Filmplakat 5 Zimmer Küche Sarg
9/10

„Vampires don't do dishes.“ (5 Zimmer Küche Sarg, 2014)


5 Zimmer Küche Sarg

Besprechung

In Neuseeland gibt es lediglich eine Hand voll Vampire. Ein Filmteam begleitet eine Vampir-Wohngemeinschaft über einen längeren Zeitraum. Die vier Herren sind zwischen 8.000 und 180 Jahre alt.

Wie in jeder WG gibt es die eine oder andere Reiberei, wenn so verschiedene Charaktere auf einem Haufen zusammen wohnen. Im Keller haust der eher stumme Petyr (Ben Fransham), oben in dem kleinen Haus bei Wellington haben sich der dunkle Vladislav (Jemaine Clement), der eher schüchterne Viago (Taika Waititi) und der mit 183 Jahren geradezu als Jungspunt zu bezeichnende Deacon (Jonathan Brugh) eingerichtet.

Die Filmcrew begleitet diese Wesen der Nacht über viele Monate. Eigentlich steckt in so einem Vampirdasein viel Routine. Man streitet sich darüber, wer das Geschirr der letzten Monate abwäscht, dass ein Mitbewohner seit fünf Jahren keine Miete mehr bezahlt hat oder wieso niemand Zeitungen unter die Opfer legt. Das Blut hinterlässt immerhin Flecken.

Die Routine wird eines Tages durch Nick (Cori Gonzalez-Macuer) gestört. Nick war vor zwei Monaten als Abendessen eingeplant, konnte dann aber doch fliehen, nur um von Petyr zum Vampir gemacht zu werden. Nun ist dieser Spinner auch ein Teil der WG und bringt neben einigen Annehmlichkeiten (das Trio entdeckt, dass sie sich aus dem Internet Videos von Sonnenaufgängen und Fotos von Jungfrauen runterladen kann), eben auch viel Unruhe in die Wohngemeinschaft. Welcher Vampir läuft bitte in der Stadt herum und posaunt herum, dass er ein Vampir sei? So was macht man nicht.

Außerdem schleppt Nick seinen alten Kumpel Stu (Stuart Rutherford) an. Ein Mensch in den Reihen der Vampire. Das gehört sich ebenfalls nicht. Auch wenn Stu eigentlich ein netter Geselle ist.

Meinung von

Für mich der erste Beitrag im diesjährigen Fantasy Filmfest und was für ein famoser Auftakt! Autor und Regisseur Taika Waititi ist der erste Vampir, den wir in dieser fiktiven Dokumentation sehen. Alle Mitglieder der Filmcrew tragen Kruzifixe und dürfen nicht gebissen werden, das erfahren wir gleich am Anfang. Ansonsten gäbe es diese Doku ja auch nicht. Viago ist ein netter Vampir. Einige hundert Jahre alt, ist er nach Neuseeland gekommen, weil er einer Frau folgte, die er liebte. Er wirkt schüchtern und überaus höflich. Vladislav hingegen kennen wir alle – das ist Vlad, der Pfähler, Vorlage für Bram Stokers Dracula-Roman. Er ist einer der größten Vampire überhaupt, mit stark ausgeprägten telepathischen Kräften und der Fähigkeit sich in Tiere zu verwandeln. Jedenfalls war er das mal, bis er auf "das Biest" traf, das ihn besiegte. Seitdem klappt es nicht mehr so richtig bei Vladislav mit dem Bösesein. Deacon war mal ein Nazi-Vampir, doch die Zeit liegt hinter ihm. Dennoch ist das "Küken", immer noch der Wilde im Bunde. Petyr hat ebenfalls eine "geschichtliche" Vorlage, wenn auch eine filmgeschichtliche: der bleiche Geselle schaut verdächtig nach Nosferatu aus und sagt auch genau so viel …

Der Zuschauer bekommt einen wunderbar schrägen Einblick in das Dasein von Vampiren. Wie sie essen, wie es ist, als Vampir auszugehen. Das machen sie ganz gerne, allerdings ist es schwer, sich anzuziehen, wenn man kein Spiegelbild hat und in Bars kommt man als Vampir bekanntlich nur rein, wenn man auch eingeladen wird. Doch die drei Vampire – Petyr bleibt für gewöhnlich im Keller – sehen so seltsam aus, dass sie nie eingelassen werden. Blöd das.

Das Frischblut Nick bringt Schwung in die Bude. Und viel Ärger. Deacon kann ihn von Anfang an nicht ausstehen. Nick verhält sich aber auch nicht typisch für einen Blutsauger.

Die einzigen beiden Menschen im Alltag unserer Vampir-WG sind neben dem Computer-Analysten Stu noch Jackie (Jackie van Beek), die eigentlich die Dienerin von Deacon ist und sich nichts sehnlicher wünscht, als von ihm zum Vampir gemacht zu werden. Sie räumt auf, wischt das Blut weg und besorgt den Herrschaften frisches Essen. Eigentlich immer Leute, die sie nicht mag.

Neben Taika Waititi hat auch Jemaine Clement am Drehbuch mitgewirkt und saß ebenfalls im Regiestuhl. Beide liefern eine herrlich abgedrehte Komödie mit sympathischen Hauptfiguren ab, die sich durch eine wundbar absurde Geschichte bewegen. Da es sich bei 5 Zimmer Küche Sarg um eine "Dokumentation" handelt, braucht der Film auch nicht den üblichen Regeln des Spannungsbogenaufbaus einer normalen Erzählung folgen. Der Streifen ist von der ersten Minute bis zur letzten lustig. Zwischendurch gab es ein oder zwei Aussetzer, aber die lassen sich verzeihen.

Klarer Sympathieträger ist Taika Waititi als Viago. Er grinst verschmitzt, möchte sich eigentlich nie in den Vordergrund drängeln, versucht die Harmonie in der Wohngemeinschaft aufrecht zu erhalten und dann stellt er sich beim Töten der Opfer oft äußerst ungeschickt an. Wir lernen: Niemals die Hauptschlagader durchbeißen. Das gibt nur eine riesige Sauerei. Lustigerweise war auch aus irgendeinem Grund der gruselige Petyr einer meiner Lieblinge. Man muss eben über die fiesen Zähne hinwegsehen.

5 Zimmer Küche Sarg präsentiert mal wieder eine frische Seite des Vampirfilms. Vampire, so zeigt uns der Streifen, sind – oder besser: waren – auch nur Menschen. Somit kann denen auch Komisches widerfahren.

Wer keine Angst vor spitzen Zähnen und Lachsalven hat, ist mit 5 Zimmer Küche Sarg bestens bedient. Für mich ein sehr gelungener Start ins Filmfest. Die Dame vom Filmfest, die sich mit dem Mikro hinstellt und etwas erzählt, meinte noch, dass 5 Zimmer Küche Sarg das so genannte "Herzstück" des Festivals war. Da habe ich aber Glück gehabt. Jeder, der den Film sieht, hat ebenfalls Glück. Anschauen!

Einziger Wermutstropfen (im Original) ist Cori Gonzalez-Macuer, den man aufgrund seines Akzents nicht immer versteht. Auch die beiden Polizisten, die zwischendrin auftreten, sind nicht immer leicht zu verstehen. Das mag am neuseeländischen Akzent liegen. Man sollte sich davon jedoch nicht abhalten lassen und den Film ansehen. Wer den Film im Original schaut, wird überrascht ein, dass die wenigen Passagen, die auf Deutsch gesprochen werden, tatsächlich gut klingen. Oft hat man ja eher das Google-Translate-Deutsch in ausländischen Filmen vorliegen, in 5 Zimmer Küche Sarg scheint man tatsächlich mal jemanden mit echten Deutschkenntnissen gefragt zu haben.

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