Filmplakat Der Mann, der lacht
8/10

„God closed my eyes so I could see only the real Gwynplaine.“ (Der Mann, der lacht, 1928)


Der Mann, der lacht

Besprechung

Ende des 17. Jahrhunderts in England. Lord Clancharlie hat König James II. (Sam De Grasse) den Handkuss verweigert. Dafür hat der König den Lord nicht nur hinrichten lassen, sondern seinen kleinen Sohn Gwynplaine (Julius Molnar) durch den Chirurgen Dr. Hardquanonne (George Siegmann) entstellen lassen. Hardquanonne ließ dem Kleinen ein ewiges Grinsen ins Gesicht schneiden.

So entstellt landet der Junge in einer kalten Winternacht in Cornwall beim fahrenden Quacksalber Ursus (Cesare Gravina). Zuvor hat der kleine Gwynplaine noch ein Baby aus den Armen einer Erfrorenen gerettet. Das Baby ist, wie sich herausstellen soll, blind. Ursus nimmt Gwynplaine und Dea auf.

Viele Jahre später ziehen die Drei durchs Land. Gwynplaine (Conrad Veidt) ist die Attraktion auf jedem Jahrmarkt. Die Leute lieben “Den Mann, der lacht”. Mittlerweile ist Dea (Mary Philbin) zu einer jungen, hübschen Frau herangewachsen. Sie liebt Gwyplaine. Doch der Clown schämt sich für sein Aussehen, obwohl Dea ihn ja nicht sehen kann. Gwyplaine ist berühmt, die Menschen lieben ihn, aber er leidet enorm unter seiner Entstellung.

Auf dem Jahrmarkt von Southwark erkennt der in die Jahre gekommene Dr. Hardquanonne in Gwynplaine den Nachkommen von Clancharlie. Der ruchlose Doktor will die Herzogin Josiana (Olga Baclanova) erpressen, die das Vermögen von Clancharlie verwaltet. Der Erpresserbrief gelangt in die Hände des ehemaligen Hofnarren Barkilphedro (Brandon Hurst), der von der Entdeckung des Nachfahrens Königin Anne (Josephine Crowell) erzählt. Die hat einen Hass auf die ungezogene, freche Herzogin, weshalb sie diese mit dem Clown Gwynplaine vermählen will.

Der Mann, der lacht wird in Gewahrsam genommen und für seine Lieben als tot erklärt. Ursus und Dea werden des Landes verwiesen, doch die Liebe Gwynplaines zu Dea ist stärker.

Meinung von

Die Vorlage Der lachende Mann - die ich nicht gelesen habe - stammt aus der Feder von Victor Hugo. In Amerika war man gerade dabei, den deutschen expressionistischen Film zu entdecken. Außerdem waren Filme wie Der Glöckner von Notre Dame, ebenfalls von Hugo, oder die Carl Laemmle-Produktion Das Phantom der Oper, Hits in den Kinos. Der Mann, der lacht traf da den Nerv des Publikums. Die Hauptfigur ist wie der Glöckner entstellt. So verbindet Der Mann, der lacht Elemente des Horrorfilms - obwohl er keiner ist - und des expressionistischen Films - obwohl er auch das nicht wirklich ist. Lediglich die Szene mit den Galgen im Winter, wenn der kleine Gwynplaine durch den Schnee irrt, die ist deutlich vom Expressionismus geprägt. Dabei hatte man mit Regisseur Paul Leni einen Exil-Deutschen, der eigentlich etwas von dem Genre verstehen müsste.

Der Mann, der lacht ist ein Melodrama. Es geht um den entstellten Gwynplaine, der unter seinem Äußeren stark leidet. Ständig hält er seine Hände vor den grinsenden Mund, so sehr schämt er sich. Er glaubt nicht daran, dass ihn irgendjemand lieben könnte. Dea beteuert ihm zwar, sie würde ihn lieben, doch sie hat ihn auch noch nie gesehen und er hält sich nicht ihrer würdig. Als Josiana, die wirklich eine dumme, verwöhnte Nuss ist, beim Anblick von Gwynplaine nicht lacht, während im Saal alle über ihn lachen, ist er gerührt. Eine Frau sah ihn und hat nicht gelacht — könnte er tatsächlich geliebt werden?

Natürlich leidet unter dieser Wendung die Beziehung zur treuen Dea. Nun ist sie es, die leidet. Eine klassische Entwicklung des Dramas.

Zwar ist Der Mann, der lacht nur ein Stummfilm, dennoch sollte er bereits Geräusche bieten. Ungewöhnlich für die Zeit, wird nicht nur Musik auf der Tonspur geliefert, sondern auch Hintergrundgeräusche. Wenn die Handlung auf den Jahrmarkt in Southwark wechselt, hören wir Rufen, Lachen, Schreien, Klirren. Gen Ende soll es sogar noch das Lied When Loves Comes Stealing geben. Hollywood befand sich zu der Zeit an der Schwelle zum Tonfilm. Das Filmstudio Universal überlegte, in welchem Format man Der Mann, der lacht drehen sollte. Da Conrad Veidt für sein Lachen eine Prothese und Klammern, die ihm die Mundwinkel nach hinten zogen, verpasst bekam, war es ihm nicht möglich zu sprechen. Damit war dann auch klar, dass man einen Stummfilm drehen würde - mit Geräuschen.

Der Deutsche Conrad Veidt spielt den Entstellten sehr gut. Man sieht ihm seinen Schmerz an. Die Menschheit macht sich über ihn lustig, sieht ihn als Jahrmarktattraktion und Freak an. Niemand sieht ihn als Menschen. Zum Ende hin wird er gar im Oberhaus noch irre, was durch seine entblößten Zähne nur noch wahnsinniger wirkt.

Veidt war nicht die erste Wahl für Gwynplaine. Eigentlich sollte Lon Chaney, der den Glöckner von Notre Dame spielte, die Hauptrolle übernehmen. Da er aber bei MGM unter Vertrag stand, konnte er den Mann mit dem Grinsen nicht spielen. Produzent Carl Laemmle stellte Regisseur Paul Lein ein. Der wiederum hatte zuvor mit Conrad Veidt vier Filme gedreht gehabt, darunter auch Das Wachsfigurenkabinett, in dem Veidt bereits sein ausdrucksstarkes Schauspiel unter Beweis stellen konnte.

Der Mann, der lacht ist eine gute, solide Geschichte, die allerdings am Ende wohl vom Buch abweicht. Dort soll sich Dea aus Kummer selbst umbringen, was wiederum Gwynplaine in den Freitod treibt. Leni liefert uns ein Happy End, was nach dem vielen Leid aber auch nur berechtigt ist. Der Film dauert satte 110 Minuten, wobei es keine Langeweile gibt. Das Tempo ist straff, die für Stummfilme sonst so typischen hektischen Bewegungen - hervorgerufen durch eine zu schnelle Aufnahme - sind hier recht verhalten. Die Bilder sind ausdrucksstark, ebenso das Schauspiel in diesem Film, der drei Jahre lang gedreht wurde.

Eigentlich sollte jeder Der Mann, der lacht kennen. Die Figur des ständig grinsenden Clowns soll die Vorlage gewesen sein für Batmans ärgsten und gefährlichsten Gegner, dem Joker. Tatsächlich tritt Gwynplaine an einer Stelle mit weißer Schminke im Gesicht auf, was wirklich an den "Clownprinz des Verbrechens" erinnert. Dabei ist Gwynplaine das absolute Gegenstück zum Joker. Die Figur aus dem Jahre 1928 ist verletzlich und will geliebt werden.

Im Film wird der arme Gwynplaine als Freak zur Schau gestellt. Die Moral ist klar, dass man über das Äußere hinwegsehen sollte. Dea, die nicht sehen kann, erkennt den guten Kern in der leidenden Gestalt des Gwynplaine. Interessant ist hierbei, dass man damals diesen Stoff wohl auch nur aus Schaulust verfilmt hat. Die damaligen Kinogänger waren auch nur auf der Suche nach einem Freak.

Den Zuschauern wurde aber auch noch mehr geboten: Olga Baclanova spielt die Herzogin Josiana sehr freigiebig. Das erste Mal sehen wir sie nackt baden. Ein Bote des Dr. Hardquanonne beobachtet sie durchs Schlüsselloch. Diese Szene sollte fürs US-Publikum herausgeschnitten werden. Später tummelt sie sich als einfaches Weib verkleidet auf dem Jahrmarkt mit Raufbolden herum, die ihr an den Busen gehen. Für damalige Zeiten war das ein extrem gewagtes und "heißes" Schauspiel.

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