Filmplakat A History of Violence
7,5/10

„Hey Bruderherz, du hast es ja noch nicht verlernt, Leute umzubringen! Sehr aufregend.“ (A History of Violence, 2005)


A History of Violence

Besprechung

Millbrook ist eine kleine, beschauliche Stadt in Indiana. Hier sind die Menschen noch sehr familiär veranlagt. Man steht dem Anderen bei. Tom Stall (Viggo Mortensen) ist ein beliebtes Mitglied dieser Gemeinde. Er hat ein Diner und die Leute kommen gerne zu ihm. Eines Tages tauchen zwei zwielichtige Gestalten auf, die das Diner überfallen wollen. Billy (Greg Bryk) will gerade an einer Mitarbeiterin von Tom ein Exempel statuieren, da springt Tom dazwischen. Leland (Stephen McHattie) muss wie Billy auch sein Leben lassen. Tom wird als Held gefeiert und geht durch die Nachrichten.

Die Berichterstattung führt dazu, dass Carl Fogarty (Ed Harris) und seine Männer in Millbrook auftauchen. Der fiese dreinschauende Fogarty, der alleine durch sein Äußeres einschüchternd wirkt, taucht in Toms Diner auf und spricht ihn als Joey an. Tom versucht dem Mann zu erklären, dass er nicht der gesuchte Joey sei. Doch Fogarty weiß es besser.

Dieser Joey soll in Philadelphia ein mordender und durchgeknallter Mobster gewesen sein. Während also Fogarty darauf besteht, dass Tom der genannte Joey ist, bringt diese Frage in der Familie Stall auch Unruhe auf. Immerhin war Tom sehr zielsicher bei der Ausschaltung von Billy und Leland im Diner … Toms Frau Edie (Maria Bello) sieht ihren Mann ebenso mit anderen Augen wie sein Sohn Jack (Ashton Holmes).

Meinung von

A History of Violence basiert auf der gleichnamigen Graphic Novel von John Wagner und Vince Locke. Die Geschichte lässt viele Interpretationen offen. Die einfachste ist, dass Gewalt überall lauert. Der Film fängt mit Billy und Leland an. Zwei schweigsame Gesellen, deren Hintergrundgeschichte uns nicht bekannt ist, aber wir lernen sehr schnell, dass sie extrem gewalttätig und kaltherzig sind. Diese beiden Psychopathen reisen offensichtlich durch die USA, auf der Suche nach irgendwas. Als sie dann langsam knapper bei Kasse sind, wollen sie Toms Diner ausrauben. Eine kleine Stadt wie Millbrook kann keine Gefahr bergen. Doch Tom ist schnell dabei die Bösen auszuschalten. Hier geht wohl bei jedem Zuschauer das erste Mal die Augenbraue hoch.

Jack ist oft Ziel von Anfeindungen in der Schule. Doch in der Regel kann er sich aus brenzligen Situationen herausreden. Gewalt ist keine Lösung. Das sollten wir alle wissen. Das hat Jack auch verinnerlicht. Wenn die Sportskanone Bobby Singer (Kyle Schmid) Jack schon wieder in die Ecke treibt, kann dieser sich gut daraus herauswinden.

Aber als mit Billy und Leland die Gewalt in die Kleinstadt kam, breitet sie sich wie ein Krebsgeschwür aus. Zuerst zieht es Fogarty an. Der Mann hat ein trübes Auge und das Gesicht um dieses Auge herum ist arg zerstört. Ed Harris spielt ruhig und bedrohlich. Nur durch seine Anwesenheit ist klar, dass hier ein schlechter Mensch hockt. Die Szene im Einkaufszentrum ist ein wunderbares Beispiel dafür. Er sitzt auf einer Bank, beobachtet die Tochter von Tom und Edie, Sarah (Heidi Hayes), macht aber sonst nichts. Das reicht aber, um Edie in den Verteidigungsmodus zu schalten.

Millbrook sollte eine schöne, ruhige Stadt sein, wo man sich umeinander kümmert. Alle sind nett – mit der Ausnahme von den üblichen Kraftmessungen an der Schule. Aber grausame Gewalt gibt es nicht wirklich. Und dann stellt sich heraus, dass Tom wohl mehr zu verbergen hat als ein Kuchenrezept. Sollte Fogarty Recht haben? Ist Tom wirklich dieser Joey, der in Philadelphia ein krummes Ding zu viel gedreht hat?

Tom scheint sich entweder wirklich nicht an seine Vergangenheit zu erinnern oder er ist ein guter Schauspieler. Das wird nicht klar. Er hat vor vielen, vielen Jahren die Figur Joey umgebracht, ausgemerzt, weggewischt und ist Tom geworden. Kann man so strikt eine Grenze zwischen einer gewaltsamen Vergangenheit und der Wunschgegenwart ziehen? Oder ist das schon eher in eine psychische Anomalie abdriftend?

Die Vergangenheit, die nun langsam an die Oberfläche kommt, stellt eine Familie komplett auf den Kopf. Jahrelang hat man unter einem Dach gelebt, hat Regeln aufgestellt und sich daran gehalten. Gewalt war kein wirkliches Thema. Plötzlich ist ein Monster in den eigenen Reihen. Was soll der Scheiß mit "Gewalt ist keine Lösung", wenn der eigene Vater ein perfekter Mörder ist? Das trifft Jack schwer und wirft sein Weltbild komplett um. Edie bricht zusammen. Diesen Zerfall der Familie Stall zu sehen ist schmerzhaft. Das hat Regisseur David Cronenberg schön inszeniert.

Cronenberg ist bekannt dafür, dass er visuell sehr verstörende Bilder schafft (Naked Lunch, Die Fliege, eXistenZ), die von Gewalt und Fleischlichkeit geprägt sind. Er ist zudem bekannt dafür, dass er keine Storyboards hat. Er entwickelt viel am Drehort, holt die Schauspieler mit an Bord. Dafür muss man gute Schauspieler zur Hand haben. Die hat Cronenberg in A History of Violence zum Glück.

Der Film ist ruhig, hat einige unappetitliche Bilder und baut langsam Spannung auf. Ein Porträt von Gewalt mit einem herzzerreißenden – und offenen – Ende. Die Gewalt ist roh und nicht glorifiziert. Es gibt keine Blutspritzer, die in Zeitlupe durchs Bild fliegen oder ähnliches. Wenn Gewalt passiert, ist die schnell und effektiv.

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