Filmplakat Strange Days
8/10

„Du könntest sogar das Arschloch von 'ner Ratte als Ehering verticken.“ (Strange Days, 1995)


Strange Days

Besprechung

Nur noch zwei Tage im alten Jahrtausend. L.A. ist in einem Dauerausnahmezustand. Überall geraten Bürger und Polizisten aneinander. Das wird nicht besser, als die Nachricht bekannt wird, dass der farbige Rapper und Bürgerrechtler Jeriko One (Glenn Plummer) umgebracht wurde. In diesem Drecksloch verhökert Lenny Nero (Ralph Fiennes) illegal aufgenommene CDs mit aufgezeichneten Gefühlen und Erlebnissen von Fremden. Lenny verkauft Dir alles, was Du sein willst oder einmal erleben wolltest. Seine Bekannte und Prostituierte Iris (Brigitte Bako) ist verzweifelt auf der Suche nach Lenny, hinter ihr sind zwei schießwütige Polizisten her.

Lenny, der sich mehr schlecht als recht über Wasser hält, in dem er sich Clips seiner verflossenen Liebe Faith (Juliette Lewis) reinpfeift, ahnt, dass irgendwas faul ist. Der Verdacht bestätigt sich, als Iris brutal umgebracht wird. Lenny versucht herauszufinden, wer dahinter steckt. Dabei erhält er Unterstützung von der Fahrerin und Bodyguard Lornette ‚Mace‘ Mason (Angela Bassett), die sich noch nie ein so genanntes SQUID-Headset aufgesetzt hat, um fremder Leute Empfindungen zu spüren. Die Clips machen nämlich abhängig.

Das muss auch Faith erfahren, die mit dem Musikproduzenten Philo Gant (Michael Wincott) zusammen ist. Der ist durch die Clips absolut paranoid gewordenen deshalb er auch den Ex-Polizisten Max Peltier (Tom Sizemore) angeheuert hat, auf Faith aufzupassen. Max und Lenny sind Freunde, weshalb Max den Clip-Dealer auch immer auf dem Laufenden hält.

Meinung von

Lange ist es her. Das Grindel (†) hatte gerade durchrenoviert und frisch eröffnet. Am ersten Tag gab es ein Wahnsinnsangebot: ein Preis und dann so viele Filme schauen, wie man mochte. Einer der Filme, die sich damals sah, war Strange Days. Der Film lief im Original, so frisch war der damals. Nun war ich noch nicht in vielen englischen Filmen gewesen, aber den Anfang habe ich locker verstanden.

Regisseurin Kathryn Bigelow schickt ins in einen rasanten POV-Trip. Wir sehen drei Männer in einem Auto, die gleich ein chinesisches Restaurant überfallen werden. Der Mann auf dem Rücksitz – das ist unsere Perspektive. In der Szene ist so viel Adrenalin und Tempo, dass die Typen gefühlt nur Fuck! in einer Tour schimpfen. So schlimm ist das dann doch nicht mit englischen Filmen ... – Spaß beiseite, die Anfangsszene wird einem voll vor den Latz geknallt. Wir wissen nicht, was das soll, bis wir Lenny das erste Mal sehen. Der hat den Clip von Tick (Richard Edson) angedreht bekommen, der die Clips in Auftrag gibt.

Diese SQUID-Headsets wurden vom FBI entwickelt, dann aber unter Verschluss gehalten. Doch wenn erst einmal eine Technik da ist, findet sie auch ihren Weg in die Hände von Interessierten. Der ganze Spaß ist natürlich hoch illegal. Eben weil die Clips abhängig machen. Außerdem kann man mit so einem Headset auch die vorderen Gehirnlappen einer Person zu Matsch machen.

Die Geschichte von Bigelows Ex-Ehemann James Cameron hat einen Geschmack von Rodney King. Die Übergriffe der Polizei im Jahre 1991 hatten nach der Urteilsverkündigung Rassenunruhen in L.A. zur Folge. Cheriko One wurde hingerichtet und wir erfahren erst später durch wen. Cameron lässt in seiner Story die Gefahr von Rassenunruhen wieder aufleben. Ein anderer Aspekt ist die Kritik an der Technik. Nur weil sie da ist, heißt das noch lange nicht, dass sie gut ist. Laut Cameron stürzen sich die Menschen immer auf eine neue Technik, ohne vorher nachzudenken, was das für Konsequenzen haben könnte.

Bigelow zeigt uns ein düsteres "Zukunftsbild" (der Film kam 1995 heraus und spielte im Jahr 1999, die Angst vor "der großen 2" war da noch präsent). Lenny ist charmant, aber auch ein Loser. Er hängt seiner Vergangenheit mit Faith hinterher. Da muss die starke Mace ihn immerzu aus allem herausholen. So ein "Rollentausch" war damals im Kino sehr selten. Okay, ist er heute auch noch ...

Ich mag die subjektive Kamera nicht. Aber in Strange Days macht sie Sinn. Durch die SQUID-Technik werden optische, akustische und emotionale Eindrücke einer Person festgehalten, so dass eine andere in diesen Moment hineinschlüpfen kann. Es geht um die Sichtweise der aufzeichnenden Person. Das stellte die Filmemacher übrigens vor einige Probleme. Zum Beispiel wenn Faith und Lenny vor einem Spiegel rummachen und wir die Szene durch Lenny Augen sehen. Heute ist das leicht machbar, damals war das harte Pionierarbeit.

Der Film ist hart, schnell und brutal. Absolut eklig ist die Szene, in der Iris nicht nur vergewaltigt wird, sondern der Täter sein Signal in ihr Gehirn spielt. So sieht und fühlt das Opfer, was der Täter mit ihr macht. Das ist unerträglich grausam. Wer kommt nur auf so eine perverse Idee?

Die Auflösung am Ende ist gut gemacht, spannt den Bogen sauber. Ein wirklich ungewöhnlicher Film, eine neue Story. Also: Ansehen.

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