Filmplakat Dracula
6/10

„Zu sterben, wirklich tot zu sein - das muss was Wunderbares sein.“ (Dracula, 1931)


Dracula

Besprechung

In Transsylvanien hat jeder Angst vor Graf Dracula (Bela Lugosi) und seinen Bräuten. Da verstehen die Dorfbewohner auch nicht den sonderbaren Fremden, der sich um Mitternacht mit dem Grafen treffen will.

Der Makler Renfield (Dwight Frye) ist extra angereist, um mit dem Grafen die Angelegenheiten eines Grundstückkaufs in London zu besprechen. Nachdem alles unterzeichnet ist, wird Renfield zum Käfer-fressenden Gehilfen von Dracula und die Beiden reisen Richtung Großbritannien. Das Schiff strandet, die Besatzung auf grausame Weise ums Leben gekommen, in Whitby.

In London nistet sich der Graf neben dem Sitz von Doktor Seward (Herbert Bunston) und dessen Tochter Mina (Helen Chandler) in dem verfallenen und unheimlichen Carfax Abbey ein. Seward ist der Leiter der psychiatrischen Anstalt, in der Renfield einsitzt.

Der Graf will Mina zu seiner Gefährtin machen, doch da hat er die Rechnung ohne Professor Van Helsing (Edward Van Sloan) gemacht. Van Helsing wurde von Seward gerufen, weil er Unterstützung bei der Behandlung von Renfield brauchte. Van Helsing entdeckt, dass Dracula ein Vampir sein muss.

Meinung von

Dracula ist nicht blutig. Aber welcher Horror-Film aus den 30ern des 20. Jahrhunderts war das schon? Aus heutiger Sicht ist der Streifen ruhig. Und ein bisschen lächerlich, aber man kann es auch als Charme auslegen, wenn Hauptdarsteller Bela Lugosi mit seiner theatralischen Handhaltung Grauen beim Zuschauer hervorrufen will. Gutes Stichwort: Die Verfilmung von Dracula basiert mehr auf dem Theaterstück, als auf dem Roman von Bram Stoker. Das Filmstudio hatte nicht genügend Geld, also bediente man sich der günstigeren Theater-Lösung. In dem Theaterstück hat Bela Lugosi lange Zeit brilliert. Es heißt, er habe sich mit einem schmalen Gehalt begnügt, weil er unbedingt in dem Film mitspielen wollte. Der Produzent Carl Laemmle jr. hatte sich extra gegen Lugosi als Vampir ausgesprochen.

Mir gefiel an dem Film, den man unbedingt mit einem romantischen Filmliebhaber-Auge betrachten sollte, die Atmosphäre und die Tatsache, das so wenig gezeigt wird. Heutzutage hat jeder Vampir spitze Fangzähne und beißt seinen Opfern in den Hals, das Blut fließt ... — Bela Lugosi zeigt den gesamten Film über keine spitzen Zähne. Auch sieht man nie, wie er jemandem in den Hals beißt. Man sieht aber auch nie, wie er aus dem Sarg steigt. Bei solchen Handlungen dreht die Kamera von Karl Freud immer dezent zur Seite. Nett.

Auch finde ich die Einstellungen in den großen Häusern von Dracula interessant. Man sieht ganz viel Raum und irgendwo stehen die Menschen. Erst dann geht die Kamera auf die Darsteller zu. Hat was. Zudem zeigt der Film oft nur Schatten. Eine aus heutiger Sicht klassische "Gruselmethode". Wird im modernen Film aber kaum mehr eingesetzt. Heutzutage wird immer draufgehalten.

Neben der oben bereits angesprochenen, äußerst theatralischen Handhaltung Lugosis sind auch noch seine Augen bemerkenswert. Eindringlich schaut er den Zuschauer an, will ihm telepathisch etwas mitteilen, so scheint es. Das wird dadurch verstärkt, dass seine Augen in diesen Momenten stets besonders beleuchtet sind.

Während Lugosi den "bösen Blick" drauf hatte, hatte Dwight Frye, der den Renfield spielt, einen geradezu irren Blick drauf. Manchmal fand ich Renfield durchaus gruseliger als den Grafen. Zumal sich der Vampir — aber auch seine drei Bräute in Transsylvanien — ziemlich lahm bewegen. Da ist es schon ganz gut, wenn man jemanden aus der Ferne hypnotisieren kann. Nur so ist es möglich sich in dem niedrigen Tempo an sein Opfer anzunähern.

Dracula hat Atmosphäre, einen irren Gehilfen, ist düster und braucht keine großartigen Tricks. Ein guter Film für Kinoliebhaber. Allerdings gefiel mir Boris Karloff in Die Mumie und erst recht in Frankenstein weitaus besser. Vielleicht, weil die Figur des Dracula und seine Beweggründe zu blass bleiben. Und das hängt nicht mit der Blutleere zusammen; eher mit der Tatsache, dass dieser Dracula ein Theaterbühnen-Vampir ist. Die Figur des Vampir-Jägers Van Helsing ist in dieser Fassung ebenfalls ziemlich fade.

Fragt man heutzutage einen Filmhistoriker, dann hört man stets, dass die modernen Vampir-Filme immer etwas mit Sexualität zu tun haben. Der Biss, das Saugen, das Abhängigmachen. In der 1931er Version ist davon nichts zu spüren. Kann auch gar nicht. Das Filmstudio Universal hat sogar ausdrücklich verboten, dass gezeigt wird, wie Dracula Renfield beißt. Das hätte als homoerotisch aufgefasst werden können. Lieber Frauen beißen — doch auch das sehen wir nicht.

Möchte man eine gewisse "cineastische Grundausbildung" genießen, kommt man an Dracula nicht vorbei. Alle Anderen müssen ihn nicht gesehen haben.

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