Filmplakat Snowpiercer
6/10

„Ich weiß, wie Menschen schmecken. Ich weiß, Babys schmecken am besten.“ (Snowpiercer, 2013)


Snowpiercer

Besprechung

Der Mensch hat es versaut mit der globalen Erwärmung, also geht er zum Gegenangriff über. Ein Versuch der Erderwärmung entgegenzuwirken ging jedoch im Jahre 2014 total nach hinten los: die Erde erfriert. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Erde zum Eisklotz. Nur eine kleine Gruppe Menschen konnte sich auf einen extrem langen Zug, den Snowpiercer, retten. An Bord herrscht ein klares Kastenwesen. Ganz hinten ist der Abschaum, vorne die Reichen. Im vordersten Zugabteil, dort wo “die Maschine” ist, lebt und herrscht der Erbauer des Zuges, Mr. Wilford.

17 Jahre lang fährt der Snowpiercer nun schon durch die Eiswüsten auf allen Kontinenten. Die Umrundung dauert immer ein Jahr. Die Menschen im hintersten Abteil können so nicht mehr leben. Curtis (Chris Evans) plant eine Revolution. Die Menschen sollen sich erheben und nach vorne in den Zug vordringen. Der alte Gilliam (John Hurt) ist sein Mentor und geistiger Anführer.

Um nach vorne zu gelangen, müssen die Menschen aus dem hintersten Abteil zunächst bis ins Gefängnisabteil gelangen, um den Sicherheitsexperten Namgoong Minsu (Kang-ho Song) zu befreien. Der drogenabhängige Minsu soll Curtis und Co. durch die verschlossenen Sicherheitstüren bringen. Die obere Schicht lässt das natürlich nicht so einfach zu.

Meinung von

Snowpiercer basiert auf der französischen Graphic Novel Schneekreuzer von Lob, Rochette und Legrand. Der Film zieht sich gerade am Anfang sehr hin. Das wahre Ausmaß der Grausamkeiten, die an Bord des Zuges geschehen, wird zunächst noch nicht klar. Dafür braucht der koreanische Regisseur Joon-ho Bong sehr lange. Zunächst findet noch eine zu starke Schwarz-Weiß-Malerei statt. Da haben wir die ernsten, verzweifelten Menschen aus dem hintersten Abteil und schon früh tritt als Vertreterin für die Leute "von vorne" die Ministerin Mason (Tilda Swinton) auf. Ihre Figur ist schmerzhaft überzeichnet. Zunächst einmal kann man Tilda Swinton nicht erkennen unter ihrer Maske, aber das, was sie verkörpert ist eine schlechte Karikatur der Dekadenz. Das wirkt wie geschundene Menschen hier und Comicfigur dort.

Schnell kommt der Gedanke auf, dass der geradezu als Heiliger angepriesene Retter und Zugerbauer Wilford gar nicht existiert. Vielleicht hat er das mal, aber wenn er sich nie meldet oder blicken lässt, dann denkt der erfahrene Kinogänger schon daran, dass es sich bei Wilford um eine fürs Gemeinwohl wichtige, fiktive Figur handelt. Das haben wir alles schon gehabt. Erst am Ende wird aufgedeckt, was es mit Wilford auf sich hat.

Mason gibt beim Gang nach vorne einen Hinweis auf das, was am Ende noch kommen soll. Der Zug ist ein einziges, wohl ausgewogenes Ökosystem. Alles was an Bord ist, muss im Gleichgewicht sein, so die schräge Ministerin. Das Thema wird erst am Ende wieder aufgegriffen, wenn Curtis auf Wilford (Ed Harris) stößt. Hier hat Snowpiercer auch seine starken Momente. Curtis erzählt Minsu, der selber nicht Mitglied des hinteren Zugabteils war, wie es sich damals vor 17 Jahren abgespielt hat, als der Zug in aller Hast mit den letzten Überlebenden der Menschheit bestückt wurde. Die Geschichte ist grausam, aber gut erzählt. Sogar Minsu bedankt sich am Ende bei Curtis für die Aufklärung, den Blick in die Geschichte des Zuges.

Direkt daran schließt das Kapitel an, in dem Wilford dem kämpferischen Curtis alles erzählt. Der alte Mann - eigentlich immer noch rüstig - bringt dem Jüngeren alles bei, was er über den Zug wissen muss. Wir bekommen eine weitere Geschichte vorgetragen. Und wieder ist diese spannend und gut. Das Drumherum hingegen ist eher schlecht.

Zu viele Ungereimtheiten sind in Snowpiercer vorhanden, die einem den Kinogenuss verübeln. Da gibt es einen Wachmann, Franco Elder (Vlad Ivanov), der nicht nur wild um sich ballert, was bei tiefsten Tiefsttemperaturen draußen echt dumm und lebensgefährlich ist, er ist auch irgendwie nicht totzukriegen. Ganz zum Schluss hat Misus Tochter Yona (Ah-sung Ko) überraschenderweise passende Winterschuhe an und ein kleiner Junge, der gerettet wurde, hat noch mehr überraschend einen Pelzmantel in seiner Größe am Leibe. Wer hat denn da bitte nicht aufgepasst? Das ist ein absoluter Unfug, der leider nachhallt.

Mir hat im Grunde wirklich gut nur der Gang durch den Zug gefallen, da man natürlich eine Vorstellung davon hat, wie so ein strenges Kastenwesen in einem ewig langen Zug aussehen könnte. Dieses Bild wird jedoch aufgehoben. Die einzelnen Zugabteile sind vielseitiger als erwartet. Wobei sich auch hier wieder Ungereimtheiten einschleichen. Ein Tiefkühl-Abteil mit Hühnern an der Wand - okay. Aber wo kommen die Rinderhälften her?

Snowpiercer hat eine durchaus spannende Grundidee, die aber nicht gelungen umgesetzt wurde. Das eigentliche Herzstück kommt erst viel zu spät vor. Und das Ende ist sehr - sagen wir - ernüchternd. Dabei ist es aber auch nicht wirklich emotional. Da bleibt der Film auch zu flach. Snowpierce wird als Dystonie gehandelt, was auch im Prinzip stimmt. Der Ausgang ist dafür nur nicht "heftig genug".

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