Filmplakat Ein Mann sieht rot
5/10

„Hälst du nichts von dem guten, alten amerikanischen Brauch der Selbstverteidigung?“ (Ein Mann sieht rot, 1974)


Ein Mann sieht rot

Besprechung

Paul Kersey (Charles Bronson) ist ein Architekt in New York und ein sehr liberaler Mensch. Während sein Kollege Sam Kreutzer (William Redfield) am liebsten den ganzen Dreckshaufen in New York umbringen will, ist Paul gemäßigt. Das soll sich ändern, als drei Diebe in die Wohnung der Kerseys einbrechen und Pauls Frau Joanna (Hope Lange) umbringen sowie die Tochter Carol (Kathleen Tolan) sexuell missbrauchen. Carol geht völlig traumatisiert aus der Situation hervor.

Paul muss schnell einsehen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man die Täter findet ziemlich gleich Null ist. Bei einem Auftrag in Tucson, Arizona, lernt Paul Aimes Jainchill (Stuart Margolin) kennen. Der schenkt Paul zum Abschied eine Waffe.

Wieder in New York angekommen, dauert es nicht lange und Paul räumt in den nächtlichen Straßen auf. Abschaum, der ihn überfallen will, wird niedergestreckt. Die Presse schimpft den Täter den Rächer, die Bevölkerung findet es gut, dass endlich mal jemand für Ordnung sorgt. Bürger fangen an sich zu wehren, wenn sie überfallen werden. Inspektor Frank Ochoa (Vincent Gardenia) ist nicht so angetan von diesem Vigilanten und setzt alles daran, ihn dingfest zu machen.

Meinung von

Ein Mann sieht rot wird immer wieder gelobt als ein toller Film. Er hat vier Nachfolger – alle mit Charles Bronson in der Hauptrolle – und sogar ein sehr verrissenes Remake aus dem Jahre 2018. Ein Mann sieht rot war lange Zeit auf dem Index, wurde aber 2018 auf "ab 16" runtergestuft. Der Film leitet geschickt zum Thema Selbstjustiz und hat seinerzeit wohl auch eine große Diskussion vom Zaun gebrochen.

Der sonst knallharte Charles Bronson wird uns zunächst als liebender, gefühlvoller Ehemann und sozial eingestellter Mensch vorgestellt. Der gewaltsame Tod seiner Frau reißt ihn jedoch nicht in ein Tief, wie es bei seinem Schwiegersohn Jack Toby (Steven Keats) der Fall ist. Paul nimmt schnell seine Arbeit wieder auf. Der potenzielle Auftraggeber Jainchill führt Paul in eine Westernstadt, wo er dem Schauspiel eines Überfalls beiwohnt. Hier sieht er, wie man "damals" das Gesetz in die eigene Hand genommen hat. Als dann Jainchill noch mit dem Pazifisten Paul Schießübungen macht, weckt das bei Paul etwas.

Paul ist uns schnell sympathisch, sein Verlust ist grausam und wir können alle mit ihm mitfühlen, wenn er Rachegefühle haben sollte. Die hat er auch – sonst würde er nicht den Racheengel spielen – Charles Brosnson sieht man das aber nicht wirklich an. Er ist typisch emotionslos.

Der Film hat einige echt schlechte, wirklich hölzerne Dialoge, die es nicht gerade besser machen. Paul wird dadurch nicht glaubwürdiger. Nur wenige Tage nach dem Überfall (plötzlich scheint der Winter eingebrochen zu sein), steht er zusammen mit der völlig weggetretenen Tochter und dem Schwiegersohn bei der Beerdigung seiner Frau und sagt sinngemäß irgendwann muss ich ja mal lernen alleine zu leben. Say whaaat? Das kann man sagen, wenn man – was weiß ich – ein Jahr Trauer hinter such hat, aber nicht gefühlt drei Tage. Solche schlechten Dialoge kommen leider häufiger vor.

Paul geht voll in der Rolle des "Auge-um-Auge"-Rächers auf. So hat man das in Amerika schon immer gehandhabt. Das ist gut so. Her mit der Knarre, ich puste alles Gesindel weg! Sein Schwiegersohn Jack sagt noch bei einem Gespräch, dass der Wilde Westen aber doch schon längst vorbei sei.

Selbstjustiz ist natürlich nie richtig. In Ein Mann sieht rot wird sie auch nicht verherrlicht, aber auch nicht angeklagt. Paul läuft Nachts durch New York und knallt Verbrecher weg. Die halten sich dann auch entsprechend etwas zurück. Das wiederum fällt auch einem Staatsanwalt auf und der gibt Inspektor Ochoa die Anweisung, den Rächer nicht dingfest zu machen. Man will ja nicht zugeben, dass durch die Selbstjustiz die Überfallrate um die Hälfte gesunken ist.

Charles Bronson passt weil er als eher wortkarger Schauspieler bekannt war. Wir verstehen ihn auch. Aber wir jubeln nicht mit ihm mit. Er tut das ja auch nicht. Ein Mann sieht rot greift das Thema Selbstjustiz auf, zeigt einige Fälle selbiger, nimmt aber keine Stellung ein. Weder wird das satirisch überspitzt, noch wird es kritisch hinterleuchtet. Unterm Strich war ich dann doch enttäuscht.

Dass Paul die gesamte Rächer-Aktion als Western-Spiel ansieht, wird auch deutlich, als er am Ende doch von Ochoa im Krankenhaus zur Rede gestellt wird. Der Polizist macht Paul deutlich, dass man ihn nicht verurteilen wird, man will ihn aber auch nicht mehr in der Stadt haben. Er soll so schnell wie möglich aus der Stadt raus. Daraufhin fragt Paul Inspektor ... bei Sonnenaufgang? Ein klassisches Motiv des Western.

Nur eine Sache fand ich lustig: In Ein Mann sieht rot hat Jeff Goldblum sein Filmdebut. Er spielt einen der ersten Angreifer. Tatsächlich lässt er sogar die Hosen runter, weil er die Tochter missbraucht. Okay, das war ganz bestimmt nicht lustig! Aber ihn in seiner ersten Rolle zu sehen, das ist schon amüsant. Er ist so lang, dass er sich meistens gebückt fortbewegt, was seine "verschlagene Natur" wohl besser darstellen sollte.

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