Filmplakat I wie Ikarus
7,5/10

„Die Wahrheit kennt weder Ehre noch Vaterland. Man muss sie akzeptieren wie sie ist.“ (I wie Ikarus, 1979)


I wie Ikarus

Besprechung

Der Präsident eines fiktiven Staates wurde gerade wiedergewählt. Es gibt eine Parade, in der der Präsident mit offenem Verdeck durch die Straßen gefahren wird. Als er anhält, wird er von drei Schüssen getötet. Auf einem Dach steht Karl Eric Daslow (Didier Sauvegrain), der den Präsidenten zwar erschießen wollte, aber das Gewehr war überraschend nicht geladen. Die Schüsse kamen von woanders. Dennoch: Ein Zeuge hat Daslow gesehen, die Polizei stürmt das Bürogebäude und findet Daslow mit einer Kugel im Gesicht.

Ein Jahr nach dem Attentat soll der offizielle Untersuchungsbericht abgesegnet werden, doch der Generalstaatsanwalt Henri Volney (Yves Montand) weigert sich das Teil zu unterschreiben. Es kommt zu einer Anhörung, in der er angibt, dass er glaubt, das Ergebnis sollte herbeigeführt werden. Das Ergebnis ist, dass Daslow geisteskrank war und alleine gehandelt hat.

Volney bekommt die Aufgabe den Fall nun selber zu untersuchen. Dabei kommt er Stück für Stück hinter immer mehr Ungereimtheiten. Das Foto, das Daslow mit Waffe zeigt, muss manipuliert sein. Der Zeuge, der Daslow auf dem Dach gesehen haben will, kann das wie beschrieben nicht. Zeugen, die sich gemeldet haben, sind alle auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Das muss ein abgekartetes Spiel gewesen sein und jemand ganz großes muss hinter dem Mord an dem Präsidenten stecken. Davon ist Volney überzeugt.

Meinung von

Na, wenn das mal nicht der Fall J.F.K. ist. Ein Präsident wird im offenen Wagen erschossen? Der Täter ist ganz klar und sicher gestellt? Der Täter wird erschossen? Würfelt man die Buchstaben des I wie Ikarus-Täters Daslow durch, erhält man sogar den Namen Oswald, also den Namen des angeblichen Schützen, der den US.Präsidenten J.F. Kennedy erschossen haben soll.

I wie Ikarus nimmt sich die Freiheit heraus, das auszusprechen, was wir alle denken: Es gibt innerhalb des Staatsapparats eine weitere Institution, die lenkt, was "da vorne" passiert. Der Präsident (Gabriel Cattand) in I wie Ikarus war ein Reformer und sehr beliebt. Das passte den eigentlichen Herrschern im namenlosen Staat überhaupt nicht – also ließen sie ihn ausschalten. Der Kniff mit dem namenlosen Land ist natürlich nett, vor allem, weil die Staatsflagge dieses Landes aussieht wie die US-Flagge. Die Währung in dem Land sind sogar Dollar.

Die Untersuchung von Generalstaatsanwalt Volney ist gut gemacht. Lustig ist es anzusehen, mit welchen Mitteln damals die Kriminalarbeit ausgeführt wurde: Diaprojektoren, Super-8-Filme, Zeitungsartikel, Bücher, … Stellt sich einem die Frage, wieso diese Untersuchungen nicht von Anfang an so über die Bühne gegangen sind? Ja, die Frage stellt man sich. Aber es sollte ja keine richtige Aufklärung stattfinden. Volney musste warten, bis der Abschlussbericht abgesegnet werden sollte. Erst dann konnte er loslegen.

Der Film hat eine merkliche Länge. Wenn Volney den Psychologen David Naggara (Roger Planchon) in der Uni aufsucht, bringt der ihm das Experiment "Gehorsam Autoritäten gegenüber" nahe. Ich hoffe, dass dieses Experiment von Stanley Milgram heutzutage hinlänglich bekannt ist. Damals war das wohl noch voll neu und voll toll – entsprechend breit haben sie das ausgetreten. Da hätte ich gerne vorgespult.

Der Film selber ist ansonsten flüssig erzählt. Manchmal kommen die Einfälle und Lösungen zu schnell daher. Manchmal ist es aber auch nur platt. Einer der Assistenten von Volney findet in der Wohnung des Geheimdienstlers Richard Mallory (Jacques Sereys) – der später Chef des Geheimdienstes wird – rein zufällig eine Kassette mit verschlüsselten Botschaften rauf. Siiiicher.

Woran erkennt man, dass I wie Ikarus (der übrigens auch unter dem Namen Der Spürhund geführt wurde) ein französischer Film ist? Genau: Es gibt kein Happy End. Volney findet selber heraus, was die verschlüsselten Nachrichten zu bedeuten haben. Er findet auch heraus, dass die Operation "I wie Ikarus" stattfinden soll. Er wusste nicht, dass er die Operation war … Am Telefon hatte er eben noch seine Freundin, die ein Buch geschrieben hatte. Die erklärt ihm, dass Ikarus zu nahe an die Sonne flog und deswegen fiel. Laut ihrer Interpretation steht die Sonne für die Wahrheit. Volney kam der Wahrheit auch zu nahe.

Ein Film mit einer guten Geschichte, manchmal etwas "zu glücklich" bei der Aufdeckung des Falls. Kann man sich aber anschauen.

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