Filmplakat Midnight Special
7/10

„Ich sorge mich gerne um dich.“ (Midnight Special, 2016)


Midnight Special

Besprechung

Die Polizei sucht Roy (Michael Shannon) als den Entführer eines achtjährigen Jungens. Dass es sich hierbei um eine Befreiung handelt – Roy hat seinen Sohn Alton (Jaeden Lieberher) aus den Fängen einer Sekte gerettet – wird nicht erwähnt. Roy, Alton und Lucas (Joel Edgerton) sind auf der Flucht, hin zu einem bestimmten, geheimen Ort.

Das FBI steht bei der Sekte in der Tür. Nicht nur, dass sich die Bundesbehörde dessen bewusst ist, dass man hier in letzter Zeit viele Waffen aufgekauft hat, es ist auch klar, dass der “entführte” Junge von der “Ranch” stammt. Dort hat man den kleinen Jungen als Erlöser angesehen. Alton kann Dinge sehen, spricht in fremden Zungen und wenn man in die Strahlen schaut, die aus seinen Augen kommen, empfindet man Ruhe und Frieden. Sektenführer Calvin Meyer (Sam Shepard) will den Jungen schnellstmöglich wiederhaben. In vier Tagen wird etwas passieren, wofür man den Jungen benötigt.

Das Trio flieht weiter, nimmt später Altons Mutter Sarah (Kirsten Dunst) auf. Niemand weiß, wohin das Quartett fährt. Bis es der NSA-Agent Paul Servier (Adam Driver) herausfindet.

Meinung von

Wie schon in seinem Erfolg Take Shelter deckt Regisseur und Autor Jeff Nichols seine Karten nicht gleich auf. Dinge werden angedeutet, entblättern sich langsam. Das ist heutzutage ungewöhnlich. Viele kleine Handlungsstränge werden über beinahe zwei Stunden zusammengeflochten. Eines ist aber von Anfang klar: Roy will seinen Sohn beschützen. Um jeden Preis.

Lucas ist ein alter Freund aus Kinderzeiten. Als Roy und Alton bei ihm vor der Tür stehen – Roys Eltern waren auf die Ranch gezogen und damit war der Kontakt zwischen Roy und Lucas beendet – muss der auch nicht schlecht gestaunt haben. Doch früh im Film erklärt er, dass er alles für Alton machen würde. Zusammen mit den Aussagen von den Ranch-Bewohnern, formt sich ein Bild, dass Alton etwas sehr Besonderes sein muss. Die Ranch-Bewohner halten ihn für ihren apokalyptischen Erlöser. Beim Zuschauer kommen Gedanken auf, Alton könnte ein Alien sein. Aber sowohl Roy als auch Sarah sind ganz gewöhnliche Menschen. Das passt also nicht so ganz.

Dass Alton speziell ist, ist hingegen nicht abzustreiten. Er kann u.a. Radiowellen empfangen – was die NSA auf den Plan ruft, hat der Kleine doch geheime Informationen abgefangen. Diese wurden von Meyer in die Predigten eingebaut; ohne zu wissen, was die Zahlenkolonnen zu bedeuten haben.

Zu Michael Shannon muss man nicht viel sagen. Er ist wie auch schon in Take Shelter ruhig, ihn beschäftigen viele Dinge, er hat einen starken Glauben. Waren es in Take Shelter seine Visionen, ist es nun sein Sohn. Dass Shannon auch anders kann, wissen wir seit seiner General Zod-Darstellung in Man of Steel. Nichols scheint seinen Star gerne auf diese gedämpften Rollen zu casten. (Überhaupt: Von bisher sechs Filmen, die Nichols gemacht hat, sind fünf mit Michael Shannon. Er scheint den Schauspieler sehr zu schätzen.)

Der junge Jaeden Lieberher hat noch nicht so viele Filme auf seinem Konto. Er beweist aber, dass auch – zum Glück – Kinderdarsteller nicht alle schlecht und nervig sein müssen. Sein Alton ist somit in doppelter Hinsicht besonders. Er mimt den "etwas anderen" Jungen sehr unaufgeregt, nicht neunmalklug. Bei Adam Driver musste ich unweigerlich an seine Wutausbrüche als Kylo Ren in Star Wars: Das Erwachen der Macht denken; und war überrascht, als ich einen schüchternen Mann sah, der sich vor einem kleinen Jungen zu fürchten scheint.

Midnight Special bietet viel Raum zum eigenen Interpretieren. Als Alton erkennt, dass das Wandern in der Nacht nicht so gesundheitsfördernd, Sonne hingegen gut ist, dachte ich Verdammt, ist der 'ne Pflanze?. Nein. Ist er nicht. Die Menschen auf der Erde über unserer – Engel? Nein. Aber was sind sie dann? (Übrigens musste ich bei den plötzlich auftauchenden, futuristischen Gebäuden an A World Beyond denken und bei der Reise zu "einem bestimmten Ort" an einen meiner Lieblingsfilme, Unheimliche Begegnung der dritten Art.)

Neben den unausgesprochenen Erklärungen für den Film und den guten Schauspielern gefielen mir die vielen Sonnenauf- und -untergänge. Einfach weil es schöne Bilder sind. Zum einen geht es in Midnight Special um den Glauben an etwas Höheres, zum anderen um die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn. Sowohl Roy als auch Sarah wissen, dass sie ihren Sohn gehen lassen müssen. Sie werden ihn nie wiedersehen, aber da es das Beste für ihn ist, nehmen sie dieses monströse Opfer auf sich, als Eltern den eigenen Sohn ziehen zu lassen.

Midnight Special ist ein kleiner, ruhiger Mystery-SciFi-Film. Wer das mag, möge ins Kino gehen.

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