Filmplakat Geheimagent
6/10

„Wenn ich sie nicht küssen darf, darf ich sie dann beißen?“ (Geheimagent, 1936)


Geheimagent

Besprechung

Mitten im ersten Weltkrieg wird der britische Soldat und Autor Brodie (John Gielgud) für tot erklärt, damit er unter dem Namen Richard Ashenden einen geheimen Auftrag übernehmen kann. Der mysteriöse R (Charles Carson) schickt ihn nach Genf. Hier soll er einen deutschen Agenten unschädlich machen, der von der Schweiz über Konstantinopel nach Arabien fahren soll, um dort die Araber gegen die Engländer aufzubringen. R weiß von dem Deutschen, hat aber keine Ahnung, wer das ist oder wie er ausschaut.

In Genf checkt Ashenden im Hotel ein, um zu erfahren, dass ihm R eine “Ehefrau” zugewiesen hat. Elsa Carrington (Madeleine Carroll) spielt fortan Mrs. Ashenden, um die Tarnung des Agenten aufrechtzuhalten. Ashdenden bekommt noch einen seltsamen Mann an die Seite gestellt, der sich selber “Der General” (Peter Lorre) nennt und der für den Briten die Drecksarbeit übernehmen soll.

Während Ashenden in Genf ermittelt, wer der Deutsche sein könnte, flirtet seine “Frau” mit dem smarten Playboy Robert Marvin (Robert Young), den sie noch vor der Ankunft von Ashenden kennengelernt hat. Ashenden findet eine Spur, die ihn zu dem vermeintlichen Briten Caypor (Pery Marmont) führt. Ist Caypor in Wirklichkeit der Deutsche? Wird Ashenden den Mann tatsächlich umbringen? Wie wird sich das auf die Beziehung zwischen dem Agenten und seiner “Ehefrau” auswirken?

Meinung von

Ein frühes Werk von Meister Hitchcock, aus der Zeit, wo er gerne Geschichten um Geheimagenten erzählt hat. Der Film fängt seltsam an. Eine Trauergemeinde, der Gastgeber ist einarmig und als alle fort sind, räumt er ungeschickt einen leeren Sarg ab. Da wollte jemand ein wenig Slapstick einbauen. Danach geht es schnell ans Eingemachte. Die Erzählweise ist flott, lässt allerdings das ein oder andere Mal etwas an Logik vermissen. Es werden Begebenheiten und vor allem menschliches Verhalten als völlig normal angesehen - was sie oft nicht sind. Vielleicht ist das aber auch nur ein Ding, dass dem Alter des Films geschuldet ist.

John Gielgud ist der strahlende, harte Held, den man braucht. Als er im Hotel erfährt, dass ihm zur Tarnung eine "Ehefrau" zugeteilt wurde, nimmt er das locker. Hauptsache sie ist hübsch. Das ist sie dann auch. Na, was für ein Glück. Elsas Herkunft wird nicht wirklich erklärt. Ist sie Agentin? Arbeitet sie fürs Militär? Wir erfahren nur, dass sie ein junge Frau ist, die Abenteuer erleben will. Deshalb hat sie den Job angenommen. Also darf man sich beim Militär für Geheimaufgaben melden, wenn man Spaß an prickelnden Abenteuern hat? Dass Richard einen feindlichen Geheimagenten aufspüren soll, ist in Ordnung, dass er ihn umbringen soll, das mag Elsa wiederum nicht.

Um eine menschliche Komponente reinzubringen - und vermutlich ein breiteres Publikum anzusprechen - wird noch eine Liebesgeschichte eingewoben. Sowohl Elsa als auch Richard haben sich in den jeweils Anderen auf den ersten Blick verliebt. Ja ne. Is' klar. Das macht vor allem für Elsa die Operation schwer. Sie liebt Richard, will aber nicht, dass er ein Mörder ist. Das würde das Bild des Prinzen zerstören.

Die Figur des Marvin ist sehr seltsam angelegt. Was ist das für ein Dandy, der da aus heiterem Himmel um eine angeblich verheiratete Frau herumscharwenzelt? Auch als Marvin mitbekommt, dass sie verheiratet ist und sogar Bekanntschaft mit ihrem "Ehemann" gemacht hat, baggert er sie weiter an. Wenn der Zuschauer dann am Ende erfährt, wer Marvin wirklich ist, hätte man sich noch denken können, er habe diese Annäherungsversuche extra gemacht - Nein, das war nur dummer Zufall. Na …

Geheimagent hat seine der damaligen Zeit geschuldeten, kleinen Fehlerchen. Er baut sich langsam auf, bringt einen auf eine falsche Spur, löst den Fall in schneller und durchaus spannender Abfolge (in der Schokoladenfabrik), um dann ein krachendes Finale mit einem Happy End abzuliefern. Die Aufgabe "Halten sie einen bösen Geheimagenten auf" ist klassisch und simpel. So auch der Film. Wer alte schwarz-weiß Schinken mag und für den Charme alter Filme offen ist, also auch die eine oder andere Unlogik hinnehmen mag, der ist mit Geheimagent gut bedient. Ein netter Film, den man sich Sonntagnachmittags anschauen kann.

Vielleicht ist die erwähnte Unlogik aber auch nur das Ergebnis der Zusammenführung zweier Kurzgeschichten von William Somerset Maugham, auf denen Geheimagent basiert. Hitchcock soll sich bei den Dreharbeiten zu Geheimagent stark um seine Hauptdarstellerin Madeleine Carroll gekümmert haben. Mit ihr hatte er bereits in Die 39 Stufen gedreht gehabt, ein Film, den ich besser finde als seinen Nachfolger. Wie später bei anderen blonden Musen, soll er auch mit Carroll neben der Arbeit üble Späßchen getrieben haben. Wenn ein Regisseur sich auf einen Star konzentriert und das auch auf einer persönlichen Ebene, kann schon mal die Arbeit darunter leiden.

Geheimagent wird auf DVD auch unter dem Namen Spion geführt.

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