Filmplakat Victor Frankenstein
6/10

„Manchmal ist das Monster der Mensch.“ (Victor Frankenstein, 2015)


Victor Frankenstein

Besprechung

London im viktorianischen England. Ein geschundender Buckliger (Daniel Radcliffe) wird in einem Zirkus mehr oder weniger wie ein Tier gehalten. Niemand mag ihn, alle behandeln ihn herablassend. Wenn er nicht den Clown spielt, auf dem alle herumhacken, dann steckt er seine Nase in medizinische Bücher. Er der Zirkus-Arzt.

Eines Tages stürzt die schöne Akrobatin Lorelei (Jessica Brown Findlay) vom Trapez. Der Bucklige kommt sofort zu Hilfe, so auch der zufällig anwesende Medizin-Student Victor Frankenstein (James McAvoy), der mit ansieht, wie der Bucklige das junge Mädchen rettet. Frankenstein erkennt das ungeheure medizinische Talent, das in der Kreatur steckt und befreit ihn anschließend aus seinem Käfig.

Frankenstein nimmt den Geflohenen bei sich auf, behandelt ihn, macht ihn gesellschaftsfähig und gibt ihm einen Namen: Igor. Fortan arbeiten Igor und Victor gemeinsam an einem großen Projekt. Als Victor es in der Fakultät vorstellen will, ist lediglich der adlige und snobistische Finnegan (Freddie Fox) angetan von der affenartigen Kreatur, die Frankenstein erschaffen hat. Er will, dass Victor und Igor ihm ein größeres Exemplar erschaffen. Derweil ist der Scotland Yard-Inspektor Turpin (Andrew Scott) hinter den beiden Wissenschaftlern her.

Meinung von

Regisseur Paul McGuigan zeigt uns eine andere Herangehensweise an die altbekannte Geschichte von Frankenstein. Das Original von 1931 hat bekanntlich wenig mit der Geschichte von Mary Shelley zu schaffen, aber sie ist hinlänglich bekannt. Nun versucht McGuigan nicht den Fokus auf den verrückten Wissenschaftler oder sein Monster zu werfen, sondern auf den Gehilfen – der ebenfalls im Buch keine Rolle spielt.

Harry Potter-Darsteller Radcliffe spielt den traurigen Buckligen sehr überzeugend. Wenn er dann auf Frankenstein stößt, behandelt der die arme Kreatur, entfernt den "Buckel", macht Igor "gerade". Etwas seltsam war, dass Igor kurz nach seiner OP und der angelegten Korsage vor die Tür geht und die Stadt als freier Mann erkundet, dabei aber anscheinend keine Probleme mehr zu haben scheint mit seiner Haltung oder seinem Gang. Naja.

Nachdem Igor geheilt ist, wird er von Victor eingeschmeichelt. Endlich ist da jemand, der sein Talent erkennt und ihn dafür schätzt. Es scheint tatsächlich so, als wäre Victor zwar das Genie hinter der Idee, Igor aber die ausführende Kraft. Victor verlässt sich sehr stark auf das Können und die Fähigkeiten von Igor. So gerne ich McAvoy auch mag, aber irgendwie kommt er nicht aus sich heraus. Er ist ein wenig wahnsinnig, aber nicht viel. Er ist ein wenig charmant, aber nicht viel. Somit bleibt die Figur des Frankenstein leider etwas blass. Ja, er soll im Hintergrund stehen, aber – Hey! – Frankenstein ist irgendwie schon wichtig. Immerhin ist der Film nach ihm benannt. Ich sach ja nur ...

Wenigstens erfahren wir kurz vor dem Ende, warum Frankenstein so besessen davon ist, neues Leben zu erschaffen. Das macht seine Beweggründe und damit ihn glaubhafter. Gerne hätte das aber auch früher geschehen können.

Auch wenn Igor nicht wirklich mit dem Vorhaben von Frankenstein einverstanden ist, einen Menschen zu schaffen, überwiegt doch nach anfänglichem Zögern seine wissenschaftliche Ader und er macht sich zusammen mit seinem einzigen Freund daran, einen Homunkulus zu schaffen.

Die Nebengeschichte mit der Verfolgung durch Turpin ist etwas lasch. Genauso wie die Nebenhandlung mit der Liebesgeschichte zwischen Igor und Lorelei. Da hätte man gerne mehr rausholen oder sich den Part einfach sparen können. Victor Frankenstein ist also recht ambitioniert, kann seinen selbst gesteckten Zielen jedoch nicht gerecht werden. Auch die Beziehung zwischen Victor und seinem Vater (Charles Dance) ist sehr mau und innerhalb kürzester Zeit abgefrühstückt.

Als kleine Abendunterhaltung kann Victor Frankenstein dienen, nicht aber unbedingt als ein "Da müssen wir aber noch mal drüber reden"- oder gar ein "Hast Du schon gesehen?"-Film.

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