Filmplakat Paddington
8,5/10

„Du willst ihn Ketchup nennen!?“ (Paddington, 2014)


Paddington

Besprechung

Ein junger Bär aus dem dunkelsten Peru steht nach einer beschwerlichen Reise mitten London auf dem Bahnhof. Da sein Heim zerstört und seine Tante Lucy (Imelda Staunton) ins Altersheim für Bären gegangen ist, benötigt der sprechende, überaus höfliche Bär ein neues Zuhause. Vor vielen Jahren war der Forscher Montgomery Clyde (Tim Downie) im Wald von Peru und die intelligenten Bären Lucy und Pastuzo (Michael Gambon) kennengelernt. Er hat ihnen von London erzählt – und die Liebe für Orangenmarmelade geweckt.

Da steht er nun und niemand kümmert sich um ihn. Bis die Familie Brown von einem Ausflug wiederkommt und ihn auf dem Bahnsteig stehen sieht. Mary Brown (Sally Hawkins) kann nicht an dem Bären vorbei gehen. Sie möchte helfen. Ihr Mann Henry (Hugh Boneville) ist nicht davon angetan. Tochter Judy (Madeleine Harris) findet den Bären nur peinlich. Sohnemann Jonathan (Samuel Joslin) ist hingegen begeistert. Man tauft den Bären Paddington (Ben Wishaw) und nimmt ihn mit zu den Browns. Aber nur für eine Nacht!

Im Haus der Browns angekommen, verbreitet der junge Bär Chaos. Davon lässt sich Mary nicht abschrecken. Anstatt am nächsten Tag zur Behörde zu gehen, hilft sie Paddington den ihm unbekannten Forscher zu finden. Vielleicht kann der ihm ein Heim geben? Henry ist nicht froh über die neuen Umstände.

Derweil wird die Chef-Tierpräparatorin (Nicole Kidman) des Natural History Museums auf den Bären aufmerksam. Sie will ihn für ihre Sammlung haben.

Meinung von

1958 schuf der britische Autor Michael Bond das erste Kinderbuch um den tollpatschigen, aber liebenswerten Bären Paddington. Auf der Insel wachsen die Kinder alle mit Paddington auf. Dort ist der Bäre ein Teil der britischen Kultur.

Die Realverfilmung nutzt natürlich CGI, um den kleinen Bären zum Leben zu erwecken. Das wirkt an manchen Stellen für das geübte Auge noch etwas holprig, wenn es um die Haare des Bären geht. Dennoch schaffen sie es den kleinen Bären extrem sympathisch rüberzubringen. Das ist vor allem dann bemerkenswert, wenn Paddington keine großen Worte macht, sondern wie in einem Stummfilm nur seine Mimik wirkt.

Paddington ist wohl erzogen. So wohl erzogen wie es ein Bär aus dem dunkelsten Peru sein kann, der von seinen Verwandten großgezogen wurde, die vor vielen Jahren eine Begegnung mit einem britischen Wissenschaftler hatten. Er ist höflich, zurückhaltend und freundlich. Leider ist er manchmal auch etwas tollpatschig, was ihn immer in brenzliche Situationen bringt.

Henry Brown ist Risikoanalyst – einen Bären im Haus zu haben steigert das Unfallrisiko um 4000%. Er ist immer vorsichtig und deshalb auch streng zu seinen Kindern. Die dürfen irgendwie nichts machen, weil alles gefährlich sein könnte. Das kann Henry auch alles mit Statistiken belegen. Vor allem Jonathan hat darunter zu leiden. Wieso muss sein Vater so ein langweiliger Nervbolzen sein? Erst die Haushälterin Mrs. Bird (Julie Walters) klärt die Kinder im Laufe des Filmes auf, dass Henry nicht immer so war: Wer Vater wird, der verändert sich.

Die kalte Nicole Kidman spielt einfach, damit ist auch ihre Tierpräparatorin eiskalt und gefährlich. Sie erhält zwar Unterstützung von dem Nachbarn der Browns, Mr. Curry (Peter Capaldi), der hat sich auch glatt in die Frau verguckt. Allerdings dachte er auch, sie würde den Bären nach Peru bringen oder so.

Alle nehmen einen sprechenden Bären ganz selbstverständlich hin. Wie gesagt, hat nur Henry Einwände, weil ein Bär Unruhe in sein geordnetes Leben bringt. Dabei will Paddington doch nur ein Zuhause. Ein absolut verständlicher Wunsch.

Paddington ist ein wunderschöner Familienfilm. Er ist warm und herzlich. Die Figuren sind alle liebenswert, allen voran natürlich Paddington selber. Es gibt viele kleine, nette Witze und so manche rührselige Szene. Wessen Herz davon unberührt bleibt, ist tot. Ich sage nur "Ursa marmelada".

Tante Lucy, die zu alt für die beschwerliche Reise ist, redet ihrem Neffen in Peru noch Mut zu. Es habe mal einen Krieg in dem Land gegeben und damals wurden auch ganz viele Kinder mit der Bahn in Sicherheit gebracht. Damit ist wohl die erweiterte Kinderlandverschickung gemeint. Die Kinder hatten, wie Paddington auch, Umhänger um den Hals, mit der Bitte sich um das Kind zu kümmern. Oft wurden sie dann doch von Verwandten abgeholt. Paddington hat keine Verwandten in London. Um so schöner, dass sich die Browns seiner annehmen.

Ein wenig musste ich schon schlucken, als die Bärentante dem kleinen Bären zusicherte, es würde in London schon alles glatt gehen: Sie werden nicht vergessen haben, wie man einen Fremden behandelt. – Angesicht der um sich greifenden Fremdenfeindlichkeit überall um uns herum, wirkt der Satz schmerzhaft sarkastisch.

Schön fand ich auf alle Fälle die Begegnung Paddingtons mit Mary. Paddington steht auf seinem Koffer vor dem geschlossenen Fundbüro (auf englisch: Lost & Found), wobei das Wort Found zunächst kaputt ist. Erst als Mary den Kontakt aufnimmt, leuchtet das Found auf. Hach, das ist so schööön.

Anschauen, wenn man mal wieder etwas fürs Herz machen möchte.

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