Filmplakat Berlin Syndrome
6/10

„No one will hear you.“ (Berlin Syndrome, 2017)


Berlin Syndrome

Besprechung

Clare (Teresa Palmer) ist eine recht schüchterne junge Frau aus Australien. Man solle reisen, heißt es. Das würde den Charakter stärken, heißt es. Sie fährt nach Berlin und fotografiert viel, treibt sich in Antiquaren herum. An einer Ampel lernt sie Andi (Max Riemelt) kennen, einen freundlichen, interessierten Mann aus Berlin, der Englisch und Sport unterrichtet. Die beiden kommen sich näher, auch wenn Clare zurückhaltend ist.

Am Ende landen sie bei Andi im Bett. Der Lehrer hat eine Wohnung in einer dieser völlig leerstehenden Häuser in Berlin. Der nächste Morgen ist dann etwas seltsam. Andi ist in der Schule und Clare ist eingeschlossen. Kann ja mal passieren.

Schnell findet Clare heraus, dass das mit der verschlossenen Tür kein Irrtum war.

Meinung von

Schwieriger Film. Es sind hauptsächlich nur zwei Leute im Bild und viel geredet wird dann auch nicht. Berlin Syndrome braucht lange, um zum Punkt zu kommen. Es wird viel Geplänkel im Vorfeld gezeigt. Als dann die Entführungssituation einsetzt, wird es etwas ungemütlich. Allerdings findet sich Clare schnell in ihr Schicksal. Es gibt nur einen Versuch zu fliehen. Da bleibt Teresa Palmer auch nicht viel anderes übrig, als nur rumzusitzen.

Max Riemelt als Andi hat da eine vielschichtigere Rolle. Was treibt einen Menschen an, einen anderen einzusperren? Er hat Clare sogar "Meine" auf die Schulter gemalt, als sie schlief. Wir lernen viel mehr über Andi, als über Clare. Andi stammt aus der DDR, seine Mutter hat ihn und seinen Vater Erich (Matthias Habich) verlassen und hat "rüber gemacht". Damit lässt sich einiges erklären. Andi will besitzen. Nicht nur eine Frau, die immer bei ihm bleibt und alles macht, was er will. Auch seine Tasse im Lehrerzimmer wird böse verteidigt.

Man möchte meinen, Andi hält sich Clare als Sexsklavin. Doch die beiden haben recht wenig Sex. Nach der ersten Nacht und nachdem er sie eine Zeit lang ans Bett gefesselt hat, macht er hauptsächlich Polaroid-Fotos von ihr und verschwindet damit in einem Zimmer. Der Mann will nur, dass er nicht mehr verlassen wird, wie er es von seiner Mutter wurde. Als sich Clare bestens mit dem kleinen Hund angefreundet hat, den ihr Andi geschenkt hat – nimmt er ihr diesen wieder weg. Es darf niemand neben ihm geben, dem Clare ihr Herz schenkt.

Kurzfristig kommt Spannung auf, als Andis Vater gestorben ist und es so aussieht, als würde er Clare vergessen haben. Über lange Strecken passiert nichts. Die Gefühlswelt von Clare bleibt ziemlich blass. Erst hin zum Ende wird es noch einmal spannend. Als Clare einen weigern Versuch unternimmt, sich den Klauen von Andi zu entreißen – da wurde mir schon kurz mulmig im Bauch. So lange wie sie gefangen gehalten wird, so lange wie nichts passiert, da möchte man, dass der Film endlich ein Ende hat. Immerhin dauert der beinahe zwei Stunden. Uff.

Andi ist gut gezeichnet, die Hauptperson Clare jedoch eher schwach. Alles ist stimmungsvoll gefilmt. Dennoch fehlt etwas. Die Vorlage zum Film stammt von Melanie Joosten, Regie führte Cate Shortland. Damit waren zwei Frauen an der Entstehungsgeschichte der Clare beteiligt. Wieso dann Clare so blass ist, bleibt mir ein Rätsel.

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