Filmplakat Eine Dame verschwindet

8/10

"Ich finde, man darf ein Land nie nach seiner Politik beurteilen." — Eine Dame verschwindet, 1938

Eine Dame verschwindet

Besprechung

Irgendwo in Europa liegt Bandrika. In einem eingeschneiten Dorf gehen keine Züge mehr von dem kleinen Bahnhof und ein Haufen Leute muss sich in einem kleinen Hotel einquartieren. Hier trifft die reizende Iris Henderson (Margaret Lockwood), die schon bald heiraten wird, auf den rüpelhaften Gilbert (Michael Redgrave). Außerdem macht die junge Britin die Bekanntschaft einer älteren Dame, einer Gouvernante namens Miss Froy (Dame May Whitty).

Am nächsten Tag starten alle im Zug. Kurz vor der Abfahrt wird ein Anschlag auf Miss Froy verübt, doch der Blumentopf landet auf dem Kopf von Iris Henderson. Die Musiklehrerin Miss Froy kümmert sich um Iris.

Als Iris im Zug einschlummert und wieder aufwacht, ist Miss Froy verschwunden. Niemand im Abteil will sie gesehen haben. Alle beteuern, Iris reiste alleine. Es findet sich im gesamten Zug kein Mensch, der die Existenz von Miss Froy bestätigen kann — oder will. Da haben wir z.B. zwei englische Herren (Basil Radford und Naunton Wayne), die unbedingt nach London und nicht durch die Suche nach einer alten Dame aufgehalten werden wollen. Also lügen sie.

Iris trifft auf Gilbert, der sich fortan an ihre Fersen heftet und mit Iris nach der alten Dame sucht.

Meinung von

Ein herrlicher Sonntagnachmittag-Kaffeetrinker-Film. Bei Hitchcock denkt man an das Genre des Thrillers, doch Eine Dame verschwindet ist viel mehr. Scheinbar haben sich alle im Zug gegen Iris verschworen. Niemand hat die alte Dame gesehen. Das wird so weit getrieben, dass man selber anfängt, Iris nicht zu glauben. Da wird sogar ein Neurologe, Dr. Hartz (Paul Lukas), ins Rennen geworfen, der eine Erklärung für Iris' Verhalten hat. Erst später gibt uns Hitchcock Anhaltspunkte, die eine Verschwörung realistischer erscheinen lassen. Im Endeffekt ist dann sogar alles noch politisch begründet. Ein Spionage-Film!

Neben dem (zugegeben milden) Thrill ist Eine Dame verschwindet aber auch eine herzerfrischende Komödie mit viel Charme. Nicht nur das Spiel zwischen Lockwood und Redgrave ist herrlich anzusehen, besonders fallen natürlich auch die schrägen Briten Caldicott (Wayne) und Charters (Radford) auf. Großartige Figuren! Urbritisch, wie man es sich vorstellt, nur auf Cricket fixiert und so schön hochnäsig. Mit den beiden Figuren hätte man schon eine eigene Komödie drehen können.

Natürlich, immerhin haben wir hier zwei attraktive Hauptpersonen, beide in einem Zug eingesperrt, bietet uns Eine Dame verschwindet auch die obligatorische Liebesgeschichte. Was durch den Witz zwischen Lockwood und Redgrave aber nicht schmalzig daher kommt.

Dieser alte Schwarz-Weiß-Schinken mit seiner über die Jahre dunkler gewordenen Optik, dem etwas hohlen Mono-Ton und diesem leichtfüßigen Humor ist klar ein Wohlfühlfilm. — Oh Gott, darf man das überhaupt bei einem Hitchcock-Film sagen?