Filmplakat Under the Silver Lake
10/10

„Everything you dreamt is fabricated.“ (Under the Silver Lake, 2018)


Under the Silver Lake

Besprechung

Sam (Andrew Garfield) lebt so in den Tag hinein. Irgendwie macht er herzlich wenig, außer ein bisschen mit dem Fernglas spannern und von Zeit zu Zeit masturbieren. Eigentlich müsste er mal etwas machen. Er ist schon tierisch im Verzug mit der Miete. Eines Tages sieht er eine junge Frau mit ihrem Hund am Pool. Abends läuft man sich “zufällig” über den Weg. Der Abend ist schön. Da könnte was draus werden, wenn nicht die Mitbewohnerinnen auftauchen würden – und ein Pirat.

Am nächsten Tag ist Sarah (Riley Keough) weg. Das Appartement ist leer. Was ist da passiert? Sam sieht eine Frau (Zosia Mamet) in die ausgeräumte Wohnung gehen und einen Schuhkarton mitnehmen. Er hängt sich der Frau und ihren beiden Freundinnen an die Fersen.

Sam ist da etwas ganz großem auf der Spur. Er hat das Gefühl verfolgt zu werden. Auf seinem Weg durch L.A. sammelt er diverse Hinweise. Er ist davon überzeugt, dass es versteckte Nachrichten gibt, die nur für ganz bestimmte Menschen vorgesehen sind. Stück für Stück setzt sich das Puzzle zusammen und er kommt Sarah immer näher.

Meinung von

Bumm! Das war mein Kopf. Mein Kopf, der in Glückseligkeit explodiert ist. Under the Silver Lake ist ein wahnsinniger Film. Das ist es, warum ich Filme so gerne mag. Hier sprüht die Fantasie über, hier passt alles: die Schauspieler, die Figuren, die Geschichte, die Musik.

Denkt man an Los Angeles, denkt man an Hollywood. Hollywood als die große Traumfabrik. Das ist eine ganz andere Welt. Genau darum geht es im Grunde auch in Under the Silver Lake. Sam entdeckt in seiner Enthüllungstour überaus seltsame Dinge. Es geht um Verschwörungstheorien, darum, dass wir alle gelenkt und manipuliert werden, dass es uns gibt und auf der anderen Seite die Superreichen, die in ihrer eigenen Sphäre leben. Der Film sprudelt über von verrückten Ideen, die alle irgendwie zusammengebracht werden.

Andrew Garfield spielt herrlich. Sein Sam ist eigentlich intelligent, aber irgendwie auch verschroben. Er beschattet die drei Frauen auf so kuriose und komische Art – das ist eine reine Freude ihm dabei zuzusehen. Wenn er "unauffällig" irgendwo hinlaufen will, dann macht er genau das Gegenteil davon. Mit angelegten Armen versucht er sich unsichtbar zu machen, wenn er läuft. Sam hat so manchen Pseudo-Heureka-Moment. Da hat er gerade mal wieder ein Rätsel geknackt – und fragt sich, was das, was er da eben aufgedeckt hat, zu bedeuten hat.

Die Geschichte ist einfach nur crazy. Dabei läuft sie nicht geradlinig ab. Also nicht nur diese eine Erzählung. Es gibt noch andere Begebenheiten. So treibt zum Beispiel ein Hundemörder sein Unwesen. Das wird auch nicht aufgeklärt. Nimmt aber viel Platz ein. oder der Pirat? Dann ist da das Mädchen von der Kontaktlinsen-Werbung (Lola Blanc) – sie taucht immer wieder auf, Sam trifft sie sogar. Aber im Grunde ist das alles nicht nötig. Dabei sind das nicht überflüssige Geschichtchen. Es sind eben diese kleinen Dinge, die einem im Leben widerfahren und die die "Würze" ausmachen. Auch Sams Bekannter Allen (Jimmy Simpson) oder der Typ von der Bar (Toper Grace) – die sind da, bringen die Geschichte nicht voran, aber machen den Film "echter".

Denkt man an die Traumfabrik, fallen einem bestimmt einige Filme ein und auch der eine oder andere Regisseur. Für Regisseur und Autor David Robert Mitchell war in Under the Silver Lake der Großmeister Hitchcock eine Inspiration. Wenn Sam die Frauen im Wagen verfolgt, dann hat das was von James Stewarts Verfolgungsfahrt in Vertigo. Sam verfolgt die Frauen später mit einem Tretboot – dabei musste ich an die Szene aus Der Fremde im Zug denken. Am Anfang das Spannern mit dem Fernglas? Das ist eine Anspielung an Das Fenster zum Hof. Fuck, Sam steht sogar auf einmal vor einem Grabstein, auf dem Hitchcock steht. In Sams Wohnung hängen aber auch Plakate für Der Schrecken vom Amazonas oder The Wolf Man. Da hat einer seine Hausaufgaben gemacht ...

David Robert Mitchell hat sich einen Namen mit It Follows gemacht. Das ist auch schon ein ungewöhnlicher Film, ein anderer Ansatz von Horror-Film. Under the Silver Lake ist eine völlig andere Art von Film. Eine Art Verschwörungstheorie-Rätsel-Psycho-Detektiv-Film? Der Streifen hat einen wunderbaren Witz. Beinahe zweieinhalb Stunden dauert Under the Silver Lake und er ist nie langweilig.

Es passieren ständig Dinge. Zum Beispiel wacht Sam eines Morgens auf und auf der Straße steigt vor ihm eine Frau aus. Er ist magisch angezogen von ihrem Gesäß und plötzlich strömen von überall knapp bekleidete Frauen auf die Straße. Ich sage nicht warum – es ist eben eine dieser Würz-Einheiten. Das gesamte Kino hat sich köstlich amüsiert, als Sam kleinen Jungs, die in der Straße Scheiße bauen, einfach mal ohne Vorwarnung die Fresse poliert. Oder die nette Anspielung an Spider-Man (Garfield war Spider-Man! Ahhh.), am Morgen danach. Unbezahlbar diese Einfälle. Da steckt so viel Liebe zum Detail drin.

Noch als der Film lief, dachte ich er müsse doch bald zu Ende sein – und ich wollte nicht, dass er endet! Die Geschichten um Sams Leben könnten ewig dauern und ich könnte ewig zuschauen. Als ich rauskam aus dem Savoy, hatte ich ein breites Grinsen im Gesicht, so schön schräg ist der Streifen.

Ich könnte noch viel, viel mehr schreiben, mache es aber kurz: Anschauen!

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