Filmplakat Lucy
6,5/10

„Lernen ist immer ein schmerzhafter Prozess.“ (Lucy, 2014)


Lucy

Besprechung

Weil sie an den falschen Typen geraten ist, findet sich die Studentin Lucy (Scarlett Johansson) als Drogenkurierin wieder. In Taipeh hat der skrupellose Gangsterboss Mr. Jang (Min-sik Choi) ihr und drei anderen, unbekannten Männern jeweils einen Beutel mit einer neuen, synthetischen Droge namens CPH4 in die Bauchhöhle einsetzen lassen. So soll die Droge nach Europa gebracht werden.

Ein Unfall sorgt dafür, dass Lucy der Droge direkt ausgesetzt wird. Die junge Frau bekommt einen Rausch ganz besonderer Art. Schnell öffnet sich ihr Gehirn für neue Aufgaben. Benutzt der normale Mensch gerade einmal zehn Prozent seiner Gehirnkapazität, kann Lucy nun mehr und mehr Gehirnregionen freischalten. Sinne verändern sich, gefolgt von weiteren Fähigkeiten.

Sie reist nach Paris, um zum einen an die restlichen Beutel CPH4 zu gelangen und um sich außerdem mit dem Neurowissenschaftler Professor Norman (Morgan Freeman) zu unterhalten, der auf theoretischer Basis das Verhalten Lucys vorhergesagt hatte. Lucy zur Seite steht der französische Polizist Pierre Del Rio (Amr Waked). Der soll ihr bei der Suche nach der Droge helfen – aber braucht Lucy mit ihren Fähigkeiten überhaupt noch Hilfe?

Meinung von

Luc Besson ist wieder da. Nicht nur hat er die Geschichte zu Lucy geschrieben, sondern auch Regie geführt. Der Film fängt gut an. Vor allem die Bildsprache gefällt, wenn Besson die Handlung vorantreibt und mit Bildern aus der Tierwelt untermalt. Die Ratte, die in die Falle geht. Die Gazelle, die zur Beute wird. Zwischendurch hält er uns auch immer auf dem Laufenden, wie hoch der Stand der „Freischaltung“ von Lucys Gehirn ist. Die Frage stellt sich schon früh: Was passiert, wenn Lucy ihre Gehirnkapazitäten komplett ausschöpft?

Johansson kommt frisch daher, wird in eine extrem gefährliche Situation verfrachtet und reagiert auch entsprechend. Erst als sie der Droge ausgesetzt wird, die sie über die Fähigkeiten normaler Menschen stellt, verschwindet ebendas, was sie als Mensch ausmacht. Angst und Schmerz verschwinden, Lucy wirkt immer entrückter. Ein krasser Wandel in der Darstellung der jungen Frau. Der Verlust der Menschlichkeit ist auf der einen Seite spannend, hat Lucy doch immer neue Fähigkeiten parat, mit denen sie ihre Umwelt und die Zuschauer beeindruckt - aber durch den Verlust verliert man auch den Kontakt zu Lucy. Das macht das Verhältnis des Zuschauers zu Lucy etwas schwer.

Besson greift zum einen in die Trickkiste und zaubert wundersame Dinge auf die Leinwand, gepaart mit Actionszenen und der einen oder anderen „Uh, das muss weh tun“-Szene. Auf der anderen Seite bemüht er sich um einen zunächst wissenschaftlichen Aspekt, wenn er Morgan Freeman als Professor ins Feld schickt. Der hält einen langen Vortrag darüber, was passieren könnte, wenn der Mensch mehr Gehirnkapazität nutzen würde. Dann ist da aber auch noch der philosophische Aspekt. Irgendwie. Zu philosophisch kann es nicht sein, das würde das Publikum zu sehr überfordern (zugegeben: einige im Kino schienen schon arg mit der Thematik zu kämpfen gehabt zu haben).

Was macht den Menschen aus? Was macht das Leben aus? Das sind Fragen, die Besson in Lucy anspricht. Er spricht von „Informationsweitergabe“. Von einer Zelle zur nächsten, von einem Organismus zum nächsten, von einer Generation zur nächsten. Es geht - laut Besson - um „Haben und nicht Sein“. Hat man die Information? Welcher Natur sie auch immer sein mag. Später soll Lucy eine Runde Wissenschaftler aufklären, dass die Zeit die einzige Maßeinheit sei, in der man das Leben messen könne. Außerdem benutzen wir Sprache und die darin enthaltenden Symbole lediglich dazu, um uns behelfsmäßig unsere Umwelt und uns selber irgendwie zu erklären. Alles unzureichend, so die Filmheldin. Interessant, denkt sich der Zuschauer.

Ja, man kann hier in tiefgreifende Gedankengänge abdriften. Wenn man will. Aber eigentlich wollte man beim Lösen der Kinokarte nur einen fantastischen Actionfilm geboten bekommen. Mann, hat der gute Besson da sein Fast and Furios-Publik aber verarscht …

Lucy ist interessante Unterhaltung. Kurzweilig, mit Action aufgewertet, einige lustig Sprüche reingemischt und dann eine recht große Philosophen-Portion dazugegeben. Ich denke mal, wenn man das weiß, kann man sich auf das, was einen erwartet, besser vorbereiten und einstellen. Ohne Vorwarnung wird man eher enttäuscht. Wäre ich noch in meiner wilden Studentenzeit und gäbe es noch das Grindel-Kino, hätten wir uns danach bestimmt noch in die nächste Studentenkneipe verschanzt und wild über den Streifen diskutiert. Aber ich bin nicht mehr so jung und meine mageren zehn Prozent brauchen jetzt etwas Ruhe.

Also irgendwas hat der Film - aber nicht die letzten 90 Prozent. Außerdem weist er einige kleine unlogische Begebenheiten auf. Wenn Lucy im Labor "Materie und Energie aufnimmt“, fragt ein Wissenschaftler, was sie da mache. Morgan Freeman weiß natürlich exakt, was sie da treibt. Ja ne, is’ klar.

Die Thematik mit dem „was passiert, wenn der Mensch über sich hinauswächst“, hatten wir erst kürzlich in Transcendence gesehen. Hier ging es nur um eine Bewusstseinserweiterung durch den Computer und nicht durch eine Droge. Als am Ende Lucy die 100% erreichte, musste ich unweigerlich an eine andere Johansson-Rolle vom Anfang dieses Jahres denken: Her. Schaut den Film, dann wisst ihr, was ich meine ...

Am Ende lässt uns Besson alleine mit einer etwas platten Aufforderung, die Menschheit möge sich bessern und etwas aus ihrem Potenzial machen. Kein Happy-End, kein *Boom*. Etwas ernüchternd und unbefriedigend der Schluss. Vielleicht würde Lucy beim zweiten Mal Anschauen besser?

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