Filmplakat Stonehearst Asylum
6/10

„Wir sind alle verrückt, Dr. Newgate. Doch manche sind einfach nicht verrückt genug, es zuzugeben.“ (Stonehearst Asylum, 2014)


Stonehearst Asylum

Besprechung

Im Winter vor der Jahrhundertwende ins Jahr 1900 taucht ein junger Nervenarzt aus Oxford im abgelegenen Stonehearst Asylum auf, einer Nervenheilanstalt für die reichen Familien. Edward Newgate (Jim Sturgess) möchte hier seine Ausbildung abschließen. Er hatte sich mit einem Brief angemeldet, aber der Empfang durch den Hausmeister Mickey Finn (David Thewlis) ist sehr abweisend und seltsam. Das ändert sich, wenn Newgate den Oberarzt Dr. Silas Lamb (Ben Kingsley) kennenlernt. Dr. Lamb ist sehr freundlich zu dem jungen Kollegen.

Beim Abendessen ist Newgate sehr verwundert. Die Abendgesellschaft ist doch äußerst seltsam – um es nett auszudrücken. Lamb erklärt, dass Patienten am Tisch säßen. Das ist eine neue Form der Therapie: die Patienten werden nicht wie Vieh weggesperrt, sondern integriert. Wie es scheint, hat das Prinzip Erfolg.

Doch Newgate muss feststellen, dass in der Heilanstalt etwas nicht stimmt. Zunächst ist da die junge, hübsche Eliza Graves (Kate Beckinsale), die ihn dazu drängt, die Anstalt schnellstens zu verlassen. Eliza ist Patientin, da sie an Hysterie leidet; nur das Klavierspiel schient ihr Linderung zu bringen. Newgate versteht nicht und bleibt. Doch schon in der Nacht hört er seltsame Geräusche aus dem Keller …

Meinung von

Lose basierend auf der Geschichte "The System of Doctor Tarr and Professor Fether" von Edgar Allan Poe, ist Stonehearst Asylum eine Art Thriller mit sozialkritischen Anleihen. Der Zuschauer wird schnell darüber informiert, was in der Nervenheilanstalt vor sich geht. Auch, dass das gesamte Personal weggesperrt ist. Der wirkliche Oberarzt Dr. Benjamin Salt (Michael Caine) sitzt mit seiner Belegschaft im Kellerverlies ein. Newgate kann aber nicht einfach die echten Ärzte und Pfleger freilassen, dazu ist die Übermacht der geistesgestörten zu groß – und damit zu gefährlich. Zumal Salt Newgate explizit vor Lamb warnt.

Die ständige Gefahr durch Dr. Lamb und die freilaufenden Insassen ist spürbar. Mickey Finn ist der brutale und skrupellose Gehilfe von Dr. Lamb. Newgate muss sich zurecht vor ihm fürchten. Newgate hat also kein leichtes Leben in der Anstalt. Was das angeht, fließt der Film halbspannend vor sich hin.

Was neben der Geisel-Situation Hauptthema des Films ist, ist die Art, wie man Nervenheilanstaltspatienten behandelt. Es gab eine Zeit, in der Mentalpatienten weggesperrt wurden. Hauptsache die Verwandten müssen sich nicht mehr um ihre Verrückten kümmern. Und in den Anstalten wurden die Patienten als Versuchskaninchen missbraucht. Es wurden grausame Experimente an ihnen vorgenommen – immer in der Annahme, dass es im Sinne der Wissenschaft sei. Natürlich haben die Insassen gelitten. Kein Wunder, dass sie den Spieß umdrehen wollen. Wobei erwähnt sei, dass es Dr. Lamb ist, der hier die Fäden in der Hand hat. Davon abgesehen scheint es aber zu helfen: die psychisch Kranken wie normale Menschen zu behandeln, sie in die Gesellschaft zu integrieren.

Neben diesem Aspekt behandelt Stonehearst Asylum noch das Thema Kriegsneurosen. Dr. Lambs Geheimnis, das er Dr. Salt nicht preisgeben wollte, ist das einer ausgewachsenen Kriegsneurose. Lamb ist durch den Druck des Krieges gebrochen und hat etwas sehr Schlimmes getan.

Ben Kingsley spielt ja bekanntlich in vielen Filmen mit. Interessanterweise ist seine Auswahl so 50/50. Entweder ist es eine gute Rolle in einem guten Film oder eine absolute Katastrophe. Bei ihm macht es wohl die Masse. In Stonehearst Asylum spielt er mal wieder ordentlich. Jim Sturgess ist der charmante junge Arzt, mit dem man mitfiebert. Kate Beckinsale ist auf dem Plakat die Hauptfigur, soll also die Leute ins Kino locken, hat aber unterm Strich doch eine sehr zurückhaltende, unterpräsente Rolle. Es sind Kingsley und Sturgess, die den Film tragen. Auch Michael Caine hat eine unglaublich kleine und unscheinbare Rolle.

Regisseur Brad Anderson geht die Themen alle sauber an. Ein Meisterwerk ist Stonehearst Asylum dennoch nicht. Es bleibt bei guter Unterhaltung mit einem netten Twist am Ende. Kann man sich mal anschauen. Im Kino war der – wenn überhaupt – nur sehr kurz.

hoch