Filmplakat Sugarland Express
7,5/10

„Das Gefängnis hat eine Frau aus mir gemacht.“ (Sugarland Express, 1974)


Sugarland Express

Besprechung

Weil sie das Sorgerecht für ihren Sohn zu verlieren droht, befreit Lou Jean Sparrow Poplin (Goldie Hawn) ihren Mann Clovis Michael Poplin (William Atherton) aus einer Wiedereingliederungsanstalt für Strafgefangene. Er hat eigentlich nur noch vier Monate abzusitzen, aber Lou Jean brennt die Zeit unter den Nägeln. Bei der Flucht nehmen sie den Polizisten Maxwell Slide (Michael Sacks) gefangen. Zusammen mit dem Officer fahren die Poplins durch Texas nach Sugarland, wo der Sohnemann bei einer Pflegefamilie untergebracht ist.

Die Entführung bleibt nicht lange unentdeckt. Polizei-Kapitän Harlan Tannet (Ben Johnson) hängt sich an das Ehepaar ran – zusammen mit einer wachsenden Schar Polizeiwagen. Tannet hat in seiner langjährigen Laufbahn niemals jemanden umgebracht, doch die Poplins machen es ihm schwer, diese Statistik aufrechtzuerhalten.

Die Fahrt von Lou Jean und Clovis macht nicht nur die Medien auf das Pärchen aufmerksam, auch Möchtegern-Rechtshelfer machen sich auf den Weg. Zudem wächst die Beliebtheit von Lou Jean und Clovis innerhalb der Bevölkerung. Trotz all dieser auch positiven Aufmerksamkeit hat Tannet aber einen Auftrag – den Auftrag für Recht und Ordnung zu sorgen.

Meinung von

Nachdem Steven Spielberg mit dem TV-Film Duell seine eine Chance hatte und sich brillant bewährte, konnte er mit Sugarland Express seinen lang gehegten Wunsch in der Kino-Industrie mitmischen zu dürfen, wahr machen. Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, wurde jedoch Hollywood-gerecht aufgearbeitet.

Spielberg setzte den Stoff irrsinnig routiniert um, wie ein alter Hollywood-Veteran. Wie in Duell hatte er erneut ein Roadmovie vor sich, wieder benutzte er Techniken aus seinem TV-Erfolg, wie z.B. den tiefer gelegten Wagen, von dem es sich so wunderbar filmen ließ, während man neben einem Wagen herfuhr. Goldie Hawn war bereits durch Die Kaktusblüte einem breiten Publikum bekannt geworden, wofür sie auch einen Oscar als beste Nebendarstellerin erhielt. In Sugarland Express spielt sie eine arbeitslose Kosmetikerin, die ihren Sohn wiederhaben will und dafür alles riskiert. Ihr Plan, ihren Mann aus der Strafanstalt herauszuholen, ist kühn. Sie hat klar die Hosen an in dieser Beziehung. Dennoch sind Lou Jean und Clovis, wie es der Polizei-Chef Tannet auch sagt, nur verwirrte Kinder, die nicht wissen, was sie tun.

Im Laufe der Geschichte entwickelt der Zuschauer Sympathien für die Verbrecher. Das kommt unter anderem dadurch zustande, dass Spielberg die Situationen oft so überdreht, dass Sugarland Express an vielen Stellen eine Komödie ist. Die Poplins sind nicht wirklich böse. Sie haben auch nur Kleinkram angestellt, weshalb beide im Gefängnis saßen. Zum Glück, muss man sagen, bleibt die Polizei so ruhig. Das Pärchen wäre höchstwahrscheinlich völlig mit der Situation überfordert gewesen, wenn die Polizei eingegriffen hätte. Sie sind es zumindest, wenn irgendwelche Rednecks das Gesetz selber in die Hand nehmen wollen und das Trio Popelins/Slide auf dem Hof eines Gebrauchtwagenhändlers unter Beschuss nehmen.

Die Geschichte wird gen Ende sehr skurril, wenn das Trio durch eine Ortschaft fährt und dem Pärchen an jeder Ecke Sympathie entgegen fliegt, wenn sie mit Geschenken überhäuft werden. Lou Jean wird ganz berauscht von dieser Zuneigung. Sie fühlt sich wie ein Star. Das erinnert schmerzhaft an das Geiseldrama von Gladbeck 1988, wo es die Medien waren, die ganz dicht an die Geiselnehmer herankamen und nichts unternommen wurde, um die Geisel zu befreien. So schräg ist die Geschichte um Lou Jean und Clovis also gar nicht.

Spielberg fährt große Geschütze auf – hauptsächlich in Form von Blech. Viele, viele Wagen fahren, es gibt Karambolagen und Menschenaufläufe. Für Sugarland Express hatte Steven Spielberg satte 3 Millionen Dollar zur Verfügung – für Duell waren es gerade einmal 450.000 Dollar.

So nett der Film auch ist, so lustig er daher kommt und so sehr wir als Zuschauer am Ende wieder von der Realität eingeholt werden – vermutlich dürften sich hauptsächlich Autofans über den Streifen gefreut haben. Dennoch ist der Film sehenswert und sei es nur, um das Œuvre von Spielberg möglichst komplett genossen zu haben.

Nach Sugarland Express drehte Spielberg mit Der weiße Hai richtig auf und sicherte sich seinen Platz im Hollywood-Olymp. Mit seinem ersten Kino-Film startete Spielberg die Zusammenarbeit mit Komponist John Williams.

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