Filmplakat Narbengesicht
7/10

„Tu es zuerst. Tu es selbst. Und hör' nicht auf es zu tun.“ (Narbengesicht, 1932)


Narbengesicht

Besprechung

Nachdem Tony Camonte (Paul Muni) den Mobster Big Louis Costillo (Harry J. Vejar) umgebracht hat, steht seinem Boss Johnny Novo (Osgood Perkins) nichts mehr im Weg die Southside von Chicago zu übernehmen. Es geht um den Vertrieb von Alkohol und Tony ist ein braver Lakai, der mit brutaler Gewalt loszieht und den Weg für seinen Chef ebnet.

Allerdings verrät Tony seinem Kumpel Rinaldo (George Raft), dass er Novo erst mal machen lässt und später den Laden übernehmen wird. Entgegen der Anweisung von Novo beseitigt Tony auch die Konkurrenz aus der Northside — was zu einem noch erbitterten Kampf zwischen den Banden führt.

Tony macht Jagd auf Gaffney (Boris Karloff), den letzten Konkurrent aus der Northside, dann kann er seinen Aufstieg fortsetzen. Dazu gehört auch die Eroberung von Novos Freundin Poppy (Karen Morley). Doch so viel Gewalt bleibt natürlich nicht ungestraft. Die Polizei ist hinter Tony her.

Meinung von

Howard Hawks sollte sich in späteren Jahren einen Namen als Regisseur von Skrewball-Comedies (z.B. Ich war eine männliche Kriegsbraut oder Leoparden küsst man nicht) und schließlich von großen John Wayne-Western (z.B. Rio Bravo) machen. Allerdings war er auch im Genre des Film Noir (Tote schlafen fest) oder Sci-Fi (Das Ding aus einer anderen Welt (ohne Credits) unterwegs. Eines seiner Frühwerke, in einer Reihe von Klassikern der Filmkunst, ist Narbengesicht, oder wie man ihn wohl auch im deutschen Sprachraum eher kennt: Scarface.

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes italienischer Abstammung, der als Handlanger anfängt und sich nicht scheut, sich die Hände schmutzig zu machen. Tatsächlich scheint er Gewalt zu lieben. Er hat den Plan, selber an die Spitze zu gelangen. Er will Geld, Frauen und vor allem Macht. Wer solche Ziele hat, kann nur skrupellos sein. Der aus Österreich-Ungarn stammende Paul Muni spielt den blutdürstigen Gangster sehr gut. Er ist eigentlich das, was man als "Schönling" bezeichnet, hat aber im Film eine große Narbe im Gesicht.

Munis Charakter Tony ist durch und durch hart – auch privat. Seine Schwester Cesca (Ann Dvorak) beschützt er wie ein Löwe. Er verbietet ihr jeglichen Umgang mit anderen Männern. Ganz am Ende von Scarface, wenn Tony und Cesca in die Enge getrieben sind, fällt etwas, das andeutet, dass Tony und Cesca nicht nur geschwisterliche Liebe verbindet. Das ist schon mal ein großer Skandal für das Entstehungsjahr 1932. Ebenso die schiere Gewalt, die Hawks zeigt. Wir haben echte Actionszenen vor uns, Verfolgungsjagden, Schießereien – das muss damals unglaublich gewesen sein im Kino.

Neben dem guten Spiel von Muni sind es auch Dinge wie die Tatsache, dass Tony stets ein Lied pfeift, bevor er jemanden umbringt, die Scarface so beeindruckend machen. Oder die Werbetafel, die Tony so sehr beeindruckt. Auf ihr steht The World is Yours. Eigentlich ist das eine Werbetafel für ein Reisebüro, doch für Tony bedeutet es den Aufruf, sich die Welt Untertan zu machen. Sie soll das Letzte sein, das der Zuschauer sieht.

George Raft, der später in Manche mögen's heiß den Mafia-Boss Gamaschen Colombo spielt, hatte zu der Zeit, als Narbengesicht gedreht wurde, zwar schon einige Filme hinter sich, Regisseur Howard Hawks fand ihn allerdings schlecht. Er hatte Raft wegen seines Aussehens besetzt, aber dann stellte sich heraus, dass Raft nicht wusste, was er mit seinen Händen machen sollte. Da erinnerte sich Hawks an eine Geschichte, wonach die Gangster von damals ihren getöteten Gegnern eine Münze hinlegten – also ließ er Raft ständig mit einer Münze spielen.

Der Film selber fängt mit einer Art Anklage an. Die Geschichte hat Al Capone zur Vorlage und beschreibt die Gewalt während der Prohibition. Tony ist ein Sinnbild für diese Gewalt, die am Anfang von Scarface knallhart angeprangert wird. Ebenfalls am Pranger steht der Staat, der durch seine laschen Waffengesetze die Verbreitung von Schusswaffen so leicht macht – wodurch wiederum die Gewalt begünstigt wird. Mutig und richtig. Auch heute noch. Im Intro wird explizit gefragt, was der Staat gegen die Gewalt zu tun gedenkt. Man geht weiter und fragt The government is your government. What are YOU going to do about it?

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