Filmplakat Banksy – Exit Through the Gift Shop
8,5/10

„Scheiße, wir haben 1 Mio Pfund gefälscht!“ (Banksy – Exit Through the Gift Shop, 2010)


Banksy – Exit Through the Gift Shop

Besprechung

Thierry Guetta kam einst aus Frankreich nach Amerika. Hier hat er einen kleinen Shop für gebrauchte Kleidung, die er manchmal — mit dem richtigen Verkaufsargument — zu horrenden Preisen an die Kundschaft bringt. Der rundliche Mann mit dem Backenbart ist geradezu besessen vom Filmen. Er hat stets seine Kamera dabei und filmt ohne Ende. Immer mehr Videokassetten sammeln sich an und landen ungesehen in Kisten.

Während eines Frankreich-Urlaubs kam er mit der Kunst seines Cousins in Berührung. Dieser praktiziert unter dem Pseudonym “Space Invaders” Street-Art. Thierry ist von den wild in den Straßen aufgeklebten Mosaiken begeistert — und filmt.

So kommt er, zurück in L.A., in Kontakt mit dem Street-Art-Künstler Shepard Fairey. Der Franzose wird Shepards treuer Gehilfe. Nebenbei nimmt er alle (illegalen) Aktionen des Künstlers mit der Kamera auf. Thierrys größter Traum: Ein Treffen mit dem britischen Star der Street-Art, Banksy. Doch so leicht ist es nicht, an den Mann aus Bristol heranzukommen, von dem niemand weiß, wer er wirklich ist.

Doch der Zufall führt Filmemacher und Graffiti-Künstler zusammen. Thierry darf eine Dokumentation über Banksy machen. So filmt er Stunden um Stunden — ohne je etwas zusammenzuschneiden. Bis Banksy den so oft angepriesenen Dokumentationsfilm über Street-Art sehen will …

Meinung von

Großartiges Kunstkino mit riesigem Spaß-Faktor. Banksy - Exit through the gift shop fängt als ein Film über Thierry an, der eine Doku über Banksy drehen will. Doch der britische Künstler, der hinter dem Streifen überhaupt steht, dreht den Spieß um. Von ihm handelt der Streifen kaum. Wir sehen den Künstler nur mit abgedunkeltem oder verpixelten Gesicht und hören seine verzerrte Stimme. Thierry ist der Mittelpunkt des Films.

Wir sehen den besessenen Hobbyfilmer, lernen ihn kennen und verstehen, sehen seine verwackelten, unscharfen Bilder und bekommen eine Ahnung davon, wie sehr er die Street-Art liebt. Was er alles dafür gibt. Seine Ehe wird arg strapaziert, sein Konto ebenfalls.

Zunächst wird er in der Street-Art-Szene gut aufgenommen, doch zusehends realisieren die Künstler — und der Zuschauer —, dass mit dem Franzosen irgendwas nicht stimmt. Spätestens als er Banksy seinen Dokumentationsfilm zeigt, der wie ein Projekt "eines mental Zurückgebliebenen mit starkem Aufmerksamkeitsdefizit und einer Fernbedienung für 900 Sender" wirkt, wird klar, dass Thierry nicht so toll ist, wie er sich selber immer darstellt.

Banksy will den Film selber schneiden und schickt Thierry mit einer "Mission" nach L.A. zurück. Der ehemalige Secondhand-Verkäufer soll selber Street-Art machen.

Und das macht er. Thierry nennt sich fortan nur noch "Mr. Brainwash" und produziert wie ein Verrückter Kunst. Kunst, die stark an andere Meister angelehnt ist. Neben Banksys und Faireys Kunst findet sich vor allem Andy Warhol in "Mr. Brainwashs" Schaffen wieder. Sein Ziel ist es, in einem alten CBS-Gebäude eine riesige Kunstausstellung zu präsentieren. Ohne auch nur einen blassen Schimmer von dem zu haben, was man alles bedenken muss, will man eine Ausstellung auf die Beine stellen, hievt sich "Mr. Brainwash" in die oberste Klasse der Kunstschaffenden. Seine Kunst wird noch vor Öffnung der Ausstellung "A beautiful life" zu hohen Preisen verkauft und landet in Galerien.

Irgendwann dämmert es einem, dass Thierry nicht echt sein kann. Banksy macht uns mit der Figur vertraut, lässt sie unser Freund werden und zeigt dann wie die Street-Art kommerzialisiert wird. Es findet ein Ausverkauf der vergänglichen Kunst von der Straße statt. Vernissagen mit Street-Art? WTF? Was soll das? Street-Art zu dokumentieren ist, angesichts ihrer Vergänglichkeit, ganz in Ordnung, aber Thierry dreht voll ab.

Wir sehen "Mr. Brainwash" übrigens nie wirklich "Kunst schaffen". Dafür hat er seine unzähligen Helfer (ein Hinweis darauf, dass es sich bei dem Film um einen einzigen Schwindel handelt). Banksy selber kritisiert Thierry und damit das Vermarktungssystem der Kunstform, die er sich in vielen Jahren zu eigen gemacht hat. Da kann nicht auf einmal jemand daher kommen und ohne den Prozess der "Findung" sich Künstler schimpfen — oder gar einer sein. Oder geht das doch?

Ein sehr lustiger Film, ein Film über eine spannende und mittlerweile bekannte Kunstform. Die Doku, die tatsächlich keine ist, macht sich über die "etablierte" Kunst und ihre Vermarktung lustig. Dabei wird der Film so geschickt aufgebaut, dass man zunächst wirklich glaubt, Thierry sei ein gefeierter Star. Allerdings ist er nur Mittel zum Zweck.

Nach dem Kinogang haben wir uns jedenfalls intensiv über Banksy - Exit through the gift shop unterhalten, etwas, dass die Moviejunkies auch schon lange nicht mehr nach einem Film gemacht haben. Ein zum Nachdenken anregender, ein toller Film, bei dem bei mir irgendwie ein gutes Gefühl aufkam. Er bringt einfach Spaß.

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