Filmplakat The Purge: Anarchy
4,5/10

„Wir beten am Altar von Smith & Wesson.“ (The Purge: Anarchy, 2014)


The Purge: Anarchy

Besprechung

Es ist wieder soweit: die sechste Purge-Nacht steht vor der Tür. Zwölf Stunden lang ist alles erlaubt, auch Mord. Das befreit, das hilft dem neuen Amerika. Es gibt kaum Kriminalität an den restlichen 364 Tagen im Jahr. Dieses Jahr macht sich ein namenloser Mann (Frank Grillo) auf den Weg, um seinen Sohn zu rächen. Bis an die Zähne bewaffnet fährt er in einem gepanzerten Wagen durch die Nacht. Um ihn herum überall Mord und Todschlag — alles erlaubt.

Ebenfalls in der Nacht unterwegs sind riesige schwarze Trucks. Vermummte Stoßtruppen stürmen gezielt Häuser und holen Menschen aus ihren Wohnungen. Big Daddy (Jack Conley) schießt dann alle über den Haufen. Als gerade ein Trupp das Haus stürmen, in dem Eva Sanchez (Carmen Ejogo) und ihrer Tochter Cali (Zoë Soul) wohnen, kommt der unbekannte Rächer vorbei. Er sieht, wie die hilflosen Frauen verschleppt werden — und greift wider besseren Wissens ein. Er rettet die beiden sowie noch das Pärchen Liz (Kiele Sanchez) und Shane (Zach Gilford), deren Wagen den Geist aufgegeben hat und die nun von einer Horde Maskierter gejagt wird.

So hat der unbekannte Mann plötzlich einen Haufen Fremder an der Backe, die er irgendwie heil durch die Nacht bringen muss. Sein Ziel darf er dabei nicht aus den Augen verlieren …

Meinung von

Nach dem Erfolg von The Purge dauerte es nicht lange und man schob gleich einen zweiten Teil hinterher. Während The Purge vor allem durch seine räumliche Begrenzung des Hauses wirkt — die Guten drin, die Bösen davor und Einlass begehrend — ist The Purge: Anarchy in einer Großstadt angesiedelt und die Protagonisten sind nur am Laufen. Das nimmt sehr viel vom Nervenkitzel. Zwar gibt es den Machern auch die Möglichkeit, mehr Gewalt auf den Straßen zu zeigen, aber mal ehrlich — spannend ist das nicht.

Der zweite Purge-Teil hat schlechte Dialoge und die Figuren entwickeln sich kein Stück während der 103 Minuten. Dennoch hat er ein paar "gute" Aussagen. Was klar rüber kommt, noch mehr als im ersten Teil, ist die Tatsache, dass der Gedanke dieser einmal im Jahr stattfindenden "Säuberung" schlicht falsch ist. Töten ist falsch. Wussten wir alles schon vorher, wird aber noch mal eindringlich vor Augen geführt. Wenn der Mensch sein "inneres Tier" freilässt, hat das nichts Gutes an sich, auch wenn die "neuen Gründungsväter" das gerne den Bürgern dieses neuen Amerikas weismachen wollen.

Weitere richtige Aussage: die Reinigung durch das Töten kommt nur einer Gesellschaftsschicht zugute, nämlich den Reichen. The Purge dient im Grunde lediglich dazu, um die Reihen der armen Menschen auszudünnen. Wir wissen doch alle, dass Gewalt ausschließlich von armen Menschen ausgeht. Im Film sehen wir aber, dass die Reichen ihr "inneres Tier" bloß hinter verschlossenen Türen und unter menschenunwürdigen Verhältnissen ausleben. Aber auch hier wird getötet.

Schließlich — und das ist noch mit der spannendste Aspekt in einem amerikanischen Film — wird die Aussage gemacht, dass diese ganze Aktion mit dem Töten lediglich der Bereicherung Weniger dient. Wer verdient denn an dieser Nacht der Gewalt? Die Waffenindustrie. Holla, mal was Systemkritisches! Und dabei so richtig ...

Doch von diesen drei Aspekten abgesehen, ist The Purge: Anarchy ziemlich langweilig und auch langatmig. Teilweise passiert so gar nichts, außer dass die kleine Gruppe läuft. Dann wird hin und wieder irgendein durchgeknallter Charakter reingemischt, der wild um sich ballert, schon laufen sie wieder weiter.

Das "Anarchy" im Filmtitel ist etwas irreführend. Viel Anarchie passiert da nicht. Ja, es gibt einen im Geheimen sendenden Anarcho-Typen namens Carmelo Johns (Michael K. Williams), der den Menschen vor den Monitoren mitteilt, dass die Reinigung eben nur für Reiche und gegen Arme gerichtet ist. Doch diese Figur wirkt so schlecht konstruiert, wie einst der mysteriöse Rebellenanführer Kuato in Total Recall. Nur dass Kuato tatsächlich etwas bewirkte. Carmelo ist dagegen Mittel zum Zweck, um später die Handlung im richtigen Moment — das wirkte echt billig gestellt — in die Handlung eingreift. Langweilig.

Eigentlich schade und auch etwas verwunderlich, steht doch hinter beiden Teilen von The Purge der selbe Mann: Regisseur und Autor James DeMonaco. Im zweiten Teil verliert er einfach den Spannungsfaden, den er im ersten Teil noch fest in der Hand hatte. Bleibt zu hoffen, dass es nicht einen dritten Teil gibt.

hoch