Filmplakat The Revenant – Der Rückkehrer
7/10

„Ich hab keine Angst mehr zu sterben. Ich war schon mal tot.“ (The Revenant – Der Rückkehrer, 2015)


The Revenant – Der Rückkehrer

Besprechung

Amerika in den 1820ern, irgendwo am Missouri. Eine 45-köpfige Truppe von Trappern ist fast fertig mit ihrer Pelzjagd, als sie von Indianern angegriffen und dezimiert werden. Gerade einmal zehn Männer können fliehen. Von Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson) angetrieben und vom Führer Hugh Glass (Leonard DiCaprio) angeleitet, soll der Rest in ein schützendes Fort zurückfinden. Den Fluss können sie nicht nehmen, da der Indianer-Territorium ist. Also muss es über die Berge gehen.

Glass wird von einem Bären schwer verletzt. Über die Berge können die Männer den Geschundenen nicht tragen, also lässt Henry ihn zurück, gibt aber jedem 100 Dollar, der bei Glass bleibt und ihm ein anständiges Begräbnis gibt. Glass’ Sohn Hawk (Forrest Goodluck), ein Halbblut, bleibt natürlich bei seinem Vater, ebenso der junge Bridger (Will Poulter). Nur des Geldes wegen bleibt auch der ewig mürrische und nörgelnde John Fitzgerald (Tom Hardy) zurück.

Fitzgerald lässt Glass halbtot in dessen Grab zurück, nachdem er Hawk getötet hat. Dann haut er mit Bridger ab. Hugh kämpft sich mit unmenschlicher Stärke hoch und nimmt halbtot die Verfolgung des Mörders seines Sohnes auf. Eine Tour des Schmerzens beginnt.

Meinung von

Interessanterweise basiert dieser Film, wie man im Abspann lesen konnte, nur teilweise auf dem Buch von Michael Punke, der die Geschichte des Hugh Glass, der von einem Bären angegriffen, von seinen Kompagnons für tot erklärt liegen gelassen wurde und sich dann ohne Hilfsmittel 320 Kilometer in ein Fort gerettet hat, 2002 verfasste. Glass gab es wirklich. Der Teil mit der indianischen Ehefrau, dem Sohn und dessen Tötung, sowie der anschließenden Rache ist wohl der Fantasie von Regisseur und Autor Alejandro González Iñárritu geschuldet. Der hat die Geschichte auf über zweieinhalb Stunden ausgewalzt und episch – von wunderschönen Landschaftsaufnahmen untermalt – auf die Leinwand gebracht.

Hinter der Kamera war wieder Emmanuel Lubezki. Lubezki und Iñárritu haben auch schon bei Children of Men, Gravity und Birdman zusammen gearbeitet. Gemeinsam haben sie eine ganz besondere Bildsprache entwickelt. Die Kamera ist immer "dabei", verfolgt in langen Sequenzen die Handlung und verwandelt den Zuschauer zum Voyeur. Das wird u.a. in der Einstellung deutlich, als Glass bei seinem toten Sohn liegt. Die Kamera ist so dicht an DiCaprio dran, dass er auf die Linse haucht. Ebenso eindringlich ist die Schlusseinstellung, wenn Hugh Glass die vierte Wand durchbricht und die Zuschauer direkt anstarrt. Das macht den Film sehr eindringlich. Die weiten Landschaftsaufnahmen, mit einem Weitwinkel aufgenommen, setzen dem einen Ruhepool entgegen. Dabei ist die Kamera selber nie wirklich ruhig, sondern ständig in Bewegung und seien es die langsamen Schwenke.

Leonard DiCaprio macht seine Sache sehr gut. Allerdings hat er nicht gerade viel zu sagen. Sein Charakter wird während der Bärenattacke so schwer am Hals verletzt, dass er kaum reden kann. Plus: Wenn er alleine unterwegs ist, muss er eh nicht sprechen. Als sich Hugh Glass aus seinem Grab kämpft, aus dieser flachen Mulde im Wald, da merkt man ihm seine Schmerzen und Qualen wirklich an, so gut ist das gespielt. Wer jedoch richtig gut spielt, das ist Tom Hardy. Seine Figur, unterm einem zotteligen Bart versteckt, ist großartig dargestellt. Gott, ist der Typ nervig, eklig, hinterhältig, verschlagen, geldgeil und falsch. Das verkörpert Hardy alles wunderbar.

Trotz der schönen Aufnahmen und der guten schauspielerischen Darbietung, hat mich The Revenant aber nicht richtig vom Hocker gerissen. Vielleicht ist es die Länge des Films. Obwohl man das auch als den langsamen, beschwerlichen Kampf Glass’ ansehen kann. Der Streifen hat jedoch auch einige Ungereimtheiten. Da ist die Gruppe der Indianer, die eine entführte Tochter finden wollen. Die scheinen nicht wirklich einer Spur zu folgen, sondern nur wahllos durchs Land zu streifen und wenn sie eine Gruppe Weißer sehen, wird die gemetzelt. Vielleicht ist ja die Tochter dabei … Oder die Lücke in der Erzählung, wenn auf der einen Seite die Reise von Fitzgerald und Bridger, auf der anderen die von Captain Henry und seinen Männern immer im Abwechsle gezeigt wird. Aber als Fitzgerald und der Junge im Fort ankommen, da sind die Anderen schon längst da. Erst der ständige Wechsel zwischen den Gruppen, dann aber nur der Einritt der einen. Da fehlte etwas. Wieso kann die entführte Tochter Powaqa (Melaw Nakehk’o) aus dem Lager ihrer Peiniger so einfach entkommen, nur mit einem Messer bewaffnet und am Ende sehen wir sie mit ihrem Vater vereint. Wie haben die sich denn auf einmal getroffen?

Mir fehlte auch ein wenig die Richtung oder Intention Glass’. Er kämpft sich hoch, sein Bein völlig verdreht (was nach nicht langer Zeit wundersam geheilt zu sein scheint) und dann geht er. Lässt sich treiben. Was sein genaues Ziel ist, wird nicht klar. Man ahnt es, aber einen echten Hinweis darauf bekommt man nicht. Ebenso nicht, was ihn genau antreibt. Rache nehmen wir an, aber Indizien dafür gibt es nicht. Ja, er schreibt das mal in den Schnee, dass Fitzgerald seinen Sohn umgebracht hat, aber das hätte auch nur sein können, für den Fall, dass er tot umkippt. Dann wüsste jemand, der ihn findet, wenigstens davon. Rache ist ein gutes und starkes Motiv, doch man bekommt davon nicht viel mit.

Von diesen und anderen kleinen Ungereimtheiten mal abgesehen, ist der Film sehenswert. Aber nur im Kino auf großer Leinwand. Man muss sich auf einen ruhigen, langen Film einlassen.

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