Filmplakat Die Narbenhand
7,5/10

„Ich hab' mein Glück umgebracht.“ (Die Narbenhand, 1942)


Die Narbenhand

Besprechung

Philip Raven (Alan Ladd) ist ein Auftragskiller. Sein jüngster Auftrag führt ihn zu einem Chemiker, den er in dessen Wohnung erschießt. Ihn und seine Freundin. Zeugen kann Raven nicht gebrauchen. Der Auftrag kam von dem zwielichtigen Willard Gates (Laird Cregar), der seinen Auftraggeber nicht preisgeben will, obwohl Raven ihn danach fragt. Gates bezahlt Raven mit Zehn-Dollar-Scheinen.

Was Raven nicht weiß ist, dass Gates ihn mit den Dollarscheinen reingelegt hat. Dabei handelt es sich um gestohlene Scheine. Gates verrät Raven an die Polizei. Die macht Jagd auf den Killer. Als Raven das herausfindet, macht er sich auf den Weg nach L.A., um Gates seine Rechnung zu präsentieren.

Die singende Zauberin Ellen Graham (Veronica Lake) wird von einem Senator angeheuert, Gates das Handwerk zu legen. Der Senator arbeitet in einem Komitee, das Amerikaner ausschalten will, die mit feindlichen Agenten kooperieren. Gates soll so einer sein. Somit hat Gates zwei Leute am Hals. Der Zufall bringt Raven und Ellen zusammen.

Meinung von

Der britische Schriftsteller Graham Greene schrieb die Buchvorlage A Gun for Sale im Jahre 1936. Der Roman spielt zwischen den Kriegen, in Die Narbenhand wurde die Geschichte in die Zeit während des zweiten Weltkrieges verlegt. Die politischen Verwickelungen wurden in der Filmversion etwas verschoben. Es geht um Landesverrat, nicht darum einen Krieg vom Zaun zu brechen. Wir erfahren erst später, dass Gates' Auftraggeber der Chef einer Chemikalienfabrik ist. Raven hat bei seinem Mordauftrag dem Chemiker eine Formel abgenommen, die nun der Chemie-Mogul Alvin Brewster (Tully Marshall) an den Meistbietenden verkauft – was in diesem Fall die Japaner sind.

Doch bevor das Geheimnis gelüftet wird, sehen wir viele Menschen mit Doppelleben. Raven ist ein eiskalter Killer. Gleichzeitig ist er freundlich zu Katzen. Ellen ist zum einen die Varieté-Künstlerin, dann aber auch eine Art Agentin, die für die Regierung einen Spion überführen soll. Das darf sie aber niemandem sagen, auch nicht ihrem Freund, dem Polizisten Michael Crane (Robert Preston). Michael ist der leitende Beamte in der Suche nach dem Killer Raven. Sogar Gates führt eine Art Doppelleben. Zum einen ist er der Handlanger des Landesverräters Brewster, aber abends führt er seinen Nachtclub, in dem leichte Unterhaltung geboten wird.

Während Gates im Schlafwagen von San Francisco nach Los Angeles fährt, lässt sich Ellen im Sitzwagon durchs Land fahren. Ein dummer Zufall macht Ellen und Raven zu Sitznachbarn. Beide haben das selbe Ziel: Gates ausschalten. Sie will nur einen Beweis, dass der dicke Mann mit der Vorliebe für Pfefferminz ein Landesverräter ist. Raven will ihn tot sehen.

Wir dürfen eigentlich nicht für Raven sein. Er tötet gegen Geld und wie er es selber sagt, fühlt er sich dabei auch gut. Dennoch ist er eine so gebrochene Figur, dass wir Sympathie für ihn entwickeln. Die wird aber auch auf die Probe gestellt, als er an einem kleinen Mädchen im Treppenhaus vorbeigeht, um seinen Kill auszuführen. Wird er sie auch als Zeugin und damit potenzielle Gefahr ansehen?

Was heute noch ein wenig verwerflich ist, war zu der damaligen Zeit tatsächlich undenkbar – für einen Mörder sein. Regisseur Frank Tuttle und Alan Ladd schaffen aber das Unmögliche. Das eigene Gewissen wird dann am Ende des Films auch beruhigt. Raven erklärt Ellen wie er zu dem wurde, was er ist. Raven ist eine gebrochene Seele. Sein Vater wurde gehängt, die Mutter war auch früh aus seinem Leben. So lebte er bei einer sadistischen Tante, die den Jungen immer wieder schlug. Eines Tages drehte er durch und erstach sie. Ellen stellt richtig fest, dass Raven mit jedem Auftragsmord im Grunde seine Tante umbringen wolle. Das erklärt auch seine Aussage, dass er sich bei jedem Mord gut fühlt.

Ellen appelliert an Ravens Vaterlandsliebe. Wenn er nicht hilft Gates und Brewster das Handwerk zu legen, werden Unschuldige sterben. Der Part ist schwach, aber der Zeit angemessen. Ja, Raven wechselt die Seiten und wird von einem absoluten Einzelgänger zu dem Helden, den wir den gesamten Film über haben wollten. Als er dann von der Polizei wild niedergeschossen wird, holt er sich vor seinem letzten Atemzug die Absolution von Ellen.

Die Narbenhand ist ein schöner Film noir. Unser Nicht-Held wird – wie es das Genre verlangt – von einer Femme fatale ins Verderben getrieben. Hier ist es der blonde Engel Veronica Lake. In Die Narbenhand spielen die beiden das erste Mal zusammen. Obwohl kein Liebespaar, kam die Zusammenarbeit beim Publikum so gut an, dass das Filmstudio die zwei Schauspieler noch öfter gemeinsam auf die Leinwand schickte. Noch im selben Jahr sah das Publikum Lake und Ladd in Der gläserne Schlüssel zusammen im Kino.

Lake war ein Jahr zuvor an der Seite von Joel McCrea in der Komödie Sullivan Reisen bekannt geworden. Den Ruhm musste man ausnutzen, dachte sich das Studio, wusste aber Lake nicht richtig einzusetzen. Ihre leichte Art Zaubertricks singend darzubieten ist der Beweis dafür. Soll sie einen leichten Part spielen, oder soll sie in einem knallharten Spionage-Thriller spielen?

Davon abgesehen: Wer Film noir mag, sollte den Film gesehen haben.

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