Filmplakat Waking Life
3/10

„Träumen ist Schicksal.“ (Waking Life, 2001)


Waking Life

Besprechung

Das wirklich Tolle an diesem Film ist, dass man die Handlung dieses Films erzählen kann, ohne die Spannung zu nehmen. Denn es gibt keine Spannung. Ich gebe gern zu, dass ich das Nachdenken und Philosophieren für eine der spannendsten menschlichen Tätigkeiten halte. Natürlich kann man das auch schön langweilig ausgestalten. Schule kann das ganz besonders gut. Aber dieser Film erklimmt die Höhen (oder besser Tiefen) der Langweile in einem rasanten Tempo und dringt gleichzeitig in Regionen des Belanglosen vor, in der sich nie zuvor ein Mensch befand (geschweige denn befinden wollte). So erscheint der Film als schlecht gemachtes Schulfernsehen.

Aber von Anfang an: Der Film ist ursprünglich ein Realfilm, der Digital nachbearbeitet wurde. In diesem Schritt wurde die reale Welt quasi comichaft überzeichnet. Nils wird Euch das bestimmt genauer und besser erklären. Es ist also im weitesten Sinne ein Zeichentrickfilm. Während des ganzen Films sind die Bestandteile der Szenen ständig in Bewegung: Augen befinden sich mal im Kopf, mal außerhalb; Blumen und ähnliches wippen hin und her und in der ersten Zeit ist es ziemlich anstrengend. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich daran und es macht irgendwann sogar einen Sinn.

Hauptdarsteller ist ein Teenager, der träumt. In diesem Traum begegnen ihm zahlreiche Menschen, die ihm Vorträge über das Wesen des Menschen, des Universums, der Kommunikation und des ganzen Rests halten. Die selige Schwester Juchli nannte dies wohl: Sinn finden im Werden, Sein und Vergehen. Womit wir schon beim Hauptproblem sind: Der Film vergeht viel zu langsam. Etwa eine Stunde lang werden Monologe gehalten, zumeist philosophische und naturwissenschaftliche Extrakte zu den aktuellen Problemen der Wissenschaften. Hier äußern sich menschliche Mutanten und referieren Fachbuchwissen und reihen Zitate an Zitate, immer eingeleitet mit den bedeutungsschwangeren Worten: XY hat gesagt. Dann folgt ein Schwall von Worten, die vielleicht einen Sinn machen, wenn es einen interessiert und man noch aufnahmefähig ist. Dabei haben die Zitate immer die Bedeutung von gottgleichen Offenbarungen, als wären Plato, Aristoteles, Nietzsche und Co. die Inkarnation der Weisheit. Oder, wie es einer der Vortragenden nennt: “Der gewöhnliche Mensch hat mehr gemein mit den Schimpansen, als mit Plato und Nietzsche.” Man möge es mir verzeihen, aber dieser Film hat mehr gemein mit gequirlter Kacke als mit einem interessanten, anspruchsvollen Film.

Die letzte halbe Stunde darf dann der Jungling in einen Dialog eintreten und – Gott sei’s geklagt – hätte er doch geschwiegen. So sprechen nur Teenager, die denken, die Welt wartet auf sie, ohne zu wissen, dass die Welt nicht einmal weiß, dass es sie gibt. Was am Anfang noch ansatzweise interessant ist, ist nur noch gähnend langweilig und bestenfalls intellektuelle Selbstbefriedigung.

Einige Zuschauer sind früher gegangen: Ich kann ihnen zu diesem Entschluss nur gratulieren. Ein Blick in das Gesicht von Clint Eastwood in Erbarmungslos sagt mehr über das Leben als jeder Vortrag in diesem Film.

Ach so: Vor dem Film gab es noch — wer hätte das gedacht — einen Vorfilm aus Deutschland mit dem einfallsreichen Namen Klaustrophobie. Man mag es nicht glauben: Der ist noch schlechter als der Hauptfilm. Natürlich gesponsert von einer Filmförderung. Wir sehen (noch) einen Jüngling, der lautstark (und schlecht) Villon rezitierend durch Sonnenblumenfelder läuft und in Heuschobern nächtigt. Seine Umwelt lehnt ihn ab (was nicht verwundert). Am Ende sehen wir ihn samt Sonnenblume auf einer Bühne stehen, wo ihn das Publikum, also diejenigen, die ihn zuvor verachteten, feiert. Das Ganze ist Klaus Kinski gewidmet. Ich mag Klaus Kinski, er ist einer der besten Schauspieler aller Zeiten, ein echter Künstler, ein (im positiven und negativen) Verrückter, ein großartiger Villon-Rezitator. Der Mann hätte diesen Film gehasst, da bin ich mir sicher. DAS hat der Mann nicht verdient. Wo war hier die FiPo?

Meinung von

Was soll ich noch sagen? Ein schönes Zitat aus dem Film lautet: Ich bin jetzt näher am Tod als je zuvor. Durch diesen Film bin ich etwa 90 Minuten näher an mein Lebensende gekommen und es waren 90 der schlimmsten Minuten meines Lebens. Sie waren nicht schlimm, weil sie mich aufgewühlt oder verstört hätten. Sie waren schlimm, weil sie mich gelangweilt haben. 90 Minuten lang. Sie haben meine Zeit vergeudet. Noch eine Anmerkung zur Wertung: Für die Gestaltung und Ästhetik gibt es verdiente acht Punkte, für die Handlung einen (wegen der Fleißarbeit beim Zitatelexikon wälzen). Macht zusammen 4,5 Punkte, anderthalb Punkte sind Langweileabzug.

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