Filmplakat Anon
7,5/10

„Wir schließen unsere Augen um zu beten, zu weinen, zu küssen, zu träumen oder um das Gesetz zu brechen.“ (Anon, 2018)


Anon

Besprechung

In einer Zukunft, in der alles überwacht wird, fällt es schwer, ein Verbrechen hau begehen. Alles was ein Bürger sieht, wird aufgezeichnet, jeder Mensch, der einem begegnet ist kein Fremder. Es wird immer angezeigt, wer vor einem steht. Verbrechen fallen deshalb so schwer, weil Polizisten wie Sam Frieland (Clive Owen) auf jede Quelle Zugriff haben. Dafür bedarf es nicht einmal eines Terminals. Das spielt sich alles vor dem inneren Auge ab. Man spricht hier von Lebensaufzeichnungen, die vor dem geistigen Auge abgerufen werden können.

Die Gesellschaft ist also rausgeholt aus ihrer Anonymität. Falls es doch jemanden geben sollte, der nicht erfasst ist, spricht man von einem Geist. Wie es scheint, hat so ein Geist einen Broker umgebracht. Der Täter hat sich in den Feed seines Opfers eingeklinkt. So sieht das Opfer alles, was der Täter sieht und wird dadurch völlig orientierungslos – bis es zum Schuss kommt. Frieland und sein Kollege Charles Gattis (Colm Feore) stehen vor einem Rätsel.

Frieland hat an dem Tag der Tat, auf dem Weg zum Revier eine Frau gesehen, die keine Identität hatte. Er versucht diese Frau (Amanda Seyfried) zu finden, doch sie hat alle Aufzeichnungen gelöscht und ersetzt. Wie findet man in einer Gesellschaft, in der man auf alle Informationen der Bürger zugreifen kann, so einen Geist?

Meinung von

Autor und Regisseur Andrew Niccol hat uns schon mit Gattaca gezeigt, dass er ein Gespür für schreckliche und für sterile Zukunftsvisionen hat. Das ist in Anon nicht anders. Hier nimmt er klar den Überwachungsstaat aufs Korn. Wenn wir alles über jeden wissen, kann es kein Verbrechen geben. Das klingt doch schön. Ist es aber nicht. Die Technik, die uns alles aufzeichnen und wissen lässt, ist eine Technik. Technik kann man angreifen. In diesem Fall schafft es die namenlose Frau durch einen ihr bekannten Algorithmus, Aufzeichnungen zu löschen und zu ersetzen.

Die Frage, die sich daraus ergibt ist, ob man alles glauben kann, w as man sieht. Frieland muss am eigenen Leibe erfahren, dass das nicht der Fall ist. Da alle vernetzt sind und das Gesehene aufgezeichnet wird, kann sich die Frau ins Sehzentrum einklinken und ihre Version abspielen. Frieland sieht eine freie Straße, doch in Wirklichkeit herrscht auf der Straße ein äußerst lebhafter Verkehr. Was wir sehen, muss nicht wahr sein. Lektion 1.

Lektion 2 kommt ganz am Ende, wenn Frieland die junge Frau zum letzten Mal sieht. Er behauptet, jeder habe ein Geheimnis, das er oder sie verbergen wolle. Somit auch die junge Frau. Wieso setzt sie so viel Energie darauf, dieses Geheimnis unter Verschluss zu halten? – Man muss nicht ein Geheimnis haben, um nicht überwacht zu werden. Wie wäre es damit, dass man einfach nicht überwacht werden möchte!? Die totale Überwachung ist kein Segen. Sie stellt jeden erst einmal unter Generalverdacht. Vor dieser Sichtweise weicht die Frau aus. Sie möchte einfach nicht, dass alle an allem teilhaben können. Mehr nicht.

Sal Frielands Chef Josef Kenik (Iddo Goldberg) bringt es schon auf den Punkt. Für ihn sind fünf Tote nicht wichtig. Viel wichtiger ist diese eine Person, die er nicht greifen kann, weil sie anonym ist. Anonymität ist in dieser Zeit das schlimmste Verbrechen, noch schlimmer als Mord.

Die Idee mit dem Einklinken in den Feed einer anderen Person haben wir in ähnlicher Form schon in Strange Days gesehen. Keine schlechte Inspiration.

Der Film ist steril und kalt. Das wird dadurch erzeugt, dass die Farben entsteigt sind, viel Beton zu sehen ist und auf den Straßen befinden sich kaum Menschen. Das ist eine absolut schreckliche Zukunft, die uns Niccol da zeigt.

hoch