jeff Bridges) wählt das Zimmer Nummer 4. Die farbige Darlene Sweet (Cynthia Erivo) zieht in die 5 ein. Schließlich checkt noch eine Hippie-Braut (Dakota Johnson) ein.

Das Hotel scheint kein Personal zu haben, bis der Page/Barkeeper/Reinigungsmann Miles Miller (Lewis Pullman) auftaucht. Der warnt noch den Geistlichen, dass das El Royale kein Ort für einen Mann Gottes sei.

Schnell wird klar, dass jeder im El Royale ein Geheimnis hat. So macht sich z.B. Sullivan daran, die Suite nach Abhörwanzen zu untersuchen. Ausserdem findet er einen geheimen Gang hinter den Hotelzimmern. Durch Einwegspiegel kann er seltsame Dinge beobachtet.

Meinung von

Ich bin jetzt mal ganz platt und sage Solche Filme werden heute nicht mehr gemacht — wobei ich damit ja schon lüge, denn Bad Times at the El Royale ist ja "so ein Film". Bad Times at the El Royale ist ein schöner Suspense-Film, der sich sehr viel Zeit nimmt, seine Protagonisten vorzustellen und die Geschichte langsam aufzubauen. Also kein wilder Dialogschlagabtausch, keine verrückte Action. Autor und Regisseur Drew Goddard nimmt ein altes Hotel, das einst goldene Zeiten erlebt hatte; der Mob verkehrte hier. Durch die besondere Zwei-Staaten-Lage hatte man Glücksspiel in Nevada und die "saubere" Hälfte in Kalifornien. Doch vor einigen Jahren hat das El Royale seine Glücksspiel-Lizenz verloren, seitdem gammelt es traurig vor sich hin.

Wir lernen den freundlichen, aber offensichtlich etwas verwirrten Geistlichen kennen. Dann ist da der vorlaute Vertreter, der durchaus die eine oder andere rassistische Äußerung in Richtung von Darlene ablässt. Die zieht in ihr Hotelzimmer mit zwei großen, tragbaren Matratzen ein. Nachzüglerin ist die zunächst namenlose Hippie-Dame, die recht wortkarg ist. Als dann Sullivan zielstrebig die Wanzen aus Telefon und Schaltern ausbaut, gehen das erste Mal die Augenbrauen hoch.

Es soll sich herausstellen, dass Sullivan eigentlich Dwight Broadbeck heißt und beim FBI ist. Er ist auf der Suche nach etwas, das in dem Hotel versteckt sein soll. Wenn das FBI etwas sucht, kann das nicht ein Ein-Dollar-Schein sein. Aber auch Father Flynn scheint nicht ganz koscher zu sein. Er sucht ebenfalls etwas. Die Frauen hingegen wollen ihre Ruhe haben. Darlene will Gesangsübungen durchführen und die Hippie-Dame Emily Summerspring hat noch einen "Gast" in ihrem Zimmer.

Sullivan beobachtet seltsame Dinge in den fremden Zimmern. Was weiß der Hotelangestellte Miles? Der ist die meiste Zeit unter Drogeneinfluss.

Goddard hatte mit The Cabin in the Woods auch schon einen Film gedreht, der mit Erwartungen spielt und dann eine völlig andere Richtung einschlägt. Selbst das Ausspionieren ist ihm dank Cabin nicht unbekannt.

Man benötigt Geduld. Goddard lässt sich echt verdammt viel Zeit. Durch Rückblenden lernen wir die einzelnen Protagonisten kennen, bekommen ihre Geheimnisse offenbart. Zudem sehen wir Überschneidungen in der Erzählung. Mal sehen wir den Handlungsstrang aus Sicht von Sullivan, dann aus der Sicht von Darlene. Das ist nicht neu, aber gut eingesetzt.

Stimmungsvoll ist Bad Times at the El Royale wegen seiner schönen Kulisse, aber auch wegen der Musik. Entweder spielt die Jukebox oder Darlene singt Klassiker aus den 60ern. Das ist nett, kostet aber auch Tempo.

Am meisten beeindruckt die Geschichte von Miles Miller, der in seinen jungen Jahren schon so viel Schlimmes gesehen und getan hat. Er ist ein gebrochener Mann, der nicht mehr mitmachen will. Die Belastung ist zu groß. Father Flynn ist auch nicht das, was wir glauben und hat dazu noch ein gesundheitliches Geheimnis.

Da man die einzelnen Personen nicht einfach so rumlaufen lassen kann, schaltet Goddard einige Protagonisten aus und mixt dafür den "Sektenführer" Billy Lee (Chris Hemsworth) noch in die Geschichte rund um Emily und ihre "Geisel" Rose (Cailee Spaeny). Billy Lee ist der böse Antagonist, den er ordentlich aber nicht hervorragend von Hemsworth gespielt wird. Wir sehen viel Sixpack und rasierte Brust. Ein selbstverliebter Scharlatan, der nur Frauen ins Bett bekommen will. Auch wenn das Spiel von dem Australier nicht so dolle ist, merkt man doch, dass er Spaß an der Rolle hatte.

Bad Times at the El Royale ist ein schön altmodischer gut erzählter und z.B. von Bridges gut gespielter Kriminalfilm. Aber auch die noch junge Cailee Spaeny (Pacific Rim 2: Uprising) konnte überraschen. Ihre Rose ist eine völlig kaputte Frau, die von einem bösen Wolf eingelullt wurde und ihm blind folgt. Um mit ihm zu schlafen wird sie zur Furie und schlägt sich wild.

Für mich blieb der Film hinter den Erwartungen zurück, die durch den schnell geschnittenen Trailer klar nicht erfüllt wurden. Dennoch gefielen die Schicksale der Figuren, die Musik, die Atmosphäre und der eine oder andere WTF-Moment.

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