Filmplakat 39,90
6/10

„Man kann alles kaufen: die Liebe, die Kunst, den Planeten Erde. Sie und mich. Vor allem mich.“ (39,90, 2007)


39,90

Besprechung

Octave Parango (Jean Dujardin) ist Werbetexter bei einer der größten Werbefirmen in Paris. Das heißt er bekommt ein Schweinegeld dafür, dass er Leuten, die eigentlich kein Geld haben, Wünsche aufzwingt, Dinge zu kaufen, die sie überhaupt nicht brauchen. Man muss Octave nicht mögen. Er mag sich selber mittlerweile auch nicht mehr. Seine Arbeit ist eklig, sein Chef Marc (Antoine Basler) kotzt ihn an, sein Vermarkter Jeff Marolles (Patrick Mille) ebenso. Nur sein Art Director Charles Dagout (Jocelyn Quivrin) ist auf seiner Wellenlänge.

Als Kreativer hat Octave tolle Ideen, Drogen spielen da auch eine Rolle, doch meistens sind es die Kunden, die jede innovative Idee in den Dreck trampeln. Octave könnte das Leben eigentlich weiterführen. Doch eines Tages verliebt er sich in die Praktikantin Sophie (Vahina Giocante) – und durch eine dumme Äußerung verliert er sie wieder. Da bricht sein Weltbild zusammen. Er erkennt, in was für einer scheiß Werbewelt er lebt, wir leben. Er muss raus.

Einer dieser Dumm-Kunden ist Alfred Duler (Nicolas Merié), der Inhaber von Madone. Für Madone soll Octave eine Werbekampagne machen, die einen Joghurt vermarktet. Es kommt, wie es kommen muss – die Idee wird abgewatscht. Oktave plant zwischen Drogen und Entzug seine Rache, sein Abgang aus dieser verlogenen Werbewelt.

Meinung von

Frédéric Beigbeder, der Autor von 39,90, beschreibt in seiner Konsumkritik sich selber. Er war Werbetexter bei einer großen Werbefirma und hielt es doch zehn Jahre aus, bis er raus musste. Sein Octave erhebt erst gar nicht den Anspruch, dass man ihn mögen muss. Man kann einen Menschen aus der Werbung nicht mögen. Sie sind nicht menschlich. Wir werden täglich verführt, manipuliert, beeinflusst, der freie Wille gebrochen. Das macht die Werbung und Beigbeder machte sie krank. Eigentlich müsste es jeden krank machen.

Octave kokst wie ein Loch, vögelt jede Frau und kann in Minuten eine Kampagne aus dem Hut zaubern, die der Kunde mag, die der Konsument mag, die aber unterm Strich Kacke ist. Der Werber Octave prostituiert sich. Das kann nicht gut gehen.

Wie schön, dann Halt durch eine Liebe zu erhalten. Sophie scheint wie für ihn gemacht zu sein. Doch das Arschloch Octave verbockt es mächtig. Sophie haut ab und lässt einen Haufen Müll zurück, der in eine düstere Welt zurück fällt.

Als sich der Creative Director Marc das Leben nimmt, bringt das das Fass für unseren gebrochenen Werbetexter zum Überlaufen. Er heckt einen hinterhältigen Plan aus, wie er sich mit einem großen Knall aus der Werbebranche zurückziehen kann.

Der Film soll sich – ich habe das Buch nicht gelesen – an einigen Stellen vom Roman unterscheiden. Im Buch begeht Octave einen Mord, im Film fährt er mit Charles an seiner Seite und unter Drogeneinfluss Menschen in Miami über den Haufen. Sowohl Buch als auch Film enden unterschiedlich. Der Film endet mit dem Selbstmord Octaves, womit der Film übrigens auch anfängt. Kaum fängt der Abspann an, geht das alternative Ende los – das nach dem Drogenkick in Miami einsetzt. Allerdings mündet auch dieses Ende dort, wo der Film anfing, wodurch sich der Kreis wieder schließt.

Beigbeder schrieb seinen Roman mit Insiderwissen, um gekündigt zu werden. Er hatte die Schnauze gestrichen voll von dieser kranken Werbewelt. Diese Kritik kann der Film unter der Regie von Jan Kounen auch vermitteln, allerdings ist das Drumherum etwas mühsam. Entweder hätte man den Streifen noch wilder, noch durchgeknallter machen müssen, oder eine geradlinigere Erzählstruktur wählen müssen. Der Film ist grob unterteilt in die Kapitel "Ich", "Du", "Sie", "Er" und "Wir". Dennoch scheint der Film wenig Halt zu haben, er ist mehr eine Ansammlung von Dialogen und Situationen, die nur lose 100 Minuten lang über die Leinwand flattern, um am Ende zusammenzulaufen. Das ist irgendwie unbefriedigend. Was schade ist. 39,90 hätte mehr bissiger sein können, eine schärfere Anklage der Werbe- und Konsumwelt.

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