Filmplakat Die Nacht des Jägers
7,5/10

„Es gibt zu viele davon. Ich kann nicht die ganze Welt töten.“ (Die Nacht des Jägers, 1955)


Die Nacht des Jägers

Besprechung

Der Wanderprediger Harry Powell (Robert Mitchum) hat sehr fragwürdige Moralvorstellungen. Gerade ist er wegen Autodiebstahl verknackt worden. Im Gefängnis lernt er den zum Tode verurteilten Ben Harper (Peter Graves) kennen. Ben hatte kurz vor seiner Festnahme eine Bank überfallen und 10.000 Dollar irgendwo bei sich im Haus versteckt.

Nach seiner Freilassung macht sich Powell gleich auf den Weg zur jungen Witwe Willa (Shelley Winters). Powell lullt Willa um seinen Finger und eigentlich das gesamte Dorf. Nur Peters Sohn John (Billy Chapin) ist Powell gegenüber misstrauisch. John hat seinem Vater kurz vor dessen Verhaftung geschworen, das Versteck des Geldes nicht preiszugeben.

Willa und Powell heiraten. Der gewalttätige Priester will natürlich nur an das Geld. Da ist ihm Jeder im Weg. Zuerst Willa, später macht er Jagd auf John und seine jüngere Schwester Pearl (Sally Jane Bruce). Das Geschwisterpaar kann fliehen, doch Powell ist ihnen hartnäckig auf den Fersen.

Meinung von

Die Kinogänger haben damals den Film von Charles Laughton nicht verstanden. Die Nacht des Jägers kam nicht gut an und stieß nur auf Unverständnis. Laughton war so angenervt davon, dass er es bei Die Nacht des Jägers beließ. Er saß danach nie wieder im Regiestuhl.

Allerdings muss man schon sagen, dass der Film wirklich nicht einfach zu greifen ist. Was ist das? Ist es ein Thriller? Ein Film Noir? Ein Gruselmärchen im expressionistischen Stil? Ja, alles das. Ist man nicht darauf vorbereitet, kann man schon ziemlich verwirrt sein beim Anschauen. Wir haben hier einen sehr wilden Mix aus verschiedenen Stilen vorliegen.

Ich ging z.B. selber mit der Einstellung in den Film, einen knallharten Thriller zu sehen. So fängt er auch an. Robert Mitchum hat diverse böse, irre Blicke am Leibe und versprüht Gefahr. Sein moralisch derangierter Priester ist wahrlich gruselig. Welcher Geistliche hat schon die Worte LOVE und HATE auf seine Fingerknöchel tätowiert? Powell. Das mutet wie ein Überbleibsel von einem Gefängnisaufenthalt an. Aber Powell ist neben seiner kriminellen Art - er sorgt u.a. mit seinem Springmesser für Gerechtigkeit - auch religiös. Zumindest hält er immer wieder Zwiesprache mit Gott.

Die Nacht des Jägers hat neben den Psychomomenten mit Powell auch großartige, visuelle Einstellungen zu bieten. Tiefe Schatten, viel Schwarz sind zu sehen. Powells erster Auftritt bei den Harpers ist wie aus einem Schauermärchen entnommen: seine Silhouette erscheint von der Gaslampe auf der Straße an die Wand des Kinderzimmers geworfen. Das sind die Bilder für Kinderalbträume.

Ist Die Nacht des Jägers anfangs noch sehr realistisch, driftet er immer mehr in eine Schreckenskulisse ab. Wenn er Willa mit ihrem Wagen im Fluss versenkt, zeigt uns Laughton sich rhythmisch bewegende Algen, die im Einklang sind mit den Bewegungen von Willas Haar im Wasser. Als dann die Verfolgungsjagd der Kinder losgeht, sind Fluss und Ufer klar als Studiokulissen zu enttarnen. Eine Scheune am Ufer ist nur ein Scherenschnitt. Es dreht sich immer mehr um die Kinder, Laughton zeigt uns eine einfacher geschnittene Welt.

Wie gesagt: das kann schon verwirren.

Am Ende gelangen John und Pearl an die Witwe Rachel Cooper (Lillian Gish), der schon einige Waisenkinder aufgenommen hat. Ist man anfangs noch irritiert, wieso Laughton der jungen Ruby (Gloria Castillo) so viel Zeit schenkt, wird es später klar. Powell soll auch bei ihr seinen Charme spielen lassen und die junge Frau verwirren.

Der Film wird komplett zur Karikatur, bzw. zum Märchen, wenn Mrs. Cooper auf den aggressiv gewordenen Powell schießt und dieser wie ein Cartoon-Wolf aufheult und kreuz und quer durch den Garten und über den Zaun hüpft. Noch einmal: Wer einen harten Thriller erwartet hat, wird spätestens an dieser Stelle vor den Kopf gestoßen.

Die Kinder sind in der zweiten Hälfte des Films der Mittelpunkt. Ein weiteres zentrales Thema, neben den beinahe traumgleichen Sequenzen der Flucht, ist das Bild der Frau. Es wird viel biblischer Text zum Besten gegeben. Die Frau scheidet nie gut ab. Der Film spielt, das muss man sagen, in den 1930er. Damals war das Frauenbild aber auch nicht gerade gut.

Dennoch: Hat man sich erst einmal auf die besondere Art des Films eingelassen, ist er gut. Mitchum - der Laughton ohne Namensnennung bei den Regiearbeiten geholfen haben soll - ist durch und durch gefährlich. Getrieben von Gier und verwirrt von schrägen Moralvorstellungen geht er los und tötet. Schon weil der Streifen so umstritten ist, sollte man ihn gesehen haben.

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