Filmplakat Marnie
7/10

„Ich hatte nicht die Absicht, die Fische zu füttern. Ich wollte mich umbringen.“ (Marnie, 1964)


Marnie

Besprechung

Sie ist eine Lügnerin, eine Kriminelle und Identitätsdiebin. Marnie Edgar (Tippi Hedren) hat darüber hinaus auch arge Probleme mit ihrer Mutter Bernice (Louise Latham), die ihre Tochter abzulehnen scheint. Marnie kann machen was sie will, Bernice geht immer auf Distanz zu ihrer Tochter. Schließlich kommt noch hinzu, dass Marnie Aussetzer und panische Angst bekommt, wenn sie die Farbe Rot sieht.

Marnie will gerade bei der Firma Rutland ihr nächstes Ding drehen, da erkennt der Inhaber, Mark Rutland (Sean Connery), die junge Frau, die er vor einigen Monaten in einer anderen Firma gesichtet hatte, einer Firma, die von einer mysteriösen, schönen Frau beraubt wurde. Obwohl Mark um die Gefährlichkeit Marnies weiß, stellt er sie an und lässt sie gewähren. Auf frischer Tat ertappt, bindet er die Frau an sich, heiratet sie gar.

Seine Umwelt, vor allem seine ehemalige Schwägerin Lil Mainwaring (Diane Baker), die noch im Hause Rutland wohnt, versteht Mark nicht.

Während Mark versucht die Fassade einer glücklichen Ehe aufrechtzuerhalten, lehnt Marnie ihren Gatten strikt ab. Sie hat riesige Angst, sich von ihm berühren zu lassen. Eine gute Ehe ist das nicht, doch Mark bleibt am Ball und versucht Marnie aus ihrer psychischen Not zu helfen.

Meinung von

Ein ungewöhnlicher Film ist Marnie, oder zumindest ein ungewöhnlicher Film für einen Hitchcock-Streifen. Der "Meister des Suspense" geht mit dem Buch von Winston Graham eine ganz andere Richtung, als man es vom britischen Regisseur sonst gewohnt ist. Da hilft es auch nicht, dass der Film als "Suspenseful Sex Mystery" beschrieben wird. Marnie ist ein Psychodrama und eine Charakterstudie. Zudem ist der Film keine leichte Kost. Die sonst so übliche kleine Romanze am Rande (siehe Über den Dächern von Nizza oder Das Fenster zum Hof), ist hier nicht so leicht, wie man es gewohnt ist. Marnie hat riesige psychische Probleme, die eine Beziehung zu ihr scheinbar unmöglich machen.

Wir sehen keinen Mord und dass die Hauptfigur eine Diebin ist, wissen wir von der ersten Minute an. Sie kann gar nicht fliehen, als sie entdeckt wird. In Marnie geht es um das dunkle Geheimnis der Vergangenheit. Irgendwas ist in Marnies Kindheit geschehen, das sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Der Zuschauer will es wissen. Als Hilfe hat er den durchaus harten Mark, der mit Beständigkeit daran arbeitet, dieser Frau zu helfen. Dabei geht es ständig hin und her, mehr aber in eine Richtung. Marnie kann nicht mit Männern zusammen sein.

Der Streifen dauert satte 130 Minuten, die keine leichte Kost sind. Es gibt keine Witze, die Spannung ist eine schleichende, die neben dem unguten Gefühl in der Magengegend hockt. Ursprünglich war die Rolle der Marnie für Grace Kelly vorgesehen, doch die musste schließlich absagen. Als man Tippi Hedren als Hauptfigur gecastet hatte, musste noch ein männlicher Darsteller her. Sean Connery hatte gerade James Bond 007 jagt Dr. No in die Kinos gebracht und seine Karriere damit in Schwung. Eigentlich spielt Marnie in den USA und Connery hat einen stark britischen Akzent - das interessierte Hitchcock jedoch nicht.

Auch interessierte er sich nicht für die Kritik von Drehbuchautor Evan Hunter. Der Drehbuchautor von Die Vögel versuchte Hitchcock zu erklären, dass die Figur des Mark nicht Marnie vergewaltigen dürfe, wie es im Buch stand. Für seine Kritik wurde er gefeuert. Im Endeffekt wurde die Szene auf dem Schiff abgemildert, dennoch reißt er der paralysierten Marnie das Nachthemd vom Leibe. Was danach passiert wird nicht gezeigt - aber die Reaktion von Marnie am nächsten Morgen fällt entsprechend heftig aus.

Man ist sich nie sicher, ob Mark Marnie wirklich helfen will, oder ob er, wie er selber sagt, mit Marnie etwas besonderes gefangen habe, das er nicht hergeben werde. Marnie also als Beutetier, als Objekt? Genau das ist das Problem hier. Erst am Ende erkennt man, dass Mark alles daran setzt, ihr zu helfen. Sei es aus Habsucht, aus Jagdtrieb oder auch aus einem Samariter-Drang heraus.

Der britische Regisseur, immer auf der Suche nach Extremen, setzt bei diesem Film sehr auf die Vogelperspektive. Viele Szenen sind von oben aufgenommen, was eine sehr ungewöhnliche Blickweise ist. Bei der Überblendung in Marnies Vergangenheit setzt er dann wiederum die Technik des Dolly-Zooms ein, die er bei Vertigo erfunden hatte. Das konnte er sich wohl nicht verkneifen.

Marnie ist keine leichte Kost und wie bereits erwähnt auch fern von dem, was man von Hitchcock gewöhnt ist. Der Film kam entsprechend schlecht beim Publikum an, als er in die Kinos kam. Um Hitchcocks Werk zu kennen, sollte man sich aber Marnie auf alle Fälle anschauen.

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