Filmplakat Interview mit einem Vampir
7/10

„Dein Körper stirbt jetzt. Beachte es gar nicht. Das passiert uns allen.“ (Interview mit einem Vampir, 1994)


Interview mit einem Vampir

Besprechung

Was für eine Gelegenheit, was für eine Geschichte. Radio-Reporter Daniel Malloy (Christian Slater) ist immer auf der Suche nach interessanten Menschen. Er glaubt den mysteriösen Mann gefunden zu haben, dabei hat Louis de Pointe du Lac (Brad Pitt) ihn ausgesucht. Louis möchte dem Reporter seine Geschichte erzählen, die Geschichte eines Vampirs. Einen Abend lang berichtet Louis von seinem Dasein als Geschöpf der Nacht.

Es fing an im Jahre 1791 nahe von New Orleans. Louis war Plantagenbesitzer und hatte gerade seine Frau verloren. Der Kummer war so stark, dass er sich den Tod herbeisehnte. Doch der kam nicht. Jedenfalls nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Der Vampir Lestat de Lioncourt (Tom Cruise) wurde auf den traurigen jungen Mann aufmerksam und machte ihm ein Angebot, das Louis annahm. So wurde Louis selber zum Vampir.

Er berichtet davon, wie schwer er sich damit tat, Menschen zu töten. Stattdessen ernährte er sich von Ratten und anderem Getier. Lestat war angeekelt von ihm, verleugnete Louis doch seine Natur. Lestat war arrogant, gefährlich, blutrünstig. Das ging eine Weile so, bis Louis in einem Pestviertel in New Orleans die kleine Claudia (Kirsten Dunst) fand. Er fiel über sie her, trank von ihr und floh. Louis verabscheute sich selber für seine Tat. Lestat hingegen machte Claudia ebenfalls zum Vampir, einem minderjährigen Vampir. Claudia wurde nie erwachsen, sondern blieb für immer im Körper eines kleinen Mädchens gefangen.

Claudia zeigte schnell, dass sie ebenfalls blutrünstig und gierig war. Das hatte sie mit Lestat gemein, doch hingezogen fühlte sie sich zu Louis. Die Zeit ging dahin, Louis und Lestat überwarfen sich und so zog Louis mit Claudia nach Paris. Der ewig brütende und unglückliche Louis war auf der Suche nach einem Sinn für sein Dasein als Vampir. So suchte er in der Stadt der Liebe nach anderen Vampiren – bis er Armand (Antonio Banderas) und seine Gruppe dekadenter Vampire traf …

Meinung von

Noch bevor die Vampire glitzerten, kam Autorin Anne Rice auf den Gedanken, das Innenleben eines Vampirs in Form eines Interviews zu analysieren. Zunächst als Kurzgeschichte konzipiert, wurde dann später ein Buch daraus. Geschrieben ist es aus der Ich-Perspektive von Louis und so hat es auch Regisseur Neil Jordan umgesetzt. Lustigerweise wird auf dem Filmplakat eigentlich nur mit Tom Cruise geworben. Ja, seine Figur des Lestat ist wichtig, aber nicht die Hauptfigur. Brad Pitt war eben 1994 noch nicht so populär wie Cruise. Cruise war übrigens der Autorin, die auch das Drehbuch schrieb, zunächst ein Dorn im Auge. Sie hatte arge Bedenken Cruise in der Rolle des Lestat zu sehen, revidierte aber später ihre Meinung wieder.

Heute sind Vampire gesellschaftsfähig und lassen die Kassen klingeln. Sie sind völlig romantisiert und kein Stück mehr die blutrünstigen Monster, die sie eigentlich sind – siehe Dracula. Vampire sind heutzutage Luschen. Muss man mal sagen. Louis macht da keine Ausnahme. Lestat ist wild, unberechenbar. So wollen wir einen Vampir sehen. Doch, wie oben erwähnt, ist er lediglich Nebenfigur. Louis ist eine Lusche, weil er noch einen Teil seiner Menschlichkeit behalten hat. Er ist von der "Geburt" an, traurig und zwiegespalten. Eigentlich wollte er das, ein Vampir sein, anfangs war es auch spannend, doch mit dem Töten hat er seine Probleme. Sehr untypisch. Louis nimmt es nicht einfach hin, nur ein Vampir zu sein. Er versucht von Anfang an einen Sinn in der Umwandlung zu sehen. Wo kommen die Vampire her? Was sollen sie auf dieser Erde?

Louis wünscht sich eigentlich einen Mentor, jemanden, der ihn anleitet und somit aus seinem irdischen Schmerz herausführt. Doch Lestat war hier klar der falsche Ansprechpartner. Erst als er in Paris auf Armand stößt, glaubt Louis in dem ältesten existierenden Vampir eine Führungsperson gefunden zu haben. Er sollte sich täuschen. Louis bleibt immer alleine. Auch wenn er mit Claudia zusammen ist.

Kirsten Dunst, damals gerade einmal zwölf Jahre alt, spielt im Grunde die beiden Männer an die Wand. Sie ist von Natur aus jung, spielt aber ein Wesen, das immer erwachsener wird. Mit all seinen Nachteilen – wie z.B die Gier und die Lust am Töten. Sie schmiedet Pläne, wie sie ihre Opfer austricksen kann und auch einen, um Lestat loszuwerden. Sie ist durchtrieben und gefährlich. Später, in Paris, kleidet sie sich wie eine junge Frau. Claudia will auch eine Frau sein, steckt aber in diesem viel zu jung wirkenden Körper fest. Keine Frage, daraus ergeben sich diverse problematische Situationen für alle Beteiligten.

Der Film geht recht lange (über zwei Stunden), aber es müssen auch entsprechend viele Jahre überbrückt werden. Er ist eine interessante „Studie“ darüber, was es ausmachen kann, ein Vampir zu sein. Das ist nicht alles toll, erotisch, romantisch und übernatürlich. Interview mit einem Vampir zeigt ganz gut, dass es auch Einsamkeit und Verzweiflung bedeuten kann. Also nicht unbedingt das, was sich kleine Mädchen wünschen sollten. Vampire glitzern nicht wirklich ...

Louis, das erfahren wir früh, lässt viele Dinge hinter sich, als er ein Vampir wurde. So sehnt er sich all die Jahre danach, wieder einmal eine blaue See oder einen blauen Himmel zu sehen. Nette kleine Hommage am Rande: Erst mit dem Kino bekommt der Vampir, das Wesen der Nacht, wieder die Möglichkeit, einen Tag zu sehen. Als Louis das Daniel erzählt, werden nebenbei Ausschnitte aus Sonnenaufgang, Nosferatu, Vom Winde verweht und Superman gezeigt.

Regisseur Neil Jordan sollte 18 Jahre später mit Byzantium noch einmal das Thema des einsamen Vampirs aufgreifen.

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