Filmplakat Leben und Sterben des Colonel Blimp
8/10

„Mit etwas Vernunft und schlechten Manieren hätte man den Krieg vollständig vermeiden können.“ (Leben und Sterben des Colonel Blimp, 1943)


Leben und Sterben des Colonel Blimp

Besprechung

Nachdem Clive Candy (Roger Livesey) als junger Mann im Burenkrieg gekämpft hat und hoch dekoriert nach Hause gekommen ist, erfährt er, dass man in Berlin schlecht über die Briten redet. Er reist – obwohl es ihm verboten wurde – in die deutsche Stadt, wo er die Autorin des Briefes trifft, die ihn auf den Umstand aufmerksam gemacht hat. Edith Hunter (Deborah Kerr) ist britische Amme und unterrichtet in Berlin Englisch. Candy gerät prompt in Schwierigkeiten und bricht einen diplomatischen Zwischenfall vom Zaun. Plötzlich will sich eine gesamte Garnison mit ihm duellieren.

Der junge deutsche Soldat Theo Kretschmar-Schuldorff (Anton Walbrook) hat das Los gezogen sich als Erster mit Candy zu duellieren. Dabei wollen beide Männer gar nicht den Säbel ziehen. Aus diesem Zwischenfall entsteht eine tiefe Freundschaft.

Als Candy im Ersten Weltkrieg in Flandern stationiert ist, erfährt er von jungen deutschen Gefangenen, dass auch sein alter Freund irgendwo sein soll. Doch anstatt seines Freundes findet Candy die junge Krankenschwester Barbara Wanne (Deborah Kerr), die ihn sehr an Edith erinnert, die aber mit Theo zusammen ist. Candy heiratet die 20 Jahre jüngere Krankenschwester.

Im Zweiten Weltkrieg sollen sich die Wege von Theo und Clive erneut kreuzen. Theo beantragt Asyl. Sein Deutschland ist an die Nazis gefallen, seine beiden Söhne ebenfalls. Das ist nicht das Land, für das Theo einst gekämpft hat. Clive bürgt für seinen alten Freund.

Meinung von

Der Film von Regisseur Michael Powell und Autor Emeric Pressburger hat einiges erlebt. Mitten im Zweiten Weltkrieg zeigt das Regisseur-Autor-Duo, dass nicht alle Deutschen schlecht sind, dass sie Menschen sind, die lieben und Freundschaften schließen können. Das war Churchill zu viel. Man wollte Leben und Sterben des Colonel Blimp verbieten. Nach vielem Hin und Her kam der eigentlich 163 Minuten lange Streifen um 20 Minuten gekürzt in die Lichtspielhäuser. Zwischenzeitlich zerstückelte man den Film gar auf eine knapp 90-minütige Version. Erst 1983 wurde Leben und Sterben des Colonel Blimp in seiner vollen Länge restauriert. 2011 kam dann noch eine Überarbeitung des Bildes hinzu. Dem Film fehlen weite Teile der Synchronisation.

Von den politischen Schwierigkeiten abgesehen haben wir nun einen schönen Film über Freundschaft und Liebe auf der einen Seite sowie Krieg und ehrenhaftes Verhalten in selbigem vor uns. Candy ist der Meinung, man müsse immer ehrlich spielen. Doch spätestens als die Nazis in den Krieg gezogen sind (aber auch schon im Ersten Weltkrieg) haben sich die Spielregeln derart verändert, dass kein Platz mehr für Ehre o.ä. vorhanden ist. Candy will das auch im hohen Alter nicht einsehen. Sein alter Freund muss ihn daran erinnern. Der selbe Freund, der im Ersten Weltkrieg Soldat mit seiner gesamten Seele war. Als Theo Kriegsgefangener ist und sein Freund Clive vorbeikommt, würdigt der Deutsche den Briten nicht eines Blickes. Theos Ehre ist beschädigt. Er lebt fürs Soldatendasein und fürs Dienen seines Vaterlandes. Als Kriegsverlierer bleibt ihm nichts mehr. Das zeigt eine Generation von Menschen, die sich mit ihrem Vaterland vollständig identifizierten. Als Theo den Krieg verloren hatte, hatte er nichts mehr, woran er sich hätte festhalten können.

Candy ist ebenfalls ein treuer Soldat – allerdings mit einer etwas blauäugigen Sichtweise. Drei Kriege hat Candy erlebt und blieb immer dabei: man muss ehrenhaft kämpfen. Was unterm Strich von Anfang an eine Selbstlüge war. Auch im Burenkrieg haben die Briten nicht ehrenhaft gekämpft, haben Konzentrationslager eingerichtet. Krieg ist nicht ehrenhaft.

Wir sehen die noch am Anfang ihrer Karriere stehende Deborah Kerr (Verdammt in alle Ewigkeit) in gleich drei Rollen. Als Candy sie in der Rolle der Krankenschwester Barbara sieht, ist es zugegeben etwas verwirrend. Erst später wird der Sachverhalt klar. Candy hat tatsächlich Edith geliebt, sie dann aber an den Freund verloren, danach nie aufgehört sie zu lieben. Nun sucht er immer wieder eine Frau, die ihr zumindest ähnlich sieht. Die dritte "Inkarnation" ist die militärische Fahrerin Johnny Cannon, die den alten Candy durchs Kriegs-London kutschiert.

Leben und Sterben des Colonel Blimp sprüht jetzt nicht gerade vor Witz, enthält aber einige kleine Augenzwinker und ist sympatisch. In der (restaurierten) deutschen Fassung ist der Film immer wieder von Original-Material unterbrochen, weil die Synchronisation schlicht und ergreifend fehlt. Dass der Film sogar in englischer Sprache anfängt, ist sehr verwirrend – wenn man doch die deutsche Sprache eingestellt hat. Außerdem fängt der Film am Ende an.

Der Streifen "hat was". Irgendwie ist er nett. Ganz im Gegensatz zur Comicfigur des Colonel Blimp aus der Feder von David Low. Mit diesem jähzornigen Colonel aus den 1930ern hat unser Filmheld nichts gemeinsam. Tatsächlich wird Candy im gesamten Film auch gar nicht Colonel Blimp genannt.

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