Filmplakat Wo die wilden Menschen jagen
8/10

„Erst mal was frühstücken. Dann kannst du weglaufen.“ (Wo die wilden Menschen jagen, 2016)


Wo die wilden Menschen jagen

Besprechung

Ricky (Julian Dennison) ist ein Teenager, den niemand haben will. Er ist schon von einer zur nächsten Pflegefamilie gewandert, doch da er ein “schwieriger” Junge ist, so die Jugendamt-Mitarbeiterin Paula (Rachel House), fliegt er überall immer wieder raus. Nun bringt Paula Ricky zu der am neuseeländischen Arsch gelegenen Farm von Bella (Rima Te Wiata) und ihrem grimmigen, mundfaulen Mann Hec (Sam Neill). Ricky, ein absolutes Stadtkind, will da weg. Wer will schon gerne im Nirgendwo wohnen?

Bella schließt den übergewichtigen Jungen gleich ins Herz, bei Ricky dauert das etwas länger, doch dann mag er Bella auch gerne. Nur Hec bleibt auf Distanz.

Als Bella dann leider stirbt, soll Ricky wieder woanders hin, doch dem Teenager gefällt es mittlerweile in seinem neuen Zuhause. Er macht, was er immer macht, wenn es schwierig wird: er flieht. Hec hinterher. Weil der gruselige Mann sich das Bein bricht, muss das ungleiche Duo recht lange in der Wildnis leben – was Paula, die Ricky abholen will, aber als Entführung deutet. Es beginnt eine wilde Jagd auf Zwei, die sich nicht sonderlich mögen, aber durch die äußeren Umstände zusammengeschweißt werden.

Meinung von

Zwei Jahre zuvor habe ich mich noch königlich über die schräge Vampir-"Dokumentation" 5 Zimmer Küche Sarg des neuseeländischen Regisseurs und Schauspielers Taika Waititi amüsiert, da kommt er mit seinem nächsten Film wieder daher und massiert die Lachmuskeln. Wo die wilden Menschen jagen ist anfangs melancholisch, aber auch gleich schon skurril und "seltsam". Ricky ist seltsam, Bella ist seltsam, Hec ist seltsam. Jeder Charakter ist verschroben und komisch auf seine Art. Bella ist herzensgut und sieht überall nur das Gute. Ricky ist ein schlimmer Finger? Ach, egal, Bella mag ihn gleich vom ersten Augenblick. Ricky hingegen ist ein typischer Teenager, der gerne ein böser Gangster sein will und auch entsprechend bunt gekleidet ist. Eine Bekleidung, die ihn in der neuseeländischen Wildnis als absoluten Fremdkörper markiert. Sam Neill als mürrischer Hec ist … mürrisch. Zunächst ist er recht wortkarg, doch später erfahren wir, dass er, wie Ricky, von Bella aufgenommen wurde – egal wie seine Vergangenheit aussah.

Die sah düster aus. Das ist auch der Grund, warum die "Entführung" absolut ungelegen kommt. Hec kann es sich nicht leisten, als Krimineller abgestempelt zu werden. Doch wie das Leben so spielt, kommt ein dummer Zufall zum nächsten, gepaart mit unbedachten Sprüchen von Ricky, und die Jagd ist eröffnet.

Natürlich schweißt der Trip Hec und Ricky zusammen. Das ist schnell klar. Aber der Weg dahin ist urkomisch. Es gibt Momente, da hab eich lauthals gelacht, aus voller Brust. Die Situationen sind so verrückt und schräg, das muss man gesehen haben. Wo die wilden Menschen jagen ist ein "Feel-good-movie". Den schaut man sich an, wenn man herzlich lachen möchte, wenn man eine bewegende Geschichte sehen möchte und wenn man den schrägen Humor von Waititi mag. Die Figuren sind alle herzlich und man mag sie. Auch den miesepetrigen Hec.

Zwischendurch gibt es eine Strecke, wo Ricky sich von Hec entfernt und bei der geschwätzigen Kahu (Tioreore Ngatai-Melbourne) landet. Klar verliebt der sich Hals über Kopf in das Mädchen. Hier schwächelt der Film aber doch ein wenig. Man möchte die Dynamik zwischen Hec und Ricky sehen, Kahu wirkt wie ein Fremdkörper. Dass sie später eine wichtige Rolle spielen soll, weiß man an der Stelle noch nicht, daher fragt man sich, was das Intermezzo soll.

Waititi hatte schon 2005 mit der Adaption des Buches des neuseeländischen Autors Barry Crump angefangen und soll mehrere Drehbücher geschrieben haben. Am Ende fügte er noch Charaktere hinzu und hat das wohl etwas ernstere Buch Wild Pore and Watercress zu einer lustigen, herzensguten Geschichte umgeschrieben, die man gerne noch mal schaut.

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