Filmplakat Gesprengte Ketten

9,5/10

"Ich muss hier raus, sonst verrecke ich." — Gesprengte Ketten, 1963

Gesprengte Ketten

Besprechung

„Alle faulen Eier in einem Korb“, so bezeichnet Kommandant Von Luger (Hannes Messemer) die vielen Männer, die in seinem Lager für Kriegsgefangene der Luftwaffe inhaftiert sind. Das verkündet er auch schnell dem SOB, dem Senior-Verbindungsoffizier der britischen Luftwaffe, Ramsey (James Donald). Die Nazis wollen die Mehrfachausbrecher unter einem Deckel halten.

Unter den Gefangenen ist auch „Big X“ Bartlett (Richard Attenborough), der sich als Organisator zur Aufgabe macht, bei einem Großausbruch 250 Gefangene zu befreien. So soll eine Art zweite Front geschaffen werden, die dann für „Verwirrung im Hinterland“ sorgen soll. Jeder deutsche Soldat, der auf der Suche nach den Gefangenen ist, kann nicht an der Front sein. Ein guter Plan. Ein riskanter Plan.

Die Truppe plant mehrere Tunnel zu graben. Entdecken die Nazis einen, hat man noch zwei in Reserve, der Tunnel-König Danny (Charles Bronson) gräbt an vorderster Front. Im Lager sind die Rollen gut verteilt. Der Amerikaner Hendley (James Garner) organisiert Dinge, die benötigt werden, sein britischer Zimmergenosse Blythe (Donald Pleasence) fälscht alles, was man zum freien Bewegen in Deutschland benötigt.

„Big X“ benötigt aber auch Informationen, wie es in unmittelbarer Nähe des Kriegsgefangenenlagers ausschaut. Hier kommt Hilts (Steve McQueen) ins Spiel. Während die groß angelegte Aktion unter der Erde vonstatten geht, brechen Hilts und der Schotte Ives (Angus Lennie) mehrfach aus. Hilts soll bei einem Fluchtversuch die benötigten Informationen besorgen und sich dann wieder fassen lassen.

Meinung von

'Gesprengte Ketten ist lustig, spannend und am Ende bekommt man einen Tritt in die Magengegend.' So beschreibe ich den Film gerne. Regisseur John Sturges zeigt eine wahre Geschichte. Diesen Massenausbruch aus einem deutschen Gefangenenlager im zweiten Weltkrieg gab es wirklich. Einige Kleinigkeiten wurden gestrafft, aber ansonsten ist die Idee nicht frei erfunden. Auch die Tatsache, dass von den im Endeffekt Geflohenen der Großteil ums Leben kam, ist real - und eben der besagte Tritt in die Magengegend. Der Zuschauer bekommt nämlich schnell eine Verbindung zu den hauptsächlich britischen Gefangenen. Mit Humor werden alle Protagonisten eingeführt.

Die Buddelarbeiten, die Rückschläge und die ständige Bedrohung durch die Nazi-Deutschen macht den Film spannend. So hat man eine angenehme Balance zwischen heiter und dramatisch. Mit der Flucht und dem Zeigen der Einzelschicksale holt uns Sturges am Ende wieder in die Realität und erinnert uns an die Gräueltaten des Krieges.

Bei dem Staraufgebot ist es schwer, allen Charakteren gerecht zu werden. Sturges schafft es jedoch, dass Attenborough, McQueen, Garner, Bronson und auch die "Zweit-Ligisten" alle Platz in der Erzählung finden. Immerhin spielt jeder eine wichtige Rolle für den Ausbruch. Schnell bekommt man zu den meisten Charakteren "einen Draht" und gewinnt sie lieb. Was vor allem durch den feinen Humor geschieht. Deshalb fiebert man dann auch entsprechend mit, wenn es an den Ausbruch und die Flucht geht. Dabei spielen alle souverän. Charles Bronson nimmt man z.B. seine Angst vor Tunneln sehr gut ab.

Einer der größten Sympathie-Träger ist Steve McQueens Charakter. Interessanterweise soll Sturges sich an McQueen gerieben haben und der Schauspieler war mit der Größe seiner Rolle nicht zufrieden, wodurch es zu einem Bruch zwischen den beiden kam. Gesprengte Ketten stand also in dieser Beziehung unter einem schlechten Stern. Soweit ich mich erinnere, soll die legendäre Flucht-Szene von McQueen auf dem Motorrad zunächst nicht angedacht gewesen sein. McQueen kam dann auf die Idee mit der Motorrad-Flucht - was seiner Leidenschaft als Motor-Fan sehr entgegen kam. So fuhr McQueen auch alle seine Stunts selber. Mit einer Ausnahme: den großartigen Sprung an der Schweizer Grenze über eine mit Stacheldraht bewehrte Absperrung, die durfte er nicht selber machen.

Mir gefiel auch, dass Lager-Kommandant Von Luger nicht als der unbarmherzige Nazi dargestellt wird, was in solchen Filmem leicht und gerne passiert. Hier haben wir einen Deutschen im Nazi-Deutschland, der immer noch menschlich ist. Er ist selber von der Luftwaffe und behandelt seine Gefangenen mit Respekt. Es wird klar, dass es einen Ehrenkodex unter der Luftwaffe gibt - allerdings ist es auch, so Ramsey, die Pflicht eines jeden Kriegsgefangenen, seinen "Haftmeistern" das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Gesprengte Ketten ist trotz seiner 50 Jahre immer noch ausgenommen spannend und faszinierend. Er hat keine eigentlichen Längen. Lediglich wenn die einzelnen Fluchtwege der Gefangenen gezeigt werden, scheint der Film etwas lang zu sein. Was er aber unterm Strich nicht ist. Zuerst sieht man die Gruppe, wie sie gemeinsam den Ausbruch plant. Als dann 76 fliehen können, sieht man, wie sich die Gruppe auflöst und die einzelnen (natürlich nicht alle 76) entkommen wollen. Dabei sind auch hier wieder spannende Momente zu sehen. Nur für heutige Sehgewohnheiten ist das wohl etwas schwer …

Ein Muss! Ich mag Kriegsfilme nicht, aber dieser ist immer gerne gesehen. Schade, dass solche Filme nicht mehr einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Im Kino laufen die ganz, ganz selten (z.B. im Metropolis) und im deutschen Fernsehen läuft nur Schund, nicht aber so ein Klassiker. Ein junger britischer Kollege meinte, auf der Insel würde man den Film sehr gut kennen. Dort würde er häufiger laufen. In Deutschland nicht …