Filmplakat Christopher Robin
8,5/10

„Ich war ein Vater von sehr geringem Verstand.“ (Christopher Robin, 2018)


Christopher Robin

Besprechung

Christopher Robin (Ewan McGregor) ist erwachsen geworden. Irgendwann war es Zeit, den Hundertmorgenwald und seine Freunde zu verlassen. Er kam auf ein Internat, sein Vater starb, er hat Evelyn (Hayley Atwell) geheiratet und kurz nachdem er in den 2. Weltkrieg zog, kam seine Tochter Madeline (Bronte Carmichael) zur Welt. Der Krieg ist vorbei und Robin arbeitet in einer Reisekoffer-Fabrik. Sein Chef Giles Winslow (Mark Gatiss) gibt ihm den Auftrag 20% der Kosten einzusparen, sonst müssen Leute entlassen werden. Und das bitte am Wochenende, weil am Montag eine Lösung auf dem Tisch liegen muss.

So muss Robin seine Frau und seine Tochter alleine auf den alten Landsitz schicken. Evelyn macht sich Sorgen, weil ihr Mann immer unglücklich ist, nicht mehr lacht, sich nicht um seine Tochter kümmert und nur Arbeit im Kopf hat. Als er so alleine in London ist, stolpert er über seinen alten Stoffbären Winnie Puuh (Jim Cummings), der heute morgen aufgewacht ist und seine Freunde nicht mehr gefunden hat. Christopher Robin soll ihm helfen Ferkel (Nick Mohammed), I-Aah (Brad Garrett), Känga (Sophie Okonedo), ihre Tochter Roo (Sara Sheen), Rabbit (Peter Capaldi) und Eule (Toby Jones) zu finden. Christopher Robin ist völlig perplex, glaubt daran, dass der Stress ihn fertig macht – doch da steht wirklich sein alter, dummer Bär Puuh vor ihm.

Gemeinsam fahren sie auf den Landsitz der Robins, weil Christopher und Puuh nur von dort in den Hundertmorgenwald kommen. Die Ankunft im Wald ist sehr traurig und düster. Was ist nur mit dem Wald geschehen? Wo sind die alten Freunde hin? Und wie kann Christopher Robin seine Aufgabe für die Arbeit erledigen?

Meinung von

Ich gestehe, ich war nie ein großer Freund von A.A. Milners Geschichten um Winnie Puuh (auch wenn mein Stoffbär auf den Namen Puuh-Bär getauft wurde). Entsprechend skeptisch war ich auch dem Film gegenüber. Er fängt schwer an. Der junge Christopher Robin (Orton O'Brien) ist aus dem Alter herausgewachsen, in dem man mit Stofftieren spielt und lustige Abenteuer erlebt. Er muss in die Welt der Erwachsenen. Er verspricht Puuh, ihn nicht zu vergessen — natürlich vergisst er seinen alten Freund.

Die Geschichte um den erwachsenen Christopher Robin ist auch noch harte, staubtrockene Kost. Sein Leben ist grau, trist und trostlos. Das wünscht man niemandem. Seine Tochter möchte mehr von ihrem Vater, doch der muss arbeiten. Seine Frau sieht, wie ihr Mann immer unglücklicher wird. Das ist nicht der Christopher Robin, in den sie sich einst verliebt hat.

Als dann Puuh in seinem Baumhaus aufwacht und in den Wald hinaustritt, ist immer noch alles traurig grau. Wo sind seine Freunde hin? Ist er jetzt alleine? Die Romanfigur Puuh war schon immer als Bär von geringem Verstand angelegt. Der Film-Bär ist genauso. Er redet langsam, etwas weinerlich und kann Christopher Robin nicht immer folgen. Das mochte ich nie. In Christopher Robin habe ich die Art des Bären zu lieben gelernt. Er ist einfach, aber auch einfach liebenswert. Er ist unschuldig, wie es Kinder sein sollten. Puuh und die anderen Tiere sind Robins Kindheit, die nun hinter ihm liegt. Erst als er durch eine alte Zeichnung an Puuh erinnert wird, scheint dieser wieder zum Leben erweckt zu werden. Fehlen noch die anderen Stofftiere …

Sobald Christopher Robin auf seine Stofftiere von einst trifft, nimmt der Film eine andere Wendung. Er wird leichter und schöner. Da war dann auch schon die ein oder andere feuchte Ecke im Augenwinkel … – so schön ist der Film.

Was wird aus unserer Kindheit? Wo ist die Unschuld hin, wo das Nichtstun? Wieso können wir das als Erwachsene nicht mehr? Tigger (ebenfalls von Jim Cummings gesprochen) hat in seiner ihm unbeschwerten, quirligen Art eine andere Vorstellung davon, was wichtig im Leben ist. Das muss Robin dann auch feststellen, als er zurück in London ist. All die Freunde von damals, die ihren Christopher Robin immer noch lieb haben – immerhin beschützt er sie auch vor einem wilden Heffalump –, helfen ihm dann, wenn er es am nötigsten hat.

Der Film ist wie gesagt am Anfang schwermütig, wird dann aber in der zweiten Hälfte wunderschön und herzerwärmend. Er hat Witz, die Tricktechnik hilft ungemein, die Illusion von sprechenden Stofftieren aufrechtzuerhalten. Christopher Robin ist kein echtes Heulfest, aber die Nase wird schon etwas schniefig. Das muss man natürlich abkönnen.

Es ist toll zu sehen, dass eine Romanwelt, die mir als kleines Kind irgendwie nicht zugänglich war, nun so herzlich und gut erscheint. Ich mochte alle Figuren – mit ihren Fehlern. Das Ende ist warm, gut, schön und toll. Wenn man sich etwas Kindheit zurück wünscht, wenn man wieder Unbeschwertheit erleben möchte, dann ist Christopher Robin zu empfehlen.

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