Filmplakat Spotlight
8/10

„Es ist nicht nur körperlicher Missbrauch, sondern auch spiritueller.“ (Spotlight, 2015)


Spotlight

Besprechung

2001 bekommt der Boston Globe einen neuen Herausgeber. Marty Baron (Liev Schreiber) erfährt von dem Fall eines Priesters, der Jungen missbraucht haben soll und von Kardinal Law (Len Cariou) gedeckt wurde. Der Globe hatte berichtet. Baron setzt das Spotlight-Team auf die Story an. Spotlight ist eine Spezialabteilung, bestehend aus drei Journalisten und dem Chef Walter “Robby” Robinson (Michael Keaton).

Die Abteilung wendet sich zum einen an den Anwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci), der Missbrauchsopfer vertritt. Zum anderen wird Phil Saviano (Neal Huff) von einer Selbsthilfegruppe für von Priestern Missbrauchten als Quelle herangezogen.

Bei den Untersuchungen entdecken Mike Rezendes (Mark Ruffalo), Sascha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carroll (Brian d’Arcy James), dass die Geschichte viel größer ist, es war nicht nur ein Priester. Die Ermittlungen werden erschwert, weil die katholische Kirche mit allen Mitteln versucht das Geschehene zu vertuschen. Seit Jahren. Das Quartett kommt einer unglaublichen Anzahl an Priestern auf die Spur, die sich an Kindern vergangen haben. Doch Baron will die Geschichte nicht drucken. Er will das System aufdecken, das in der katholischen Kirche hinter den Vertuschungen steck. Also wird weitergegraben.

Meinung von

Spotlight basiert auf wahren Begebenheiten. Die Übergriffe haben tatsächlich stattgefunden, ebenso die Untersuchungen, die zur Aufdeckung geführt haben. Damit spricht Spotlight zwei wichtige Themen an: zum einen die Tatsache, dass unglaublich viele Kinder von einer großen Zahl von katholischen Priestern missbraucht wurden und die Kirche nicht nur davon wusste, sondern alles daran gesetzt hat, die Tatsache unter den Teppich zu kehren. Darüber hinaus beschreibt Spotlight ein mittlerweile sehr seltenes Phänomen – den investigativen Journalismus. Glaubte ich, dieser sei mit Woodward und Bernstein in den 1970ern ausgestorben (Die Unbestechlichen), wurde ich eines Besseren belehrt. Anfang dieses Jahrtausend gab es ihn auch noch. (Wo er jetzt ist? Keine Ahnung …)

Das heikle Thema wird behutsam angegangen. Liev Schreiber als neuer Herausgeber wirkt etwas müde oder auch einfach nur besonnen. Er ist sehr ruhig, gibt dem Team von Spotlight den Raum und die Zeit, die es braucht, um all die Fakten zu sichten und die Fäden zusammenzuführen. Er setzt nicht auf Schlagzeile, sondern auf Aufdeckung. Wir sehen einige Opfer, die, nun erwachsen, den Reportern berichten, wie es war belästigt und schließlich missbraucht worden zu sein. Ein Muster war, dass die Jungen eher aus ärmlichen Verhältnissen kamen. Die Priester gaben den Jungen das Gefühl etwas zu sein, bis die Tat geschah und die Kinder dann zu schamerfüllt ware, um etwas zu sagen. So manches Geständnis ist in seiner ruhig präsentierten Art so erschütternd, dass beim Zuschauer Trauer und Wut geweckt werden.

Besonders Mark Ruffalos Charakter wird von den Ereignissen am Ende sehr mitgenommen. Er ist Journalist durch und durch, seine Ehe leidet unter seinen Arbeitszeiten. Als Robby ihm sagt, die Geschichte müsse noch warten, rastet Mike aus. Die Nerven liegen blank. Vor allem Schreiber und Ruffalo gefallen in ihrer Darstellung. Ruffalo erhielt sogar eine Oscar-Nominierung für sein Schauspiel.

Kindesmissbrauch ist grausam. Der Film beleuchtet das Thema, holt es aus seiner dunklen Schublade hervor. Er zeigt auch hart arbeitende Journalisten, die lange und intensiv an dem Thema recherchieren, sich die Haken ablaufen und die Augen an zu vielen, kleinen Buchstaben verderben. Durch die Hartnäckigkeit der Vier und die Besonnenheit ihres Chefs kann das schreckliche Thema ans Tageslicht gebracht werden.

Heute scheint es keinen solchen Journalismus mehr zu geben. Heute wird reagiert, dem Ereignis hinterhergehechelt. Es wird versucht der Erste zu sein. Hätten die Leute vom Globe so gehandelt, hätte die Kirche das Thema schnell begraben können. Es mussten mehr Informationen, mehr Zeugen, mehr Akten besorgt werden. Ich habe lange Zeit in einer Online-Redaktion gearbeitet: Es wird hier nur auf Schnelligkeit gesetzt. Scheiß auf Recherche, scheiß auf Richtigkeit und lange Nachforschungen sind gar nicht mehr möglich. Das birgt die Gefahr, dass solche schrecklichen Geheimnisse auch nicht mehr aufgedeckt werden. Somit ist Spotlight eine Erinnerung und ein Dankeschön an den investigativen Journalismus.

256 Priester, das haben die Untersuchungen ergeben, haben etwa 1.000 Kinder missbraucht. Am Ende des Film werden alle Orte – weltweit – aufgeführt, in denen Missbrauch stattgefunden hat.

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