Filmplakat Moderne Zeiten
7/10

„Look! I can do it blindfolded!“ (Moderne Zeiten, 1936)


Moderne Zeiten

Besprechung

Arbeit ist rar und hat sich so sehr gewandelt, dass man nur noch ein Rad im Getriebe ist. Das muss ein Fabrikarbeiter (Charles Chaplin) auch feststellen. Sein Job am Fließband macht ihn kaputt. Er landet in einer Nervenheilanstalt. Als er wieder rauskommt, gilt es einen neuen Job zu finden. Doch das ist in diesen schweren Zeiten weiß Gott nicht leicht.

Zur falschen Zeit am falschen Ort – und schon findet sich unser Arbeiterheld aufgrund eines dummen Zufalls im Gefängnis wieder. So schlimm ist es da eigentlich gar nicht. Nachdem er einen Ausbruch verhindert hat, geht es ihm recht gut. Blöd, dass er dafür wieder freigelassen wird.

Bei seinem Versuch erneut in die trockene Gefängniszelle zu kommen, lernt er eine junge Frau (Paulette Goddard) kennen. Die hat ebenfalls unter den schweren Zeiten zu leiden. Ihr Vater kommt bei einem Unfall um und nun ist sie Waise. Sie kann vor dem Jugendamt fliehen, doch was dann? Gemeinsam versuchen unser Fabrikarbeiter und das Mädchen ihr Glück zu finden.

Meinung von

Charlie Chaplin hat wahrlich viele Filme gedreht. Moderne Zeiten ist der letzte "Stummfilm", den er ablieferte. Eigentlich waren Tonfilme längst machbar – und jeder in der Filmindustrie schuf auch solche (Der Mann, der lacht war bekanntlich "auf der Schwelle zum Tonfilm" gedreht und das war bereits 1928). Vielleicht wollte Chaplin einfach an seinem Metier festhalten, dem Stummfilm, oder aber er entschied sich bewusst dagegen; quasi als Protest.

Moderne Zeiten ist ein Protestfilm. Am Anfang sehen wir wie monoton die Arbeit geworden ist, wenn sie am Fließband stattfindet. Der Präsident der Firma (Al Ernest Garcia) überwacht seine Mitarbeiter per Kamera und kann per Video-Gegensprechanlage (WTF?) Befehle austeilen. Dabei geht es meistens um Produktionserhöhungen. Die Art der Arbeit ist nicht mehr menschenwürdig. Der Film hat diese eine weltbekannte Einstellung, in der Charlie Chaplin seiner Arbeit nachgeht, von der Maschine verschluckt wird und durch die Räder der Maschinerie gedreht wird. Dabei bleibt er ein braves Arbeitstier und dreht Schraube um Schraube. Was ihm am Ende den Verstand kostet.

Bevor er einen Zusammenbruch erleidet, wird er aber noch als Versuchskaninchen für eine "Fütterungsmaschine" ausgesucht. Um die Produktion zu steigern, so denkt sich ein Anbieter, muss es einen Weg geben, damit die Arbeiter keine Pausen machen, auch nicht zum Essen. Charlie wird in einen seltsamen Apparat eingespannt, der ihn fixiert und mit Essen vollstopfen soll. Natürlich geht das schief. Ein weiterer Kritikpunkt an der modernen Arbeitswelt. Immer nur Profit, egal zu welchen Kosten.

Nachdem seine Versuche zurück ins Gefängnis zu kommen gescheitert sind, versucht er es erneut mit Arbeit. Auch weil er die liebreizende Dame (ohne Namen) gefunden hat. Sie teilen das Schicksal so vieler Menschen während der großen Depression: die Frage, wie über die Runden kommen? Wie Glück finden?

Sein Job als Nachwächter geht voll in die Hose, sein Job als Maschinen-Ingenieur ebenso. Schließlich landet er in einem Lokal, wo seine Freundin als Tänzerin untergekommen ist. Doch nichts will klappen.

Es wäre kein Charlie Chaplin-Film, wenn er nicht zum einen mit Slapstick gespickt wäre und zum anderen unser Held die Hoffnung verlöre. Das tut er natürlich nicht. Auch wenn man dem Fabrikarbeiter immer und immer wieder ins Gesicht schlägt, auch wenn seine Freundin – einem normalen Leben so nah – aufgeben will, Charlie Chaplins Charakter findet immer die Kraft, weiter zu machen.

Der Film hat neben der berühmten Zahnrad-Szene einige nette Späße vorzuweisen. Späße und den einen waghalsigen Stunt, wo Charlie im Einkaufszentrum blind Rollschuhe fährt – ganz dicht an einem Abgrund.

Das Ende ist etwas abrupt für meinen Geschmack. Charlie und die im Original als "Gamin" geführte Frau scheinen es gerade geschafft zu haben, als das Jugendamt das Mädchen festnehmen will. Die beiden fliehen und wir sehen sie Hand in Hand eine Straße in den Sonnenuntergang gehen. Ähm ... Mehr ist da nicht?

Obwohl Moderne Zeiten ein Stummfilm ist, gibt es wie bei Der Mann, der lacht auch, Geräusche zu hören. Es gibt sogar gesprochene Worte, die kommen aber meistens aus Maschinen (Radio, Video, Schallplatte). Moderne Zeiten hat die Figur des für seine Filme typischen Landstreichers als Hauptfigur. Dieser "Tramp" hat in allen früheren Filmen nie geredet. Wie auch? Das wollte Chaplin auch in Moderne Zeiten beibehalten.

Am Ende gibt es aber eine Gesangseinlage in dem Lokal, in dem unser Pärchen arbeitet. Wie will man eine Gesangseinlage machen, wenn der Held doch eigentlich noch nie auf der Leinwand einen Ton von sich gegeben hat? Chaplin mischte seinen Gesang (vermutlich) nachträglich rein. Damit nichts übersetzt werden musste, ist der Text Kauderwelsch. Er hört sich an wie Italienisch, ist es aber wohl nicht. Das war eine bewusste Entscheidung. Chaplin war ein Held des Stummfilms. Der Tonfilm war ihm zuwider. Ton ist in Moderne Zeiten mit negativen Dingen in Verbindung zu bringen, oder aber eben Kauderwelsch.

Selbstverständlich ist der Humor in Moderne Zeiten nicht unbedingt zeitgemäß, dennoch bringt er einen auch heute noch zum Schmunzeln. Die Kritik an der Industrialisierung bleibt bestehen und mit der oben beschriebenen Zahnrad-Szene hat sich der Film eh in die Filmgeschichte eingeschrieben. Sollte man als Filminteressierter mal gesehen haben.

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