Filmplakat Love
8/10

„There are no seasons. Just time.“ (Love, 2011)


Love

Besprechung

Captain Lee Miller (Gunner Wright) ist auf der ISS, die 20 Jahre verlassen um die Erde kreiste. Als einziger Astronaut hockt er da oben und testet die Station, ob man wieder Menschen dorthin schicken kann. Eines Tages bricht der Kontakt zu Mission Control in Houston ab. Miller versucht Kontakt aufzunehmen, aber von der Erde meldet sich niemand mehr. Absolute Funkstille.

Nach einiger Zeit wird Miller ungeduldig. Ist das so ein Isolations- und Stresstest? Doch niemand reagiert. Auf der Erde sind die Lichter ausgegangen.

Miller wird immer einsamer, fängt an zu fantasieren.

Nach einem Kabelbrand findet er in einer Ecke der Station das Tagebuch eines gewissen Captain Lee Briggs (Bradley Horne), der 1864 im Amerikanischen Bürgerkrieg gekämpft hat und losgeschickt wurde, eine Entdeckung zu verifizieren. Doch Briggs beschreibt nur seinen Weg, nie das, was er entdeckt hat.

Meinung von

Love wurde produziert von der Alternative-Rockband Angels & Airwaves. Vor einigen Jahren gab es die Musik zum freien Download. Dann gab es einen Trailer und ich wollte den Streifen unbedingt sehen. Doch er sollte nur in einer einzigen Veranstaltung, an einem bestimmten Tag in 460 Kinos in den Staaten laufen. Das war's. Ein Kunst-Objekt.

Umso größer die Freude, als ich las, dass er im Rahmen der Fantasy Filmfest Nights gezeigt werden sollte.

Der Film handelt von der Isolation eines Menschen, davon, wie wichtig soziale Kontakte für uns sind und Love handelt auch von der Tatsache, dass unsere Geschichten, das, was uns bewegt, von Bedeutung ist. Geschichte muss aufgeschrieben werden.

Love ist extrem ruhig, ein entschleunigter Film. Neben den Einstellungen auf der ISS-Raumstation gibt es auch Aufnahmen aus dem Bürgerkrieg und von Captain Lee Briggs. Explosionen sind extrem langsam, man sieht jeden kleinen Stein auffliegen. Zudem streut Regisseur William Eubank, der mit Love sein Regie-Debüt ablieferte, immer wieder Ausschnitte ein, die wie Interviews mit unterschiedlichen Männern wirken.

Während Miller in seiner unfreiwilligen Isolation langsam an den Rand des Wahnsinns gerät, sprechen die Interviewten von Geschichtserzählung, von Liebe und Kontakt, von Lebensplanung und der Tatsache, dass sich nichts planen lässt. Man dürfe nur nie aufgeben.

Love ist ein philosophisch anmutender Film, die Musik von Angels & Airwaves wird nie ganz gespielt, die Lieder bleiben alle im instrumentalen Intro-Bereich und entfalten eine ungeheure Ruhe. Meine Begleitung ist wegen dieser "Tiefenentspannung", wie sie es nannte, auch einmal eingeschlafen. Nicht weil der FIlm langweilig ist, sondern weil er so ruhig ist.

Wenn Miller nach sechs Jahren Isolation Kontakt bekommt — und ich sage nicht wozu —, dann mutete der letzte Part von Love wie der letzte Akt aus 2001: Odyssee im Weltraum an. Nur dass es sich bei Loves letztem Akt nicht um den Schöpfungsakt aus 2001 handelt.

Der Film hat nicht viel gekostet, Eubank hat das Innere der ISS im Garten seiner Eltern nachgebaut und dennoch wirkt der Streifen kein bisschen billig. Es sind extrem tolle Aufnahmen zu sehen, Eubank spielt sehr viel mit Nahaufnahmen und einer ungeheuer geringen Schärfentiefe. Love ist nicht nur vom Inhalt her ein Kunstwerk, sondern auch von der Art wie er gefilmt wurde.

Gunner Wright, der den einsamen Astronauten mimt, hat wenig Text, wenn, dann spricht er nur mit sich selber. Dennoch hat Wright einige sehr starke, emotionale Momente. Er konnte die Geschichte gut tragen.

All die kippeligen kleinen Scheißer, die heutzutage die Kinos stürmen, Popcorn fressen, nebenbei noch ihre Smartphones checken und voll auf 3D und Action stehen — für Euch ist das nichts! Bleibt fern! Wer jedoch ein tolles Filmerlebnis haben möchte, der sollte Love im Kino anschauen.

Beim Verlassen des Cinemaxx gingen zwei Männer hinter uns her, die sich über den Film unterhielten. Dass Miller eine Maschine sei, wie es der eine Typ erwähnte, konnte ich nicht nachvollziehen. Aber: Love bietet viel Spielraum für Interpretationen.

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