Filmplakat The Wrestler
7,5/10

„Jeder braucht einen Vater.“ (The Wrestler, 2008)


The Wrestler

Besprechung

Seine besten Jahre sind längst vorbei. In den 80ern war Randy “The Ram” Robinson (Mickey Rourke) ein gefeierter Wrestler. 20 Jahre später schleppt er sich und seinen geschundenen Körper immer noch zu Independent-Wrestling-Kämpfen. Für ein paar Dollar lässt er sich zusammenschlagen. Zwar geht er stets als der Sieger aus den Kämpfen hervor – das Publikum liebt ihn und seine Wrestling-Kollegen ebenso. Die Arbeit zerrt aber ungemein am Gesundheitszustand von Randy. Finanziell sieht es auch mehr als bescheiden für ihn aus.

Wenn Randy im Ring steht, ist er glücklich. Ein bisschen privates Glück erhofft er sich von der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei). Die beiden verstehen sich sehr gut. Als Randy allerdings einen Herzinfarkt erleidet, muss er das Wrestling an den Nagel hängen. Das will er nicht, aber Cassidy bringt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie ist es auch, die Randy dazu bringt, sein privates Leben soweit auf Vordermann zu bringen, dass er sich mal mit seiner Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) trifft. Die hat er seit ihrer Kindheit vernachlässigt, weil er immer im Ring stand. Klar, ist die angefressen, dass ihr alter Herr vor der Tür steht.

Randy versucht ein Leben abseits des Wrestlings zu meistern, scheitert aber daran.

Meinung von

Im Grunde ist der letzte Satz der Filmbeschreibung auch schon die Essenz des Films. Wir haben einen alten, gebrochenen Mann, der sich für wenig Piepen die Fresse polieren lässt, nebenbei noch in einem Supermarkt ein paar Dollar dazuverdient. Sein Leben ist das Wrestling, der Ring, der Kampf, die Show, das Publikum. Was außerhalb des Rings passiert – damit kann er nicht umgehen. Seine Tochter hasst ihn, weil er sich nie bei ihr gezeigt hat, nie für sie da war. Das kam Randy gar nicht in den Sinn.

Eigentlich wäre es längst Zeit mit dem Wrestling aufzuhören. Randy kennt und kann nichts anderes. Das Publikum gibt ihm Kraft (neben diversen illegalen Drogen). Im Ring kann er noch leben. Die anderen Wrestler sind seine Familie. Sie lieben ihn.

Ein wenig menschliche Nähe wäre schön. Klar. Die Stripperin Cassidy und er verstehen sich gut, sie ist attraktiv. Randy könnte sich vorstellen, mit ihr zusammen zu kommen. Nur dass Cassidy im Strip-Lokal lediglich eine Rolle spielt – so wie Randy im Ring. Sie weiß Arbeit und echtes Leben voneinander zu trennen. Im echten Leben heißt sie nicht Cassidy und ist eine Mutter. Sie will die Annäherungsversuche von Randy nicht annehmen.

Der Herzinfarkt "erdet" Randy. Er muss aufhören in den Ring zu steigen. Alle Gigs werden abgesagt, der Job im Supermarkt ausgeweitet. Das bringt sogar irgendwie Spaß, Leuten Wurst und Salat abzuwiegen. Er versucht sich mit seiner Tochter auszusöhnen und endlich sein Leben in den Griff zu bekommen. Doch diverse Schläge unter die Gürtellinie sind zu viel für ihn. Diese Schläge sind nicht gefakt, diese Schläge tun wirklich weh.

Am Ende geht Randy zurück. Ein letztes Mal in den Ring.

Der Film ist verdammt ruhig. Es passieren viele Dinge, aber alles ist so ruhig, so voller Melancholie, dass man denkt, 20 Minuten wären so lang wie zwei Stunden. Regisseur Darren Aronofsky zeigt Mickey Rourke vor allem am Anfang hauptsächlich von hinten. Wir folgen Randy immer nur. Er ist nicht für uns da, er läuft vor uns weg. Natürlich läuft Randy auch vor sich selber weg.

Mickey Rourke war vor The Wrestler von Hollywood eher abgeschrieben. Zwar lobten alle seine Darstellung in Sin City, aber das reichte noch nicht für ein Comeback. Seine Leistung in The Wrestler hat ihn wieder auf den Radar zurückgeholt. Wenigstes kurzfristig.

Darren Aronofsky wollte nach The Fountain einen ehrlichen Film um einen Wrestler drehen. The Wrestler ist in dieser Hinsicht sehr “geerdet”. Es gab keine Storyboards, weil das Aronofsky nach die Kreativität eingeschränkt hätte. Es wurde viel improvisiert, vor allem von Mickey Rourke. Die Kämpfe fanden vor echtem Publikum statt. Wenn es vor denen wirkt, muss es auch auf der Leinwand funktionieren. Die Rechnung ging auf.

The Wrestler ist kein Wohlfühlfilm, kein reiner Sportfilm, sondern schlicht und ergreifend ein Drama um einen Mann, der in einer Scheinwelt lebt und nicht mit der echten Welt zurechtkommt. Gut gespielt, gut gefilmt. Sowohl Mickey Rourke als auch Marisa Tomei erhielten für ihre Leistung je eine Oscar-Nominierung.

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